Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

The Cultural Constitution of Causal Cognition

Setting the Stage for a Cross-Disciplinary Endeavour

Termin: 13. - 14. Oktober 2011

Leitung: Andrea Bender (Freiburg), Sieghard Beller (Freiburg)

Veranstaltungsplakat

Die Eröffnungstagung, die vom 13. bis 14. Oktober mit rund 65 Teilnehmern am ZiF ausgerichtet wurde, stand unter dem Leitthema Setting the stage for a cross-disciplinary endeavour. Sie verfolgte zwei wesentliche Ziele: zum einen den Forschungsstand zur Kausalkognition aus den einzelnen Disziplinen der Kognitionswissenschaften heraus zu beleuchten und zum anderen Potenziale und Hindernisse interdisziplinärer Kooperation zu diskutieren. In ihrer Begrüßungsrede hob die ZiF-Direktorin und Jura-Professorin Ulrike Davy die praktische Relevanz und die Notwendigkeit zur Kooperation in diesem Bereich deutlich hervor, denn auch in der Jurisprudenz spielt die Beurteilung der Ursachen von Ereignissen und Verhaltensweisen, wie sie die Forschungsgruppe thematisiert, eine entscheidende Rolle. Das gelte sowohl für die Rekonstruktion eines Tathergangs als auch für die Zumessung von Verantwortung und damit von Schuld und Strafe. Als Einstieg in die inhaltliche Diskussion hätte diese Grußnote kaum besser gewählt sein können, wie die Ausrichter der Konferenz, Andrea Bender und Sieghard Beller von der Universität Freiburg, in ihrer anschließenden Eröffnungsansprache anmerkten.

Der erste Konferenztag war der disziplinären Betrachtung von Kausalkognition gewidmet. Den Auftakt machte David Danks für die Philosophie. In seinem Vortrag legte er Befunde für die These vor, dass Personen hauptsächlich das Kriterium der Verlässlichkeit nutzen, wenn sie bestimmen, ob ein Ereignis die Ursache für ein anderes Ereignis ist. Es folgten zwei Vorträge aus der Psychologie: Die Entwicklungspsychologin Tamar Kushnir betonte die Rolle sozialer Erwartungen und gemeinsamer Handlungsziele, wenn Kinder kausale Zusammenhänge gemeinsam mit Erwachsenen explorieren. Michael Waldmann gab einen Überblick über verschiedene theoretische Ansätze zum kausalen Lernen aus der Psychologie und einen Einblick in seine Forschung zu Personen als kausalen Akteuren. Der Ethnologe Maurice Bloch mahnte zur Vorsicht bei der Verwendung des Begriffs ›Kultur‹ und stellte am Beispiel seiner Feldforschung in Madagaskar die radikale These auf, dass fundamentale Unterschiede in (kausalen) Kognitionen kaum zu erwarten seien, da es einem ja gelingen könne, sich selbst in ›exotische‹ Gruppen ›einzuleben‹ und damit deren Sichtweise auf die Welt zu begreifen. Der Linguist Leonard Talmy wiederum stellte an vielen konkreten sprachlichen Beispielen eine Klassifikation kausativer Ausdrücke vor. In einer kognitionswissenschaftlichen Betrachtung kausaler Modelle verknüpfte Keith Stenning verschiedene disziplinäre Ansätze zum Thema, und Hans Markowitsch schließlich stellte aktuelle Arbeiten zu kulturellen Ursachen für Amnesien und Traumata vor.

Der zweite Konferenztag war der Frage gewidmet, ob und wie man die disziplinären Grenzen überwinden könne. In seinem Eröffnungsvortrag Cognition goes social plädierte Wolfgang Prinz für eine grundsätzliche Erweiterung der Perspektive der Kognitionswissenschaft: Die Kognitionsforschung mit ihrer stark individuenzentrierten Perspektive dürfe die soziale Natur des menschlichen Seins nicht vernachlässigen, da diese die Kognition bis hinein in die neuronale Architektur zu prägen vermag. Für eine Podiumsdiskussion zu dieser Frage waren führende Forscher und Vertreter einschlägiger Fachverbände geladen: Josep Call, Markus Knauff (früherer Präsident der Gesellschaft für Kognitionswissenschaft), Stephen Levinson, Günter Schlee (früherer Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde) sowie Robert Turner. Dabei zeichneten sich unterschiedliche Einstellungen zur Frage der Interdisziplinarität in den Kognitionswissenschaften ab: Sie reichten von ›trotz vorhandener Hindernisse wie unterschiedliche Fragen, Methoden, Theorien und Sprachgewohnheiten gibt es durchaus Beispiele gut gelungener Kooperationen‹, über ›fachliche Spezialisierung und Diversität im Sinne unterschiedlicher disziplinärer Zugänge sind für den wissenschaftlichen Fortschritt in den Kognitionswissenschaften wichtig‹ bis hin zu ›die von der klassischen kognitiven Psychologie dominierte Kognitionswissenschaft wird in absehbarer Zeit einen gewaltigen Tsunami erleben, ausgelöst durch eine Betrachtung interindividueller und kultureller Diversität kognitiver Prozesse in einem genetischen und epigenetischen Rahmen‹. Die unterschiedlichen Positionen gaben reichlich Anregung für Diskussionen, die auch während der Mittagspause weitergeführt wurden.

Am Nachmittag präsentierten Fellows der Forschungsgruppe zwei inhaltliche Domänen, die im Verlauf des Forschungsjahres vertieft werden sollen: Kausalität im medizinischen Denken verschiedener Kulturen (Chairs: York Hagmayer und Thomas Widlok) sowie Kausalität, soziale Interaktion und Agency (Chair: Markus Werning). Die zahlreichen Beiträge der Tagungsteilnehmer erbrachten das erhoffte Feedback für die weitere Planung zu diesen Themenfeldern. Der Key-Note-Vortrag von Douglas Medin zur kulturellen Natur von Kognition, in dem er die vielfältigen kognitiven Implikationen kultureller Rahmenbedingungen am Beispiel der Naturkonzeption der Menominee-Indianer in den USA beleuchtete, rundete den inhaltlichen Teil der Konferenz ab.

Insgesamt bestätigte die Tagung zwar den Eindruck, dass die wissenschaftliche Analyse von Kausalkognitionen derzeit über die verschiedenen Disziplinen hinweg in sehr viele Facetten zersplittert ist, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, Fragestellungen, Methoden und Ansätzen in jeder Disziplin. Gleichzeitig zeigte sie aber auch viele Anknüpfungspunkte und Überschneidungen und damit reichlich Kooperationspotenzial auf. Dies fand in angeregten Diskussionen zu den einzelnen Vorträgen und in den Pausen seinen Niederschlag, und zwar quer über alle Fächer. Insofern war es mit der Tagung, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wurde, tatsächlich gelungen, ›die Bühne‹ für die Arbeit der Forschungsgruppe zu bereiten. Die durchweg offene, sehr respektvolle und diskursive Atmosphäre wurde von allen Teilnehmern positiv hervorgehoben, was uns hoffen lässt, dass unser ›interdisziplinäres Abenteuer‹ gelingen kann.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Christoph Antweiler (Bonn), Bettina Beer (Luzern), Kate Bellamy-Dworak (Nimwegen), Giovanni Bennardo (DeKalb, IL), Lucas M. Bietti (Essen), Maurice Bloch (London), James Boster (Storrs, CT), Penelope Brown (Nimwegen), Susanne Bubser (Freiburg i.Br.), Hendrik Buschmeier (Bielefeld), Josep Call (Leipzig), David Danks (Pittsburgh, PA), Thomas Friedrich (Köln), Donald Gardner (Luzern), Anton Gietl (Freiburg i.Br.), Sascha Griffiths (Bielefeld), York Hagmayer (London), Miriam Noël Haidle (Frankfurt am Main), Daniel Hanus (Leipzig), Daniel Haun (Leipzig), Sabine Hess (Bielefeld), Kirill Istomin (Halle (Saale)), Markus Knauff (Gießen), Günther Knoblich (Nimwegen), Stefan Kopp (Bielefeld), Maria Kronfeldner (Bielefeld), Gregory Kuhnmünch (Freiburg i.Br.), Tamar Kushnir (Ithaca, NY), Olivier Le Guen (México D.F.), Stephen Levinson (Nimwegen), Anna-Lena Lumma (Osnabrück), Stefan Mangold (Göttingen), Hans Markowitsch (Bielefeld), Douglas L. Medin (Evanston, IL), Christian Meyer (Bielefeld), Jonas Nagel (Göttingen), Hansjörg Neth (Berlin), Albert Newen (Bochum), Leonie Pabst (Freiburg i.Br.), Julia Pauli (Hamburg), Wolfgang Prinz (Leipzig), Helge Ritter (Bielefeld), Annelie Rothe (Freiburg i.Br.), Marius Rubo (Freiburg i.Br.), Federica Russo (Canterbury), Amir Sadeghipour (Bielefeld), Günther Schlee (Halle (Saale)), Ulrike Schröder (Bielefeld), Anita Schroven (Bielefeld), Natalie Sebanz (Nimwegen), Gunter Senft (Nimwegen), Anne Springer (Potsdam), Keith Stenning (Cabrière), Stefan Strohschneider (Jena), Claire Swyzen (Leuven), Leonard A. Talmy (Buffalo, NY), Christopher Topp (Bochum), Robert Turner (Leipzig), Wolfgang van den Daele (Berlin), Gottfried Vosgerau (Düsseldorf), Ipke Wachsmuth (Bielefeld), Michael Waldmann (Göttingen), Markus Werning (Bochum), Thomas Widlok (Nimwegen)



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