Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Klinische Differenzialdiagnostik und linguistische Analyse von Gesprächen: Neue Wege in Datenerhebung, Analyse und Auswertung im interdisziplinären Forschungskontext

Termin: 26. - 28. November 2015

Leitung: Barbara Frank-Job (Bielefeld, GER), Markus Reuber (Sheffield, GBR), Elisabeth Gülich (Bielefeld, GER), Martin Schöndienst (Bielefeld, GER), Alexander Mehler (Frankfurt am Main, GER), David Schlangen (Bielefeld, GER)

Gemeinsame Forschungen von klinischen Neurologen und Linguisten konnten belegen, dass linguistische Analysen der Anfallsschilderungen von Patienten die Diagnose epileptischer und psychogener Anfallserkrankungen mit hoher Zuverlässigkeit differenzieren können. Derartige qualitative Analysen konzentrieren sich auf sprachlich-interaktionale Merkmale von Arzt-Patienten-Gesprächen. Die linguistische Diagnosemethode wurde mit großem Erfolg in klinischen Studien überprüft und konnte inzwischen auf weitere paroxysmale Erkrankungen wie z.B. Bewegungsstörungen und Panikattacken übertragen werden.

Die ZiF-Arbeitsgemeinschaft führte nun klinische Neurologen, Psychologen und Psychosomatiker, Gesprächsanalytiker, Computerlinguisten und Informatiker zusammen. Nach einem Impulsreferat, in dem aktuelle computerlinguistische Studien aus England zu Möglichkeiten der Früherkennbarkeit des Ansprechens auf antipsychotische Therapien vorgestellt wurden, folgten Vorträge aus klinisch-neurologischer Sicht. Dabei wurde zunächst die besondere Bedeutung genauer Anamnese in der Epileptologie dargestellt und sodann, aus einer doppelten, klinischen wie auch literaturkundigen Perspektive, in der erzählerischen Literatur zu entdeckende, charakteristische Ausdrucksweisen zur Darstellung von Erfahrungen epileptischer Anfälle entfaltet. Ebenfalls aus klinischer Sicht wurden dann Vorgehensweisen und Ergebnisse stationärer Therapien für Menschen mit dissoziativen Anfällen aufgezeigt.

Die Arbeitsgemeinschaft bot zum einen die Gelegenheit, die gesprächsanalytische Differenzialdiagnose an Fallbeispielen vorzustellen und die Ergebnisse der bisherigen qualitativen Forschungen zu diskutieren. Zum anderen wurden die in den letzten Jahren in Informatik und Computerlinguistik entwickelten Möglichkeiten der (semi-) automatischen Verarbeitung natürlichsprachiger Daten dargestellt und im Hinblick auf ihre Nutzung für die Differenzialdiagnose diskutiert. Die Verbindung zwischen qualitativer und quantitativer Forschung bildete einen in diesem Bereich innovativen Schwerpunkt, der sich durch die gesamten Diskussionen hindurch zog.

Dabei kamen – entsprechend der Tradition des ZiF – in verschiedenen Formaten von Plenarvorträgen bis zur Datenanalyse in kleinen Arbeitsgruppen die verschiedenen Bedürfnisse und Interessen der beteiligten Disziplinen zur Sprache, wobei die unterschiedlichen theoretischen und methodologischen Zugänge viel Raum in der interdisziplinären Diskussion einnahmen.

So wurden ebenso mögliche weitere medizinische Anwendungsfelder der differenzial-diagnostischen Methode diskutiert, wie Probleme und Lösungsmöglichkeiten für Datenerhebung, Datenverarbeitung und computergestützte Datenanalyse. Weitere Diskussionsthemen betrafen die Anforderungen an eine Professionalisierung der ärztlichen Gesprächsführung, Probleme der Formalisierung und Quantifizierung komplexer interaktionslinguistischer Merkmalscluster und die Erfordernisse einer auch linguistischen Laien zugänglichen Ergebnisdarstellung. Ein öffentlicher Abendvortrag informierte zudem über aktuellste Forschungsergebnisse zu den Möglichkeiten einer gesprächslinguistischen Differenzialdiagnose für Altersvergesslichkeit gegenüber verschiedenen Formen von Demenz.

Die Arbeitsgemeinschaft zeigte eindrucksvoll, dass die intensive sequenzbasierte qualitative Analyse von Gesprächsdaten aus der Arzt-Patientenkommunikation nicht nur erhebliches Potenzial enthält für die differenzialdiagnostische Nutzung insbesondere bei der Unterscheidung somatisch bedingter von psychogenen Erkrankungen, sondern dass sie auch Möglichkeiten einer differenzialtherapeutischen Behandlungsplanung eröffnet.

Die in einigen Vorträgen vorgestellten computerlinguistischen semi-automatischen Analysen dokumentieren eine vielversprechende innovative Entwicklung der Forschungen zu Arzt-Patientengesprächen, zeigten aber auch, dass hier noch sehr viel interdisziplinäre Grundlagenforschung notwendig ist, bis die computerbasierten Auswertungsverfahren einen klaren differenzialdiagnostischen Nutzen erbringen können, etwa indem sie komplexere interaktionslinguistisch relevante Merkmale von Gesprächen berücksichtigen.

Für das Organisationsteam erbrachte die Arbeitsgemeinschaft wichtige Hinweise darauf, wie eine künftige interdisziplinäre Projektarbeit aussehen sollte und welche Einzelfragestellungen und Untersuchungsziele sich dabei als sinnvoll erweisen können.


Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Carsten Detka (Magdeburg, GER), Nataliya Detka (Magdeburg, GER), Eva-Maria Fehre (Bielefeld, GER), Nora Füratsch (Berlin, GER), Julia Harfensteller (Berlin, GER), Martin Holtkamp (Berlin, GER), Eva-Maria Jakobs (Aachen, GER), Heike Knerich (Bielefeld, GER), Ulrich Krafft (Halle (Westf.), GER), Gabriele Lucius-Hoene (Freiburg i.Br., GER), Thomas Mayer (Radeberg, GER), Florian Menz (Wien, AUT), Joachim Opp (Oberhausen, GER), Wolfgang Picker-Huchzermeyer (Bielefeld, GER), Karola Pitsch (Essen, GER), Katja Ploog (Besançon, FRA), Matthew Purver (London, GBR), Annely Rothkegel (Hildesheim, GER), Marlene Sator (Wien, AUT), Birte Schaller (Bielefeld, GER), Carl Eduard Scheidt (Freiburg i.Br., GER), Thomas Schmidt (Mannheim, GER), Fritz Schütze (Magdeburg, GER), Hans Beatus Straub (Bernau, GER), Anja Stukenbrock (Jena, GER), Susanne Uhmann (Wuppertal, GER), Jan Wirrer (Bielefeld, GER), Peter Wolf (Dianalund, DEN), Sina Zarrieß (Bielefeld, GER)



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