ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Kriminologie des Visuellen - Ordnungen des Sehens und der Sichtbarkeit im Kontext von Kriminalitätskontrolle und Sicherheitspolitiken

Termin: 22. - 23. März 2018
Leitung: Axel Groenemeyer (Dortmund, GER), Bettina Paul (Hamburg, GER), Bernd Dollinger (Siegen, GER), Birgit Menzel (Hamburg, GER), Dorothea Rzepka (Darmstadt, GER), Henning Schmidt-Semisch (Bremen, GER), Klaus Weinhauer (Bielefeld, GER)

Gegenstand der Arbeitstagung waren die historischen, kulturellen und sozialen Bedingungen der Darstellung, Wahrnehmung und Deutung von Kriminalitäts- und Sicherheitsproblemen sowie die Prozesse und Folgen der praktischen Nutzung von Bildern, visuellen Medien und visuellem Material bei der Kriminalitätskontrolle und der kriminologischen Erkenntnisproduktion. Befördert durch technische Entwicklungen und ihre massive Verbreitung wird visuellen Medien und Technologien eine herausragende Stellung bei der Wirklichkeitskonstruktion und Sinngebung zugeschrieben und ein dementsprechender Paradigmenwechsel als pictorial turn, iconic turn oder visual turn für die Sozial- und Kulturwissenschaften propagiert.

Die wird auch für die kriminologische Forschung behauptet und betrifft nicht nur die Verbreitung visueller Darstellungen von Kriminalität und Kriminalitätskontrolle über Filme, Fotografien, Grafiken und Schaubilder in Medien. Im Zuge der Ausweitung technischer Möglichkeiten wird auch im Rahmen der polizeilichen Kriminalitätsverfolgung und justiziellen Kontrolle auf Bilder und andere Formen der Visualisierung zurückgegriffen (angefangen von der Rolle der Fotografie bei der »Verbrecherkartierung« über die Kartierung städtischer Kriminalitätsrisikogebiete bis hin zu Bildern der Videoüberwachung und modernen Techniken der Gesichtserkennung im öffentlichen Raum). Dies gilt auch für die Verwendung visuellen Materials und visueller Methoden im Rahmen der wissenschaftlichen Thematisierung von Kriminalität, Sicherheitsbedrohungen und ihrer Kontrolle, die bereits seit ihren Anfängen auf Visualisierungen, Visualität und Sichtbarkeit zur Demonstration von Evidenz zurückgreift. Visualisierungen gelten als ein Hinweis auf Relevanz; sie haben zentrale Bedeutung für die Objektivierung, Institutionalisierung und Legitimierung von Wissen.

Eine intensivere Auseinandersetzung kommt innerhalb der Disziplinen, die sich in Deutschland mit Kriminalität und Kontrolle auseinandersetzen, erst spät, nur langsam und ohne wechselseitigen Bezug zueinander in Gang. Vor diesem Hintergrund hat die Forschungsgruppe, anknüpfend an internationale Entwicklungen und Diskurse eine interdisziplinäre Beschäftigung und gegenseitige Befruchtung empirischer wie theoretischer Forschung initiiert, bei der insbesondere der Handlungs- und Kommunikationscharakter bildlicher Ausdruckspraktiken von Kriminalität und Sicherheitsbedrohungen in den Blick genommen wurde.

Das Programm der Arbeitstagung wurde über die Thematisierung von Visualität in drei kriminologischen Diskursfeldern strukturiert, die jeweils über einleitende Plenarvorträge und daran anschließende deutsch- und englischsprachige Arbeitsgruppen bearbeitet wurden: 1. Technologien der Visualisierung in Kriminalitätskontrolle und Sicherheitsproduktion, 2. Produktion gesellschaftlicher Bilder von Kriminalität und Kontrolle in Öffentlichkeit und Medien, 3. Zur visuellen Wissensproduktion der Kriminologie.

Ein zentraler Diskussionspunkt war die visuelle Wissensproduktion in Kriminalitäts- und Sicherheitskontrollkontexten, in der Gegenwart wie auch in historischer Perspektive. Die sechs Plenumsvorträge stimulierten hierzu mit grundständigen Ein- und Überblicken zur Rolle von Visualität sowie visueller Medien in der Kriminalitätskontrolle. Die Bandbreite der Themen reichte dabei von eher historischen Ansätzen einer visuellen Ethnografie in fotodokumentarischer Tradition und Analysen der Techniken von Bildern und Karten in der Kriminalitätskontrolle über wissenschaftstheoretische Reflektionen der visuellen Darstellung von Kriminalität und Sicherheitsbedrohungen bis hin zu medienwissenschaftlichen Analysen von Verbrecherbildern. Die intendierte Bandbreite der Ansätze in den Plenumsbeiträgen wurde für die Diskussionen in den parallelen deutsch- und englischsprachigen Arbeitsgruppen aufgenommen. Hier konzentrierten sich die Diskussionen auf die Vertiefung der theoretischen Ansätze der Bildanalyse, auf die methodologischen Reflektionen der eingebrachten empirischen Projekte oder die Fallstudien aus dem Bereich der Kriminalitätskontrolle bzw. der medialen Produktion von Kriminalitätsbildern.

Da insbesondere englisch- und US-amerikanische Ansätze als Vorreiter in ihrer Entwicklung einer visual criminology bzw. einer criminology of the visual gelten, war der Dialog mit den Vertretern dieser Perspektive sehr anregend für die Arbeitsgruppen. Die 66 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den USA, Großbritaanien, Belgien, Österreich und Deutschland vertraten Felder wie die Soziologie, Psychologie, Kriminologie, Geschichtswissenschaft, Public Health, Kulturwissenschaft, Rechtswissenschaft, Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie Humangeographie.

Tagungsprogramm
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Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Laila Abdul-Rahman (Bochum, GER), Birger Antholz (Hamburg, GER), Jakob Bach (Freiburg i.Br., GER), Peter Becker (Wien, AUT), Bernd Belina (Frankfurt am Main, GER), Nils Bienzeisler (Hamburg, GER), Phil Carney (Canterbury, GBR), Nadine Drolshagen (Bochum, GER), Simon Egbert (Hamburg, GER), Björn Ewert (Hamburg, GER), Jeff Ferrell (Fort Worth, USA), Wendy Fitzgibbon (Leicester, GBR), Roland Franken (Köln, GER), Ruben Franzen (Eilenburg, GER), Olga Galanova (Bochum, GER), Schohreh Golian (Hamburg, GER), Christine Graebsch (Dortmund, GER), Christine Hentschel (Hamburg, GER), Felicitas Heßelmann (Berlin, GER), Veronika Hofinger (Wien, AUT), Jens Jäger (Köln, GER), Nadine Jukschat (Hannover, GER), Svenja Keitzel (Frankfurt am Main, GER), Stefan Kersting (Gelsenkirchen, GER), Konstantin Kleist (Neuss, GER), Selma Lamprecht (Berlin, GER), Kelly Lancaster (Hamburg, GER), Michael Lindemann (Bielefeld, GER), Tino Minas (Münster, GER), Moritz Benjamin Müller (Darmstadt, GER), Anne Nassauer (Berlin, GER), Dörte Negnal (Siegen, GER), Alexandra Nonnenmacher (Siegen, GER), Volker Poller (Darmstadt, GER), Hanna Post (Düsseldorf, GER), Susanne Regener (Siegen, GER), Martin Reinhart (Berlin, GER), Herbert Reinke (Berlin, GER), Marianne Ruhnau (Hamburg, GER), Sarah Schaible (Hamburg, GER), Lisa Scheibe (Hamburg, GER), Sarah Schirmer (Siegen, GER), Holger Schmidt (Dortmund, GER), Sarah Schreier (Hamburg, GER), Susanne Selter (Bochum, GER), Johannes Stehr (Darmstadt, GER), Camille Stengel (London, GBR), Dunja Storp (Marl, GER), Katja Thane (Bremen, GER), Elene Tskhadadze (Hamburg, GER), René Tuma (Berlin, GER), Peter Ullrich (Berlin, GER), Christian Wickert (Gelsenkirchen, GER), Sabrina Winter (Hamburg, GER), Gina Rosa Wollinger (Hannover, GER), Ines Woynar (Ludwigshafen, GER), Louisa Zech (Bochum, GER), Michael Zimmermann (Darmstadt, GER)

Organisatorische Fragen beantwortet Trixi Valentin im Tagungsbüro. Bei inhaltlichen Fragen wenden Sie sich bitte direkt an die Veranstaltungsleitung.


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