Religion und soziale Ungleichheit - Pfingstbewegung und Verwandtes

Bild: Pfingstbewegung Spätestens seit Max Webers Ausführungen über "Stände, Klassen und Religion" ist es klar, dass die soziale Position von Menschen und ihre religiösen Dispositionen in einem engen Zusammenhang zueinander stehen. Das ist nicht nur im Rahmen von nationalen Gesellschaften der Fall, sondern schlägt sich auch in unterschiedlichen Strategien im Umgang mit Transnationalisierung und Globalisierung nieder. Besonders deutlich werden diese Zusammenhänge heute an der Pfingstbewegung in der Dritten Welt – der derzeit dynamischsten religiösen Bewegung überhaupt. Verschiedene Projekte über die Pfingstbewegung leuchten insbesondere den Zusammenhang zwischen sozialer Position und religiösen Dispositionen aus, um auf diese Weise die religiöse und gesellschaftliche Bedeutung, die Identitätspolitiken und Transnationalisierungsstrategien religiöser Akteure in den sich transformierenden Gesellschaften der Dritten Welt besser zu verstehen. Impulse für die systematische Theologie finden sich für Fundamentaltheologie und Hermeneutik in der Konfrontation mit radikal anderen Ansätzen des Theologietreibens und der inhaltlichen Ausrichtung von Theologie; für die Dogmatik in der pfingstkirchlichen Pneumatologie; und für die Ethik in der Reflexion von globaler und lokaler Ungleichheit als Frage der Gerechtigkeit u.a. im Kontext der Überlegungen zu einem praxeologischen Ethikansatz.

  1. Glaube und soziale Präsenz: Identitätspolitiken religiöser Akteure in Guatemala und Nicaragua
    Die Pfingstbewegung und die katholisch-charismatische Bewegung haben in den letzten Jahrzenten eine zunehmende gesellschaftliche Bedeutung erlangt. Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass Religiosität insgesamt eine starke argumentative Ressource im politischen Feld geworden ist. Diese Entwicklungen sind Gegenstand eines in Guatemala und Nicaragua durchgeführten Projektes.
    Dieses von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt ist das erste von zwei Teilprojekten. Ziel im ersten Teilprojekt ist eine synchron vergleichende empirische Erforschung religiöser Akteure in zwei religiös sehr dynamischen, aber höchst unterschiedlichen Ländern: Guatemala und Nicaragua. Im zweiten Teilprojekt soll ein diachroner Vergleich mit empirischen Forschungsergebnissen des Projektleiters von 1985/86 aus diesen Ländern vorgenommen werden. Die älteren wie die aktuellen Forschungen bauen auf einer im Anschluss an Bourdieu von Heinrich Wilhelm Schäfer entwickelten Methode der Religionsanalyse auf. Sie beschreibt und erklärt den Zusammenhang zwischen der objektiven Stellung religiöser Akteure im sozialen Raum und ihren subjektiven religiösen Identitäten – ihrer „Theologie im Kontext“. Auf dieser Grundlage können spezifische Befähigungen, politisches Handeln, transnationale Kompetenzbildung usw. in den Zusammenhang mit religiösen Überzeugungen spezifischer Gruppierungen der Pfingstbewegung gestellt werden. Der Ertrag des Gesamtprojekts liegt somit in empirischen Kenntnissen der Praxis aktueller religiöser Akteure, in einem methodisch kontrollierten diachronen Vergleich über 25 Jahre sowie in einem bedeutenden Schritt hin zu einer mehrfach getesteten Religionstheorie und Forschungsmethodik.

    Forscher: Tobias Reu, Adrián Tovar, Heinrich Wilhelm Schäfer

  2. Religious [Re]Sources of the Self: Popular Religion and Modern Identity in Metropolitan Mexico
    While in late modern societies all-pervasive laws of consumption shape those forms of individuality which bear upon us simultaneously as a promise and as a prescription, creative forms of responding to the late modern imperative of individualization are emerging in Latin America. Here, popular religion, even though largely excluded from the circuits of consumption as a result of its social position has come to constitute a productive field of symbolic resources for alternative forms of individuation in highly pluralized urban settings. Such is the main thesis of this dissertation project, which draws upon empirical research in the colonia (neighborhood) of El Ajusco situated in Mexico City's southern delegación (borough) of Coyoacán.

    This study relies predominantly on qualitative analysis and thus uses Habitus Analysis as its methodological centerpiece. Using this method it is possible to reconstruct religious identities as a network of dispositions. This, in turn, allows for an operationalization of socially differentiated logics of individuation as creative forms of situative reflexivity. The analysis is further enriched by statistical data capturing the correspondence between modes of individuation and positions in the social space as well as in the religious field.

    Forscher: Adrián Tovar Simoncic

Abgeschlossen:

  • E pluribus unum? – Identitätspolitiken in den Amerikas: ZiF Forschungsgruppe
    Aus dem Kontext der Bielefelder InterAmerikanischen Studien, mit denen wir in der Lehre kooperieren [Lateinamerika-Seminar WS 08/09], entstand die Forschungsgruppe „E pluribus unum?“ am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung. Gegenstand der Untersuchungen sind partikulare, lokale und sich transnationalisierende identitätsbasierten Strategien sozialer Bewegungen und kulturelle Einzelakteure, die sich parallel zur stark zunehmenden transnationalen Vernetzung zwischen Nord- und Südamerika artikulieren. Neben ethnischen spielen religiöse Identitätspolitiken eine zunehmend wichtige Rolle. Das zentrale methodische Interesse unserer Kooperation liegt in der methodischen und theoretischen Weiterentwicklung des bourdieuschen Feldbegriffs im Blick auf die Konzeptualisierung eines „identitätspolitischen Feldes“.

    Associated Fellows: Heinrich Schäfer, Adrián Tovar

  • Pfingstbewegung weltweit und Religion in Lateinamerika: Bertelsmann Religionsmonitor
    Im Rahmen der quantitativen Umfrage über Religiosität in 21 Ländern wurden von uns die Arbeitsbereiche Pfingstbewegung und Lateinamerika betreut. Wenngleich der Monitor keine sozialstrukturellen Variablen berücksichtigt hat, lassen sich anhand der Daten über religiöse Praxis interessante Analysen über religiösen Habitus und die Transformationen des religiösen Feldes machen.

    Forscher: Heinrich Schäfer

  • Argentinien: Religiöser Geschmack, religiöser Wechsel und Sozialstruktur
    Entgegen den Annahmen von Theorien religiöser Individualisierung sind Entscheidungen über den religiösen Wechsel nicht unabhängig von sozialstrukturell bedingten Prägungen des religiösen Geschmacks der Akteure. Sowohl Faktoren der sozialräumlichen Positionierung (Klassenhabitus) als auch Dynamiken des religiösen Feldes selbst (Heterodoxie vs. Orthodoxie, Erosion religiöser Monopole) üben Einfluss auf Entscheidungen von Individuen zum Wechsel der religiösen Zugehörigkeit aus und treten somit als Orientierungen und Begrenzungen religiöser Status-Strategien auf. Das Promotionsprojekt untersucht diese Fragen am Beispiel katholischer und pfingstlicher Christen im urbanen Großraum von Buenos Aires.

    Forscher: Jens Köhrsen