Center for Interdisziplinary Research
 
 

ZiF-Forschungsgruppentagung

Genetic and social causes of life chances: High ambitions and a realistic outlook
Abschlusskonferenz und Rückblick

Leitung: Martin Diewald (Bielefeld, GER), Rainer Riemann (Bielefeld, GER)

9. – 11. Januar 2017

Unter dem Titel Genetic and social causes of life chances: High ambitions and a realistic outlook stellte sich die Gruppe genau diesen, im Titel angelegten, Fragen: Welche Schlüsse lassen sich nach der gemeinsamen Arbeit der Gruppe mit Blick auf die genetischen und sozialen Ursachen von Lebenschancen und sozialer Ungleichheit ziehen? Mit wieviel Optimismus, aber auch mit wieviel Skepsis sind die Entwicklungen an der Schnittstelle zwischen genetischen und sozialen Erklärungsansätzen für gesellschaftliche Phänomene zu betrachten? Und was sind realistische Erwartungen an das Forschungsfeld für die Zukunft? In einem ersten inhaltlichen Block wurde aus dem DFG-Langfristvorhaben TwinLife berichtet, das an den Universitäten Bielefeld und Saarbrücken angesiedelt ist und durch die beiden Leiter und einige Fellows auch eng mit der ZiF-Forschungsgruppe verzahnt war. So referierte Volker Lang über die Einflüsse des Geburtsgewichts von Kindern und elterliche Reaktionen als Funktion des jeweiligen sozialen Hintergrunds. Rainer Riemann präsentierte Ergebnisse zur sozialen und politischen Partizipation aus einem erweiterten Zwillings-Familien-Design. Lisa Hahn sprach zu genetischen Einflüssen auf Alkoholkonsum in unterschiedlichen Lebensabschnitten und Juliana Gottschling trug über die Interaktion genetischer und sozioökonomischer Faktoren in der Genese kognitiver Fähigkeiten vor. Insgesamt, so lautete auch eine der grundlegenden Schlussfolgerungen aus der Arbeit der gesamten Gruppe, hat sich das Forschungsfeld inzwischen lange von simplen ›Anlage vs. Umwelt›- oder ›Anlage + Umwelt‹-Erklärungsansätzen verabschiedet und wendet sich zunehmend der Frage nach dem interaktiven Zusammenspiel von genetischen und sozialen Ursachen von Lebenschancen zu.

Der zweite Konferenztag widmete sich dementsprechend den aktuellen Ansätzen und Konzepten, die zwischen Genen und Umwelt moderierende und mediierende Prozesse in den Blick nehmen. So machte sich Eric Turkheimer für einen Ansatz stark, der nicht mehr auf das traditionelle ACE-Modell zurückgreift. Michael Pluess präsentierte das von ihm mitentwickelte Konzept der Environmental Sensitivity, das davon ausgeht, dass Prädispositionen wie sie in klassischen Diathese-Stress-Modellen vorkommen, nicht zwangsläufig zu negativen Entwicklungen führen müssen. Der gängige Befund, dass eine bestimmte Veranlagung (Diathese) unter entsprechenden Umweltbedingungen (Stress) negative Auswirkungen hat, so die Annahme, liege vor allem darin begründet, dass nur die Auswirkungen negativer Umwelten untersucht worden seien. Unter förderlichen Umweltbedingungen könne dieselbe Veranlagung Individuen besonders empfänglich für positive Entwicklungen machen; es sei daher angebrachter, von Sensitivität zu sprechen als von einer Veranlagung für schädliche Entwicklungen. Das Konzept der Environmental Sensitivity hat auch die Diskussionen innerhalb der Gruppe mitgeprägt, weil es neben Konzepten wie Agency genau an der Schnittstelle zwischen genetischen und sozialen Ursachen angesiedelt ist. Ein weiteres, im Rahmen der Gruppe kontrovers diskutiertes Konzept, war die Epigenetik, über die Moshe Szyf vortrug. So gut wie alle sozialen Erfahrungen, so die Grundannahme, können auch wieder auf die Gen-Expression zurückwirken und so über Generationen hinweg weitergegeben werden. Während inzwischen überzeugende Daten aus Tierstudien vorliegen, sind Studien zur Epigenetik beim Menschen aus naheliegenden ethischen Gründen nur in begrenztem Umfang möglich. In einigen Teilen der Gruppe herrschte daher Skepsis, wie belastbar das Konzept wirklich ist, um gesellschaftliche Ungleichheit zu erklären. Den Abschluss des Tages bildete ein eher konzeptueller Vortrag von Wendy Johnson, die in Anlehnung an ein berühmtes Gleichnis und eine englische Redensart über den ›Elefanten im Raum‹ sprach. Der Elefant stand dabei sinnbildlich für das Phänomen der sozialen Ungleichheit, an dem alle Mitglieder der Forschungsgruppe interessiert sind, sich ihm aber wie die blinden Gelehrten in dem Gleichnis aus ganz unterschiedlichen Richtungen nähern und jeweils nur einen Teil erkennen und begreifen können: Einige ertasten vielleicht eine ›behaarte Säule‹ am Bein, andere finden, es handele sich um ›einen großen Fächer‹ am Ohr und wieder andere meinen, am Stoßzahn etwas ›Festes, vorn spitz Zulaufendes‹ zu erkennen. Der Elefant im Raum steht aber auch sprichwörtlich für ein Problem, das sich niemand traut anzusprechen. Mit einer entsprechend angeregten Diskussion endete der zweite Tag. Die Themen waren in vieler Hinsicht stellvertretend für die Arbeit in der Gruppe, die immer wieder auch darin bestand, eine gemeinsame Sprache und gemeinsame Konzepte auszuhandeln und zu diskutieren.

Am dritten und letzten Konferenztag schließlich betrachtete Joachim Wündisch differenziert die Frage nach Verantwortung im Lichte verhaltensgenetischer Forschung. Der Vortrag war nur eine von vielen Gelegenheiten, zu denen die kleine, aber aktive Gruppe von Philosophen die Arbeit der gesamten Gruppe bereicherte. In der abschließenden Podiumsdiskussion sammelten Jeremy Freese, Eric Turkheimer, Gert Wagner sowie die beiden Forschungsgruppenleiter ihre Ideen zur Zukunft des Forschungsfelds (Was ist die wichtigste Frage, die das Feld in den nächsten fünf Jahren zu klären hat?), vielversprechenden Ansätzen (Was ist – konzeptuell, theoretisch oder methodisch – die interessanteste Idee, die derzeit entwickelt wird?) und Forschungsprojekten (Wie sähe ein interdisziplinäres Projekt aus, das am besten sofort in die Tat umgesetzt werden sollte?). Diese Impulsvorträge waren die Grundlage für eine ausführliche Diskussion, die den Abschluss der Konferenz und damit der gesamten Gruppe bildete. Als ein Prinzip, das sich während der vorangegangenen Workshops bewährt hatte, hatten wir während der Planung der Abschlusskonferenz jeweils genügend Zeit zur freien Verfügung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer eingeplant, um Freiraum für Diskussionen und die Entwicklung konkreter Projekte zu schaffen. Diese beiden konzeptuellen Entscheidungen wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gut aufgenommen und führten zu einer äußerst produktiven und kollegialen Atmosphäre und Zusammenarbeit während der Konferenz und über die gesamte Laufzeit der Forschungsgruppe. Im Rahmen von Workshops, Fellow-Aufenthalten und der gesamten gemeinsamen Zeit sind zahlreiche Forschungsideen, Schreibprojekte und nicht zuletzt auch persönliche Kontakte entstanden, die es ohne die Gruppe so nicht gegeben hätte.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Ruben Arslan (Göttingen, GER), Tina Baier (Berlin, GER), Rüdiger Bittner (Bielefeld, GER), Denis Bratko (Zagreb, CRO), Christopher T. Dawes (New York, USA), Jeremy Freese (Evanston, USA), Juliana Gottschling (Saarbrücken, GER), Guang Guo (Chapel Hill, USA), Elisabeth Hahn (Saarbrücken, GER), Jutta Heckhausen (Irvine, USA), Martin Hubert (Köln, GER), Anke Hufer (Bielefeld, GER), Wendy Johnson (Edinburgh, GBR), Markus Jokela (Helsinki, FIN), Merit Kaempfert (Bielefeld, GER), Christian Kandler (Bielefeld, GER), Antonie Knigge (Utrecht, NED), Anna Kornadt (Bielefeld, GER), Anita Kottwitz (Bielefeld, GER), Robert Krueger (Minneapolis, USA), Volker Lang (Berlin, GER), Carol A. Manning (Charlottesville, USA), Rebecca McDonald (Palo Alto, USA), Colin M. McLeod (Victoria, CAN), Bastian Mönkediek (Bielefeld, GER), Amelie Nikstat (Bielefeld, GER), Lars Penke (Göttingen, GER), Angelika Penner (Bielefeld, GER), Michael Pluess (London, GBR), Wolfgang Prinz (Leipzig, GER), John Protzko (Santa Barbara, USA), Jonas Rees (Bielefeld, GER), Julia Richter (Bielefeld, GER), Sebastian Schnettler (Oldenburg, GER), Wiebke Schulz (Bielefeld, GER), Paul Shiels (Glasgow, GBR), Frank Spinath (Saarbrücken, GER), Moshe Szyf (Montreal, CAN), Felix C. Tropf (Oxford, GBR), Eric Turkheimer (Charlottesville, USA), Gert W. Wagner (Berlin, GER), Roland Weierstall (Hamburg, GER), Joachim Wündisch (Düsseldorf, GER), Alexandra Zapko-Willms (Bielefeld, GER)



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