Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Kunst - Macht - Gewalt

Termin: 4. - 6. Dezember 1997
Leitung: Rolf Grimminger (Bielefeld)

Kunst, Macht und Gewalt. Oder: Kunst macht Gewalt? Der Titel ist zweideutig, ein Spiel mit einem ernsten Thema, mit dem sich die Kommunikationssoziologen und Sozialpädagogen gerne beschäftigen. Ihre Methoden sind meist empirisch, die Geschichte selbst noch des 20. Jahrhunderts ist damit freilich nicht erforschbar. Außerdem wissen sie zwar fast alles über die Gesellschaft, aber fast nichts über die Kunst. Das Thema der Tagung bewegte sich genau jenseits jeder empirischen Soziologie in literatur- und kunstwissenschaftlichen Überlegungen zu einer, wie es scheint, eher negativen Ästhetik des 20. Jahrhunderts.
Sie hat ihre tiefschwarzen Seiten zumal in der Machtästhetik der Diktaturen gehabt, und mehr als irritierend mag gegenwärtig auch die Gewalttätigkeit der visuellen Medien sein. Es scheint so, als müßten sie, um im überquellenden Markt der Unterhaltungsindustrie überhaupt noch wahrgenommen werden zu können, sich ständig selbst überbieten. Aus der wertkonservativen Perspektive von Aufklärung und Humanität betrachtet, kokettieren sie mit der Barbarei. Von Einzelfällen abgesehen, in denen die Roheit unübersehbar barbarisch auftritt, liegt aber genau hier das eminent theoretische Problem. Denn alle Kunst schloß von jeher symbolisch ein und de facto aus: die Gewalt, den Schmerz, den Tod.
Diese nicht hintergehbaren, körperlichen Gegebenheiten des Daseins liegen weit ab von der Künstlichkeit der Kunst und sind vielleicht gerade deshalb für sie notwendig. Die Bilder und die Texte des 20. Jahrhunderts holen etwas in die Schrift oder in die Anschauung herein, das dort eigentlich keinen Ort haben kann, nämlich die Gewalt, gerade deshalb aber einen finden muß. Denn anders blieben die Bilder und die Texte von der schäbig schönen Leere, die den Kitsch so angenehm macht. Wo aber liegt dann die Grenze zwischen der ästhetischen Notwendigkeit der Gewalt und deren Umschlag in die Lust an der Barbarei?
Mit den Mitteln der Gewaltdarstellung, aber auch ohne sie – die Künste verwickeln sich stets in die Geltungs- und Wirkungsansprüche eines Willens zur Macht, der sich seine Schaukämpfe in der Öffentlichkeit liefert. Brisant wird die Machtformigkeit auch der künstlerischen Phantasie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Schnittpunkt zwischen Avantgarden und Diktaturen. Stimmt es, daß beide sich in einer Art unheiliger Allianz befanden? Oder trifft eher die ältere Auffassung zu, die den Diktaturen die Macht und den Avantgarden die Ohnmacht bescheinigte, zumal im Naziregime, deren Opfer sie wurden?

Teilnehmende
Luca d’Ascia (Pisa), Karl Heinz Bohrer (Bielefeld), Lothar Bornscheuer (Duisburg), Jürgen Fohrmann (Bonn), Jürgen Frese (Bielefeld), Ingrid Gilcher-Holthey (Bielefeld), Boris Groys (Karlsruhe), Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford, CA), Iris Hermann (Bielefeld), Richard Herzinger (Berlin), Axel Honneth (Frankfurt am Main), Detlef Kremer (Münster), Wolfgang Lange (Bielefeld), Gert Mattenklott (Berlin), Vanda Perretta (Rom), Jan Philipp Reemtsma (Hamburg), Volker Roloff (Siegen), Ralf Schnell (Tokio), Monika Steinhauser (Bochum), Silvio Vietta (Hildesheim), Luciano Zagari (Pisa)



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