Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Die "Extended Mind" - These: Theorie und Anwendungen

Termin: 23. - 25. November 2009

Leitung: Holger Lyre (Bielefeld), Ipke Wachsmuth (Bielefeld), Sven Walter (Osnabrück)

Keynote-Speakers: Kenneth Aizawa (Shreveport), Jon Bird (Milton Keynes), Andy Clark (Edinburgh), Andreas Engel (Hamburg), Thomas Metzinger (Mainz), Robert Rupert (Boulder), Gregor Schöner (Bochum), Lawrence Shapiro (Madison), Mark Sprevak (Cambridge), Henrik Walter (Bonn), Michael Wheeler (Stirling)

»Die Grenzen unserer Kognition sind nicht die Grenzen unseres Kopfes«, so die Grundidee der Extended Mind-These, die in der letzten Dekade zu anregenden Debatten in den Grundlagen der Kognitionsforschung und Philosophie des Geistes geführt hat. Den jüngeren Entwicklungen in diesen Wissenschaften zufolge lassen sich die in einem kognitiven System ablaufenden Prozesse anders als von der klassischen KI angenommen nicht losgelöst von den körperlichen Gegebenheiten des Systems, seiner situativen Einbettung und seiner dynamischen Interaktion mit der Umgebung verstehen. Insofern aber die Natur kognitiver Prozesse wesentlich konstituiert ist durch im Körper oder in der Umwelt eines kognitiven Systems ablaufenden Prozesse, ist Kognition nicht nur auf den lokalen Verarbeitungsapparat, die neuronale Maschinerie, beschränkt, sondern erstreckt sich über die traditionell gedachte Grenze hinaus in die Umgebung, in externe kognitive Werkzeuge und in soziale Gemeinschaften hinein. Dies ist die Extended Mind-These oder These der erweiterten Kognition (extended cognition).

Diese internationale Tagung verfolgte zweierlei Ziele: Zum einen spielte sich die Debatte um die These der erweiterten Kognition in der Vergangenheit im Wesentlichen im angelsächsischen Raum ab. Ein Tagungsziel war es daher, zur Verbreitung der These im deutschsprachigen Raum beizutragen – und der unerwartete ›Ansturm‹ auf die Veranstaltung kann vielleicht als Erfolg in diese Richtung gedeutet werden: zu den geladenen je 12 Referenten und ›Diskutanten‹ kamen anstelle der geplanten 20-30 etwa 70 weitere Anmeldungen hinzu, so dass beinahe 100 Teilnehmer beisammen waren. Das zweite, dezidiert interdisziplinäre Tagungsziel ist im Tagungstitel markiert: Die international bislang vornehmlich innerhalb der Fachphilosophie geführte Debatte sollte durch den Austausch mit den empirisch arbeitenden Kognitions- und Neurowissenschaften auf ihre Anwendbarkeit und heuristische Tauglichkeit hin überprüft werden.

Diesem Ziel folgend lösten sich philosophische und empirische Vorträge ab. Die prominentesten Verteidiger der These waren Andy Clark und Michael Wheeler, die die von den Opponenten der These vorgebrachten Einwände (vor allem Kenneth Aizawa, aber auch Robert Rupert und Mark Sprevak), abzuwehren versuchten. Im Zentrum der Diskussionen stand einerseits das Paritätsprinzip, das die potentielle Ersetzbarkeit interner Prozesse durch externe Prozesse funktionalistisch zu begründen versucht, sowie andererseits der Kopplungs-Konstitutions-Fehlschluss, wie er den Vertretern erweiterter Kognition gelegentlich vorgeworfen wird. Die sich in diesem Zusammenhang ergebenden Debatten um die Natur dessen, was Kognition ist, zogen sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Lawrence Shapiro diskutierte die Grenzen körper-determinierter Kognition, während Thomas Metzinger zu zeigen versuchte, dass verkörperlichte Agentenschaft nicht konstitutiv ist für ein phänomenales Selbstmodell. Die Abgrenzung von embodied und extended cognition spielte in mehreren Vorträgen eine Rolle (Metzinger, Shapiro, Sprevak, Wheeler). Überraschender Weise zeigten die Teilnehmer aus den empirischen Disziplinen im Vergleich zu den Fachphilosophen eine deutlich größere Offenheit gegenüber der These der erweiterten Kognition. Jon Bird und Peter König zeigten Ergebnisse ihrer Arbeiten über multimodale Wahrnehmung, sensorielle Substitution und die enge Beziehung von Wahrnehmung und Bewegung. Andreas Engel betonte den Paradigmenwechsel von orthodoxer zu handlungs-orientierter Kognitions- und Neuroforschung und Henrik Walter wies für den Bereich neurowissenschaftlicher Experimente zu willentlicher Kontrolle auf die impliziten und vielleicht fälschlichen internalistischen Vorannahmen hin. Ferner demonstrierte Gregor Schöner die konstitutive Bedeutung von Kopplungsschleifen im Rahmen dynamizistischer Modelle.

Die Tagung war geprägt von einer bewusst großzügig geplanten und äußerst intensiven interdisziplinären Diskussionsatmosphäre. Die These der erweiterten Kognition konnte dabei letztlich nur in Grundzügen aufgearbeitet werden. Zahlreiche Fragen blieben offen, deren weitere Verfolgung in Forschung und auf Fachveranstaltungen gerade auch im deutschsprachigen Raum für die Zukunft lohnenswert scheint.

Kenneth Aizawa (Shreveport, LA), Alexander auf der Straße (Essen), Ciano Aydin (Enschede), Amrei Bahr (Münster), Hartmut Beucke (Osnabrück), Stanislas Bigirimana (Heidelberg), Jonathan Bird (Milton Keynes), Bettina Bläsing (Bielefeld), Charlotte Rosalind Blease (Belfast), Cordula Brand (Tübingen), Gerhard Chr. Bukow (Bonn), Andrew Buskell (Calgary), Andy Clark (Edinburg), Jason A. Clark (Osnabrück), Sam Coleman (Hatfield), Holk Cruse (Bielefeld), Zoe Drayson (Bristol), Kirstin Dreimann (Bielefeld), Alexandra Elsen (Pulheim), Andreas K. Engel (Hamburg), Markus Eronen (Osnabrück), Mirko Farina (Edinburgh), Jörg Fingerhut (Berlin), S. Benjamin Fink (Osnabrück), Wolfram Friedrich (Egelsbach), Britt Glatzeder (München), Ramiro Glauer (Bonn), Gerd Grübler (Mainz), Johannes Haack (Potsdam), Christa Hermanns (Osnabrück), Rebekka Hufendiek (Berlin), Kerrin Jacobs (Osnabrück), Fabian Hundertmark (Bielefeld), Bert Karcher (Bielefeld), Matthias Kettner (Witten), Michael Kienecker (Paderborn), Jens Ph. Kleesiek (Hamburg), Hans Kolbe (Cuxhaven), Peter König (Osnabrück), Beate Krickel (Münster), Martin Kurthen (Zürich), Miriam Kyselo (Osnabrück), Jan-Peter Lamke (Bonn), Hedda Lausberg (Köln), Fabian Lausen (Bielefeld), Crystal L’Hôte (Colchester, VT), Hans J. Markowitsch (Bielefeld), Maximiliano Martínez Bohorques (Bielefeld), Nikita Mattar (Bielefeld), Harald Maurer (Tübingen), Thomas Metzinger (Mainz), Jan G. Michel (Münster), Miljana Milojevic (Belgrad), Dennis Mischke (Bochum), Rudolf Owen Müllan (Osnabrück), Vincent Müller (Pylaia), Saskia K. Nagel (Osnabrück), Arvid Neumann (Heidelberg), Albert Newen (Bochum), José Ossandón (Osnabrück), Xenia Paultre (Wiesbaden), Jayanta Poray (Luxemburg), Ulrike Ramming (Stuttgart), Helge Ritter (Bielefeld), Louise Röska-Hardy (Witten-Herdecke), Robert Rupert (Boulder, CO), Christoph Sauter (Nürnberg), Erasmus Scheuer (Düsseldorf), Ulla Schmid (Basel), Christoph Schommer (Luxemburg), Gregor Schöner (Bochum), Urs Schüffelgen (Bremen), Lawrence Shapiro (Madison, WI), Arno Simons (Berlin), Adrian Smith (Mainz), Mark Sprevak (Cambridge, UK), Mog Stapleton (Edinburgh), Achim Stephan (Osnabrück), Anneke Streit (Bielefeld), Ulrich Thurm (Münster), Adam Toon (Bielefeld), Arun Kumar Tripathi (Dresden), Gottfried Vosgerau (Bochum), Jack Wadham (Sheffield), Henrik Walter (Bonn), Arne M. Weber (Münster), Martin Weichold (Göttingen), Markus Werning (Düsseldorf), Michael Wheeler (Stirling), Wendy Wilutzky (Osnabrück), Christian Wirrwitz (Leipzig)



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