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Interdisziplinarität als Leitbild für die Universität Bielefeld

Der Begriff der Interdisziplinarität (wie auch die verwandten Kennzeichnungen der Trans- und Multidisziplinarität) greifen auf die für die Universitätsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert prägende Idee einer Gliederung der Wissenschaften nach Disziplinen zurück - und wollen diese Idee modifizieren. Disziplinen sind zum Teil durch die Berufsprofile der Absolventen und die entsprechenden Ausbildungsprogramme geformt (z.B. Mediziner, Juristen, Informatiker), zum Teil durch die Integrationskraft der theoretischen Grundlagen und Methoden eines Gebietes (Physik, Soziologie). Beides trägt traditionell zur professionellen Identität des Wissenschaftlers und Akademikers und der institutionellen Integrität seines Faches bei. Jedoch die damit verbundenen Tendenzen zur Abgrenzung werden den gegenwärtigen Problemen von Wissenschaft und Gesellschaft nicht mehr gerecht. Das Leitbild der "Interdisziplinarität" zielt darauf, die Leistungsfähigkeit der wissenschaftlichen Disziplinen für die Bearbeitung komplexer Problemfelder über die Grenzen der Disziplinen hinaus zu steigern. Die Idee der Interdisziplinarität richtet sich nicht gegen die Disziplinen, sondern nutzt die Spannung zwischen theorieorientierter Grundlagenforschung und probleminduzierter Anwendungsorientierung. Die Probleme mögen dabei stärker inner- oder außerwissenschaftlichen Kontexten entspringen. Die Umsetzung dieser Spannung in die Entwicklung neuer Wissenschaftsfelder und Anwendungsmöglichkeiten würde zu einer Schlüsselaufgabe der Universität werden und von ihr besondere Investitionen in interdisziplinäre Forschungskooperationen und Ausbildungsprofile verlangen. Das Engagement der Wissenschaftler ist allerdings die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen. Es kann durch eine Kultur der interdisziplinären Kommunikation unterstützt werden. Interdisziplinäre Kommunikation ist weder ein Qualitätsmerkmal der Wissenschaft noch eine Methode der Forschung, sondern sie sucht neue Zugänge zur Erfassung und Beschreibung von Problemen und nutzt dabei die unterschiedlichen Sichtweisen und Wissensbestände der Disziplinen. Interdisziplinäre Kooperation ist eine Form der gezielten Koordinierung unterschiedlicher fachlicher Kompetenzen, um neue Zugänge für die Forschung und für die Integration des Wissens zu finden. Die Darstellung neu geplanter Schwerpunkte der Universität enthält eine Reihe von Beispielen interdisziplinärer Forschung. Sie weisen darauf hin, dass die Chancen der Interdisziplinarität nicht in der Auflösung, sondern in der Koordinierung von Spezialisierungen liegen. Denn die Differenzen zwischen den Theoriesprachen, Methoden und Orientierungen werden auch in Zukunft nicht geringer, noch ist deren Synthetisierung ein Ideal. Der hohe Aufwand an Zusammenarbeit muß daher immer auch an seiner Wirksamkeit beurteilt werden.

Interdisziplinarität entsteht nicht nur durch wissenschaftsexternen Problemdruck, sondern auch durch innerwissenschaftlichen Austausch von Methoden und Ideen. Dieser Austausch (cross-fertilization) hat zwar eine lange Geschichte. Jedoch gibt es auch viele Beispiele für die Einschränkung des Blickfeldes durch disziplinäre Zäune. Eine interdisziplinär ausgerichtete Universität macht es sich zur Aufgabe, Offenheit und Interesse für die Arbeitsweisen und Ideen anderer Forschungsrichtungen durch die Einrichtung von interdisziplinären Forschungszentren und Ausbildungsgängen zu pflegen.

Interdisziplinarität, Ausbildung und berufliche Expertise

In den Erwartungen an akademische Berufsqualifikation spielen immer stärker Fähigkeiten eine Rolle, die nicht allein auf disziplinärem Wissen, sondern auf interdisziplinärer Kommunikation, Team-Arbeit, Management komplexer Aufgaben, und Fähigkeit zur Expertise beruhen. Durch Einrichtung von interdisziplinär angelegten Studiengängen und Zusatzqualifikationen sowie die Beteiligung von Studierenden an interdisziplinären Forschungsbereichen und Projekten können diese Qualifikationen erworben werden. Zunehmend richten Studierende ihr Studium eigenständig interdisziplinär aus. Aufgabe der Universität wird es sein, Studienleistungen aus verschiedenen Studiengängen anzuerkennen und über die Studieneingangsphase hinaus studienbegleitend über Angebote und Möglichkeiten zu informieren. Außerdem wird die Universität zunehmend Angebote an Fort- und Weiterbildung machen müssen, um dem Bedarf von Wirtschaft und Verwaltung nach ständiger Fortbildung und Zusatzausbildung gewachsen zu sein. Die Nachfrage wird sich dabei nicht nur auf die neuesten Ergebnisse der Forschung, sondern auch auf die neuen Beiträge zur Problemanalyse, zur systematischen Erfassung komplexer Zusammenhänge und zur Evaluation von Erfahrungen richten.

Die Universität ist nach wie vor einer der wichtigsten Orte der gesellschaftlichen Reflexion. Sie wird aber ihre - im Vergleich zu den Medien und Spezialinstituten - immense Ressource an disziplinärer Expertise nur nutzen können, wenn sie es auch versteht, diese interdisziplinär zum Sprechen zu bringen. In Zeiten, in denen gerade auch durch die Wissens- und Technologiedynamik Unsicherheit und Ungewißheit des Wandels viele Lebensbereiche durchzieht, wird von der Universität erwartet, zum Verständnis dieses Wandels und zur Verarbeitung der Ambivalenz beizutragen. Eine interdisziplinäre Kommunikationskultur trägt dazu bei, dieser Erwartung nachzukommen.