Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Das historisch-genetische Verständnis der Normativität und Legitimität der gesellschaftlichen Ordnung

im Rahmen der ZiF:FG Theorie des sozialen Wandels

Termin: 17. - 20. Juni
Leitung: Günter Dux (Freiburg i.Br.)

Die Grundlagen der Normativität der Gesellschaft müssen neu verhandelt werden. Das ist schlicht ein Gebot des neuzeitlichen Verständnisses, das sich die spezifisch humane Organisation der Gesellschaft im Anschluß an eine evolutive Naturgeschichte gebildet hat. Die Naturgeschichte kennt keine Normativität der Lebensformen. Allenfalls kann man sagen, daß sich die Vorformen mit den Antropoiden zu entwickeln begonnen haben. Die Normativität der Gesellschaft kann mithin nicht auf normative Vorgaben zurückgreifen. Niemand hat darüber nachgedacht, was Sollen meint und was das Gesollte ausmacht. Wie also hat man sich die Genese der Normen zu denken und wie ihre historische Entwicklung? Das war die Thematik des Symposions.
Der erste Themenkreis war mit der normativen Verfassung der frühen Gesellschaften auf dem Subsistenzniveau des Sammelns und Jagens befaßt. Der zweite galt der Erörterung der Begründungsstruktur, in der sich die Legitimation von Staat und Herrschaft insbesondere in den archaischen Gesellschaften Ausdruck zu verschaffen wußte. Von besonderem Interesse war selbstredend die Erörterung der Entwicklung des Rechts und Rechtsverständnisses in der Neuzeit. Für ein soziologisches Verständnis der neuzeitlichen Formen des Rechts sind drei Ebenen der Analyse zu unterscheiden:

  • Die Grundverfassung der Gesellschaft ist in jeder der funktional ausdifferenzierten Systeme selbst schon normativ und über Recht organisiert. D. h. die Prozesse der Interaktionen sind über Erwartungen strukturiert, von denen die Handelnden wissen, daß sie notfalls eingeklagt werden können.
  • Das Stratum der gesellschaftlichen Organisation ist politischen Gestaltungen offen, die Handlungen und Interaktionsmuster ändern und neu schaffen können. Mit jedem Gestaltungsakt ändern sich die systemischen Beziehungen. Die politische Gestaltungshoheit hat eine lange Geschichte, in der Neuzeit gewinnt sie jedoch eine andere Dimension.
  • Schließlich ist der systemische Rechtsdiskurs, sofern er ausdifferenziert und institutionell verfestigt ist, für Recht und Rechtsverständnis von herausragendem Interesse. Ihn haben die Theoretiker im Auge, die feststellen: Recht ist, was Gerichte und Anwaltschaft als Recht bezeichnen (Watson). Man kann andere Diskurse, die der rechtswissenschaftlichen Fakultäten insbesondere, dazurechnen.
Für ein soziologisches Interesse sind die Schleifen zwischen den Ebenen von größter Bedeutung. Jede der Fixierungen auf der einen Ebene nämlich ist die Bedingung für die Gestaltungsprozesse auf den anderen Ebenen, ohne, versteht sich, die anderen Ebenen festzulegen.

Teilnehmende
Christoph Antweiler (Trier), Wolfgang van den Daele (Berlin), Albrecht Dihle (Köln), Christopher Hallpike (Shipton Moyne), Klaus Holz (Leipzig), Wolfgang Kersting (Kiel), Peter König (Heidelberg), Ernst-Joachim Lampe (Bielefeld), Richard Münch (Bamberg), Horst Steible (Freiburg i. Br.), Hans Stumpfeldt (Hamburg), Gunther Teubner (London), Helmuth Walther (Jena), Ulrich Wenzel (Erlangen), James Woodburn (London), Johann Wimmer (Wien)
und die Mitglieder der ZiF:Forschungsgruppe

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