Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Nationalliteraturen nach 1945

Autonomisierung, Professionalisierung, Internationalisierung

Termin: 22. - 24. Mai 2003
Leitung: Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld), Gisèle Sapiro (Paris)

Zu dieser Tagung waren Soziologen und Historiker, Literaturwissenschaftler und Anthropologen aus Frankreich und Deutschland, den Niederlanden, Italien, Spanien, Schweden, Norwegen, Österreich, Kananda und Argentinien in das Zentrum für interdisziplinäre Forschung eingeladen.
Orientiert an Fragestellungen, Begriffen und Hypothesen der Feldtheorie Pierre Bourdieus, unternahm die Tagung den Versuch, Entwicklungstendenzen innerhalb der Felder der Nationalliteraturen nach dem Zweiten Weltkrieg zu erfassen und die Beziehungen zwischen einzelnen nationalen literarischen Feldern zu untersuchen. Ausgehend von Fallstudien wurden charakteristische Besonderheiten und übergreifende Gemeinsamkeiten der nationalen literarischen Felder nach 1945 analysiert. Vier Schwerpunkte zeichneten die in französischer Sprache geführten Debatten aus:
1. Herausbildung und Struktur nationaler literarischer Felder. Entfaltet und problematisiert wurden die Neu- und Umgestaltung der Felder der Nationalliteraturen nach dem Zweiten Weltkrieg am Beispiel des belgischen (Paul Aron), italienischen (Anna Boschetti), norwegischen (Kjetil Jakobson), niederländischen (Kees van Rees) und des österreichischen literarischen Feldes (Franziska Schößler / Juliane Vogel) sowie an der von Joseph Cayrol geprägten Littérature lazaréenne (Joseph Jurt). Ins Zentrum rückten die Suche nach neuen Formen des Schreibens, der Streit um die legitime Fortsetzung und Repräsentation der nationalen Literatur, das Spannungsverhältnis zwischen 'autonomer' und 'engagierter' Literatur, das in den jeweiligen Nationalliteraturen unterschiedliche Gestalt gewann, sowie die Wechselwirkung zwischen den nationalen literarischen Feldern (Frankreich / Belgien, Frankreich / Italien).
2. Die Schriftsteller, ihre Rekrutierung, Karriere und ihr sozialer Status bildeten einen zweiten Untersuchungsschwerpunkt, der darauf zielte, die Professionalisierung der literarischen Tätigkeit und das soziale Prestige, das den Schriftstellern zuerkannt wurde, in den Blick zu nehmen. Exemplarisch wurde der Wandel des Status des Schriftstellers vom 'Propheten' zum 'Berufsschriftsteller' am Beispiel des französischen literarischen Feldes (Gisèle Sapiro) gezeigt. Ein besonderer Akzent wurde ferner u. a. gelegt: auf die Untersuchung der Rolle der Schriftstellerinnen und den Zusammenhang zwischen Professionalisierung und Feminisierung literarischer Tätigkeit (Delphine Naudier) sowie auf die Rekonstruktion der Eintrittsbedingungen in das literarische Feld (Michael Börjesson / Bo Ekelund) und die Karriereverläufe von Schriftstellern renommierter Verlage (Hervé Serry).
3. 'Ereignisse und ihre Auswirkungen' auf das literarische Feld bildeten den dritten Schwerpunkt der Tagung. Der Algerienkrieg (Anne Simonin), der Kommunismus (Lucia Dragomir) und die Protestbewegungen von 1968 (Boris Gobille, Ingrid Gilcher-Holtey, Dorothea Kraus) wurden als Ereigniszusammenhänge gefaßt, die das Kräfteverhältnis innerhalb des literarischen Feldes beeinflußten, insofern sie Reflexionen und Redefinitionen dessen, was Literatur, Theater und die Aufgabe / Verantwortung des Schriftstellers ist, angestoßen oder befördert sowie zugleich Spaltungen, Teilungen und Neuformierungen von Autorengruppen herbeigeführt haben.
4. Neue und alte Formen der Internationalisierung wurden schließlich vor dem Hintergrund der Massenproduktion von Büchern (Jean-Philipp Mazaud), der Herausbildung eines internationalen Buchmarktes (Gustavo Sorá) und multinationaler Verlage (Isabelle Kalinowski) sowie der Entwicklung neuer Medien der Verbreitung und Konsekration von Literatur (Fernsehen und Radio) problematisiert (Chantal Savoie). Der internationale kulturelle Austausch wurde sowohl unter dem Aspekt der ökonomischen Einsätze (Beziehungen zwischen den Verlagen) als auch der Rezeption fremdsprachlicher Literatur (beispielsweise Diffusion und Rezeption der Literatur kommunistischer Länder in Westeuropa) problematisiert. Am Beispiel der 'Amerikanisierung Quebecs' wurden die Produktionsbedingungen und Effekte der sog. 'Bestsellers' (Denis St. Jacques) skizziert, am Beispiel der galizischen Literatur die Problematik minoritärer Literatur im Prozeß der Internationalisierung (Antón Figueroa). Ein besonderer Akzent wurde auf die Möglichkeit einer vergleichenden Analyse der Geschichte und Struktur nationaler literarischer Felder unter Einbeziehung ihrer Stellung im internationalen literarischen Feld - le champ littéraire mondiale - gelegt (Pascale Casanova).
Die Tagung markierte den Auftakt eines mehrjährigen Forschungsprojekts, das die Struktur der Felder der Nationalliteraturen nach 1945, die Beziehungen zwischen den Nationalliteraturen sowie die Wechselwirkungen zwischen dem literarischen, intellektuellen und politischem Feld untersucht.

Teilnehmende

Paul Aron (Brüssel), Mikael Börjesson (Uppsala), Anna Boschetti (Rom), Pascale Casanova (Paris), Lucia Dragomir (Bukarest), Bo G. Ekelund (Uppsala), Antón Figueroa (Santiago de Compostela), Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld), Boris Gobille (Paris), Kjetil Jakobsen (Paris), Joseph Jurt (Freiburg i. Br.), Isabelle Kalinowski (Paris), Dorothea Kraus (Bielefeld), Dorothee Liehr (Zürich), Jean-Philippe Mazaud (Paris), Delphine Naudier (Paris), Claude F. Poliak (Paris), Remy Ponton (Sceaux), Ioana Popa (Paris), Kees J. van Rees (Tilburg), Denis Saint-Jacques (Québec), Gisèle Sapiro (Paris), Chantal Savoie (Kingston), Franziska Schößler (Bielefeld), Kristina Schulz (Genf), Hervé Serry (Paris), Anne Simonin (Paris), Gustavo Sorá (Córdoba), Anne-Marie Thiesse (Paris), Juliane Vogel (Wien)



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