Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Antike und Mittelalter im Film

Termin: 17. - 19. Juli 2003
Leitung: Mischa Meier (Bielefeld), Simona Slanicka (Bielefeld), Wolfgang Struck (Kiel)

Die Tagung bot 18 Referentinnen und Referenten und zehn weiteren Diskussionsteilnehmern die Gelegenheit, Forschungsperspektiven zu einer der breiten Öffentlichkeit wohlbekannten, wissenschaftlich jedoch kaum erschlossenen Fimgattung, dem Historienfilm über die Antike und das Mittelalter, zusammenzutragen und zu präzisieren.
Die Leitfragen zielten darauf, inwiefern diese Filme als Projektionsflächen für Problemlagen ihrer Entstehungszeit dienen und welche Projektionen aus welchen Gründen spezifisch mit der Antike bzw. dem Mittelalter verknüpft werden. Die Tagung wurde durch eine film- und medientheoretische Sektion eröffnet, die insbesondere die Herstellungstechniken, Vermarktungsstrategien und Rezeptionsprozesse für Historienfilme erläuterte und dabei unterstrich, welch vergleichsweise geringen Stellenwert tatsächliches historisches Fachwissen bei Produzenten und Publikum meistens hat, weil es von filmspezifischen Sehmustern und Assoziationsgewohnheiten überlagert wird. Die zweite und dritte Sektion behandelten dann auch die narrativen Darstellungsstrategien des Films. So analysierten etwa Hedwig Röckelein und Thomas Scharff die Produktion von Authentizität im Mittelalterfilm und loteten damit eine wichtige Forschungslücke in dieser Sparte aus. Gerade für weit zurückliegende und wenig bekannte historische Epochen wird Authentizität oft an ebenso banale wie offenbar wirksame Signale wie Dreck, Blut und Gewalt - für das Mittelalter - oder römische Soldatenuniformen - für die Antike - gekoppelt. Andere Beiträge in diesen Sektionen zeigten dann, wie aus solch elementaren Erkennungssignalen Bausteine für vielfältige Kombinationsspiele werden können, wie sie etwa den Fantasyfilm kennzeichnen.
Die vierte und letzte Sektion, die auch die meisten Referenten versammelte, befasste sich schließlich mit Filmen, in denen die Überlagerung von solchen Interpretationsfolien besonders ausgeprägt auftritt. Diese Assoziationsspiele, die geradezu ein Charakteristikum der Antiken- und Mittelalterfilme darstellen, verleihen der Gattung eine Hybridität, die Mischa Meier in seinem Referat mit der Oper als anderer, in ihrer Entstehungszeit ebenso umstrittener 'Mischgattung' verglichen hat. Weil sich antike und mittelalterliche Stoffe offenbar geradezu als ideales Experimentierfeld für unterschiedliche Darstellungsformen eignen, haben sich die frühen Filmpioniere mit Vorliebe auf solche Themen gestürzt, wie etwa Lothar van Laak in seinem Beitrag über Fritz Langs Nibelungenfilm ausführte: Historienfilme boten dem Stummfilm wie kaum ein anderes Material Gelegenheit, das Potential des neuen Mediums auszuloten, das hier in seiner ganzen Fülle an Kulissen, Kostümen und schauspielerischer Dramatik zur Anwendung kam. Insgesamt scheinen also, wie Simona Slanicka abschließend bemerkte, Filme über Antike und Mittelalter eher zu historischer Phantasie anzuregen als zu historischer Genauigkeit: Es geht um die Erfindung und Ausfüllung einer historischen Wirklichkeit in ihrer ganzen exotischen Pracht, denn hier sollen dem Publikum Konstruktionen darüber angeboten werden, 'wie es gewesen sei', was sowohl die Verführung als auch die Problematik der Gattung ausmacht.



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