Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Der Darwinismus-Streit

Naturwissenschaft, Philosophie und Weltanschauung im 19. Jahrhundert (II)

Termin: 27. - 29. November 2003
Leitung: Kurt Bayertz (Münster), Walter Jaeschke (Bochum)

Die Arbeitsgemeinschaft zum Darwinismus-Streit war die zweite von drei Tagungen zum Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Weltanschauung im 19. Jahrhundert.
Den Gewinn der Tagung sehen wir vor allem auf drei Gebieten: (1) in einer Verschärfung des eigentlichen Profils der Theorie Darwins, (2) in der dieser Verschärfung korrespondierenden Problematisierung der im allgemeinen wenig differenzierten, zum Schlagwort verkommenen Rede vom "Darwinismus" und (3) in der Freilegung sehr unterschiedlicher und sich wandelnder Rezeptions- und Interessenlagen.
(1) Um das eigentliche Profil der Theorie Darwins herauszuarbeiten, bedarf es der Freilegung ihres Gehalts und ihrer Motivik von den Überlagerungen durch die unmittelbar nach der Publikation seines Werks Origin of the Species (1859) einsetzenden Rezeptionsgeschichte. Hierfür wurden insbesondere herangezogen die Entwicklung der Aufzeichnungen Darwins zwischen seiner Weltreise und 1858, die Bedeutung der Rezeption einerseits A. v. Humboldts, andererseits Malthus', die Bestimmung des Verhältnisses der Theorie Darwins zu anderen, insbesondere früheren Evolutionstheorien (etwa Lamarcks), die Bedeutung des Paradigmas der Tierzüchtung für Darwins Begriff der natürlichen Zuchtwahl, das Verhältnis der Theorie Darwins zum Problem der Vererbung erworbener Eigenschaften, die unterschiedliche Nuancierung in Darwins Schriften ab 1859 sowie die Fragen der Überlagerung der ursprünglichen Theorie Darwins durch die Rezeption von Charles Lyell und durch den gleichzeitigen Ansatz von Wallace.
(2) Durch diese Präzisierung der Theorie Darwins hat die Tagung deutlich werden lassen, welche Distanz zwischen ihr und dem "Darwinismus" besteht - einem Syndrom, zu dem sie bereits kurz nach der Publikation der Werke Darwins teils mit dem zeitgenössischen Materialismus, teils mit überkommenen Evolutionstheorien und teils mit einem unter den Zeitgenossen verbreiteten Fortschrittsglauben amalgamiert und zur Weltanschauung umgebogen und verbogen worden ist: Ihre paradigmatische Bedeutung für das "Jahrhundert der Naturwissenschaften" ist erkauft worden durch ihre "Anpassung" an den Denk- und Erwartungshorizont der Zeitgenossen, und zwar weniger von denen, die sie bekämpft, als von denen, die sie propagiert haben. Trotz des Akzents, den sie auf den Zufall und die absichtslose Varianz bei der Veränderung der Arten legt, ist sie zum Kronzeugen eines - nunmehr "wissenschaftlich begründeten" - Fortschrittsdenkens gemacht worden, wozu allerdings der Begriff der "Anpassung" ebenso wie mehrere teleologische und intentionale Wendungen Darwins eine bequeme Brücke gebaut haben. Diese Rezeptionsprobleme, die aus dem Verstehens- und Interessenhorizont der Zeitgenossen erwachsen (etwa aus einem fast physikotheologisch anmutenden Interesse an einer "naturwissenschaftlich fundierten" Ästhetik), werden in der deutschsprachigen Rezeption noch verschärft durch Übersetzungsprobleme (struggle for life = "Kampf ums Dasein"), und das in Darwins Theorie zwar angelegte, aber von ihr nicht aktualisierte antireligiöse Potential wird im Umkreis eines weltanschaulichen Materialismus freigesetzt und ausgebaut.
(3) Überraschend ist demgegenüber die sehr differenzierte Rezeption, die Darwin in den unterschiedlichen Spielarten der (protestantischen) Theologie in England, Amerika und Deutschland gefunden hat. Sie ist keineswegs schlechthin ablehnend; neben der Ablehnung steht lange Zeit eine, der Verwandlung der Theorie Darwins in Weltanschauung analoge Tendenz, sie mit dem Schöpfungsgedanken kompatibel zu machen - bis hin zur Ausbildung eines "christlichen Darwinismus". Erst nach dem 1. Weltkrieg findet die dogmatische Verhärtung statt, die gemeinhin in die unmittelbare Rezeptionsphase retrojiziert wird. Überraschend ist auch die Angemessenheit, mit der Elemente von Darwins Theorie - wenn auch in sprachlicher Umformung - in der deutschsprachigen Literatur dieser Zeit aufgenommen werden. Während in der Umbiegung der Theorie Darwins zur "Weltanschauung" eine teleologische und ästhetische Uminterpretation stattfindet, tritt im "Realismus" die Härte der Theorie Darwins offen zu Tage, auch noch bei Sacher-Masoch, der sie jedoch schließlich auf die aggressiv-agonale Form eines sozialen Egoismus reduziert, während sie von der Ästhetik im Umkreis Haeckels wieder in einen "wissenschaftlichen" Optimismus umgebogen wird.
Die Diskussionen während der Tagung haben erkennen lassen, dass die Rezeption der Theorie Darwins sowie deren Umgestaltung zum "Darwinismus" einen exzeptionellen Modellfall für rezeptionsgeschichtliche Studien bieten - exzeptionell nicht so sehr deshalb, weil die spezifische Verlaufsform dieser Rezeption sich von anderen weitgehend unterschiede, sondern wegen der Breite der Darwin-Rezeption - von der Naturwissenschaft über die Philosophie, die Theologie und die Literatur bis hin zur Ausbildung einer allgemeinen "wissenschaftlich begründeten" Weltanschauung von vielleicht geringer intellektueller Solidität und Brillanz, aber von hoher bewusstseinsgeschichtlicher Relevanz. Bemerkenswert ist es, in welchem Grade diejenigen Züge der Theorie Darwins, die eine antihumane Wirklichkeitserfahrung stützen, in eine optimistische Fortschrittstheorie umgebogen werden, die sich in der Konsequenz jedoch wiederum mit antihumanen Programmen ("Sozialdarwinismus") berühren kann. Die Möglichkeiten unterschiedlicher, ja gegensätzlicher Funktionalisierungen wissenschaftlicher Theoreme lassen sich hier in herausragender Weise studieren - ein Aspekt, der sich bereits im ersten Symposium dieser Reihe am Materialismusbegriff gezeigt hat und der auch im dritten Symposium wieder deutlich hervortreten dürfte.
Erwähnt sei weiterhin, dass die bereits beim ersten Symposium zum Materialismus-Streit angebahnte Kooperation mit dem Centro per le szience religiose (Trento) fortgesetzt und ausgebaut worden ist. Im Januar 2003 begann dort (unter der Leitung von Prof. Dr. A. Autiero und Prof. Dr. K. Bayertz) ein dreijähriges Forschungsprojekt, das sich mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft, Philosophie und Weltanschauung vor allem in Italien befasst, in diesem Zusammenhang aber auch die deutsch-italienischen Wechselbeziehungen auf diesem Gebiet erforschen soll. Die Mitarbeiter dieses Projekts waren in Bielefeld anwesend.
Und schließlich: die Tagung auch ein öffentliches Interesse gefunden hat (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.12.03: "Zu unordentlich für eine Weltanschauung. Eine Bielefelder Tagung beleuchtet, wie Darwins Theorie zum Darwinismus wurde").



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