Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Jenseits des Menschen

Termin: 11. - 12. Juni 2010

Leitung: Jan C. Joerden (Frankfurt (Oder)), Eric Hilgendorf (Würzburg), Felix Thiele (Bad Neuenahr-Ahrweiler)

In den letzten Jahrzehnten ist offenkundig eine immer weiter zunehmende Technisierung medizinischer Diagnostik und Therapie als Konsequenz des wissenschaftlichen Fortschritts erfolgt. Diese Entwicklung hat eine kritische Diskussion über die regulative Bedeutung von Menschenbild und Menschenwürde in der Medizin ausgelöst, in deren Rahmen auch die Gefahr der Entfremdung und Dehumanisierung durch die Medizintechnik debattiert wird. Wenn es dem Menschen nun im Zuge des gentechnischen Fortschritts auch noch gelingen würde, den menschlichen Körper gleichsam neu zu programmieren, dann wäre der Mensch nicht mehr nur das Produkt einer äußeren Natur, sondern er würde zugleich zu seinem eigenen ›Werk‹.

Deshalb widmete sich die erste Sektion dieses Workshops dem Thema ›Der Mensch an den Grenzen der Gattung‹, und zwar mit der Diskussion einer Problematik, die nicht nur innerhalb der Medizin zu Kontroversen geführt hat: Wie sind die Grenzen eines (menschlichen) Organismus zu bestimmen? Sowohl die Biologie als auch die Medizin betrachten den Menschen bekanntlich als Organismus. Als Merkmale des Existierens oder des Lebens gelten dabei die reflexiven Dispositionen zur Selbstbegrenzung, Selbsthervorbringung (Autopoiesis) sowie die funktionale Geschlossenheit eines hierarchisch aufgebauten Systems. Viele medizintechnische Manipulationen beeinträchtigen nun aber diese reflexiven organismischen Prozesse; so ist etwa ein Implantat oder eine technische Prothese nicht in die Selbsterneuerungsprozesse des Körpers einbezogen. Wenn zudem mit Neuroprothesen einerseits die Funktionsfähigkeit des menschlichen Organismus partiell wiederhergestellt, aber zugleich andererseits die Integrität des Organismus beeinträchtigt werden kann, entsteht die Frage, ob wir die Grenzen des menschlichen Organismus durch Enhancement und andere Formen der Transzendierung überhaupt erweitern dürfen. Zudem ist es problematisch, ob solche Eingriffe den Organismus-Status des Menschen gefährden könnten und dürften, ob der Organismusbegriff überhaupt noch als ein Modell des (menschlichen) Lebewesens verstanden werden kann und welche normativen Konsequenzen sich aus einem präzisierten Begriff des Organismus überhaupt ergeben könnten.

Als ein Brennpunkt der Debatten um ethische Aspekte von Menschenbildern in der Medizin gelten die Fragen, wie Artgrenzen zu ziehen sind sowie ob sich diese überschreiten lassen und, wenn ja, ob man sie überschreiten darf. Seit einiger Zeit werden zu Forschungszwecken verschiedene Formen von Chimären und Hybriden hergestellt, die offenkundig die Grenze zwischen Tier und Mensch überschreiten, indem sie menschliches und tierisches Zellmaterial miteinander vermischen. Wenn diese Vermischungen zumindest zeitweilig Lebensfähigkeit erhalten, stellt sich die Frage, ob dem nicht das oft beschworene ›Menschenbild des Grundgesetzes‹ entgegensteht. Aber diese Forschung wirft auch die Frage auf, in welcher Hinsicht die Überschreitung und Veränderung der Grenze der menschlichen Spezies moralisch problematisch sein sollte. Denn wenn etwa eine menschliche Eizelle mit Samenzellen einer nicht-menschlichen Spezies befruchtet wird, ist unklar, ob die entstehende Entität überhaupt noch unter dem Schutz des Menschenwürdeprinzips stehen kann, da diese Entität doch keineswegs mehr bloß ein ›normaler‹ Mensch ist, sondern eben gerade auch erhebliche tierische Anteile aufweist.

In diesem Kontext scheint es eine grundlegende Frage zu sein, ob nicht jede mögliche Behauptung einer Schutzwürdigkeit des Menschen, die sich an den Speziesgrenzen orientiert, moralisch deswegen zweifelhaft ist, weil die biologische Spezies als solche nicht schutzwürdig ist, sondern allenfalls Wesen mit speziellen Eigenschaften und Fähigkeiten, deren Vorhandensein aber nicht mit der Speziesgrenze zusammenfallen muss. Wenn der moralische Status des Menschen üblicherweise aus seinen Personeneigenschaften, etwa seiner Handlungs- oder Moralfähigkeit hergeleitet wird, dann wäre erst noch zu zeigen, wie die individuelle Menschenwürde systematisch mit der ›Würde‹ der biologischen Gattung ›Mensch‹ zusammenhängt und wie dies zu moralischen Schutzforderungen führen kann. Viel spricht hier dafür, dass die bloße Zugehörigkeit zur Spezies ›Mensch‹ als Kriterium für die Zuerkennung eines besonderen (Menschenwürde-)Schutzes andere Lebewesen mit partiell vergleichbaren Eigenschaften und Fähigkeiten (wie manche Menschenaffen, aber auch mögliche Formen von Chimären und Hybriden) ungerechtfertigter Weise von diesem Schutz ausnehmen würde.

In der Sektion ›Vom Menschen zur Chimäre?‹ ging es deshalb im Einzelnen um die Überschreitung der Gattungsgrenze des Menschen durch die Vermischung von menschlichem und tierischem Zellmaterial, die die Frage nach einem neuen Menschenbild und nach einem ausreichenden Schutz der Menschenwürde aufwerfen. Wenn in der Biologie des Organismus keine Basis für ethische Regelungen gefunden werden kann, wie können wir dann den moralischen Status von Chimären und Hybriden bestimmen? Und von welchen Vorurteilen gegenüber ›ungewohnten‹ Entitäten werden wir bei der Beantwortung dieser Frage möglicherweise geleitet? Ein Versuch, diese Problematik aufzuhellen, wurde mittels einer Übertragung von in den Kulturwissenschaften und der Ethnologie beobachteten und beschriebenen Prozessen einer postkolonialen Entwicklung und deren Analyse unternommen. Begriffe zur Kennzeichnung von Phänomenen kultureller Hybridität, wie Métissage, hybridité (hybridity) und third space versuchen zu erfassen, was bei einer ›Vermischung von Rassen‹ anfänglich geschieht. Ähnliches könnte auch bei einer schrittweisen Überschreitung der Speziesgrenzen im Rahmen von Chimären und Hybridbildungen zu beobachten sein. Dies führte zu der Frage, ob und, wenn ja, inwiefern Kultur und Natur ihre je ›eigenen Wege‹ gehen, und wie wir, im Lichte ihrer Beschreibungen, Konzepte des Anderen und des Selbst besser verstehen können.

Aus rechtsphilosophischer Sicht ging es zudem um die Frage, ob durch die Bildung von Chimären oder Hybriden die ›Rechte von Menschen‹ beeinträchtigt sein können. Geht man davon aus, dass das Ende des Lebens und damit des Lebensrechtsschutzes der vollständige Ausfall der Hirnströme ist, dann ergibt sich daraus eine argumentative Beweislast für denjenigen, der behauptet, der absolute Lebensrechtsschutz und der Würdeschutz seien schon mit der Befruchtung der menschlichen Eizelle anzusetzen. Denn zu diesem Zeitpunkt fließen noch keine Hirnströme, und zwar deshalb nicht, weil es dafür bereits an den erforderlichen physiologischen Voraussetzungen fehlt. Da man dieser argumentativen Beweislast kaum gerecht werden kann (es sei denn unter Rekurs auf das problematische sog. Potentialitätsargument), hätte eine an dem Beginn der Hirntätigkeit orientierte Konzeption des Beginns auch des Würdeschutzes den konzeptionellen Vorteil, dass die Kombination von menschlichen und tierischen Zellen und/oder Erbinformationen ›vor‹ Beginn einer relevanten Gehirntätigkeit selbst bei einer befruchteten menschlichen Eizelle zulässig sein müsste, sofern sichergestellt ist, dass die betreffenden ›Kombinationsprodukte‹ aus menschlichen und tierischen Zellen oder Zellbestandteilen sich nicht soweit entwickeln können, dass eine relevante Gehirntätigkeit einsetzt. Denn vor dieser Zäsur bestünde – wenn man die dargestellte Argumentation akzeptiert – weder absoluter Lebensrechtsschutz noch Menschenwürdeschutz.

Daran anschließend setzten sich die Beiträge der Sektion ›Vom Menschen zur Maschine?‹ mit neuartigen Phänomenen einer ›Technisierung‹ des Menschen selbst (und nicht nur seiner durch Technik gesteuerten Behandlung) auseinander. Inwieweit dabei künftig eventuell einmal entstehende neuartige Kreaturen (z.B. sog. Cyborgs mit technisch ›verbesserten‹ Fähigkeiten etwa der Sinnesorgane) die Konzeption des Menschenwürdeschutzes in Frage stellen oder zumindest verändern, sei es durch Überschreitung der Grenzen eines ›Natürlichkeitskonzepts‹, durch Beeinträchtigung der Autonomie des Betroffenen oder durch Gefährdung des Zusammenlebens künftiger Generationen durch Veränderung des Menschenbildes, wurde diskutiert. Auch hier ist in erster Linie zu klären, ob die Annahme der Trägerschaft von Menschenwürde auch für diese technisch veränderten und ›ergänzten‹ menschlichen Lebewesen beibehalten werden kann und welche Handlungsfolgen sich dabei für den Gesetzgeber ergeben. In Fällen, in denen der Betroffene gegen oder zumindest ohne seinen Willen ›maschinisiert‹ und dabei möglicherweise seine Persönlichkeit verändert oder er sogar externer Kontrolle unterworfen wird, ist sorgfältig darauf zu achten, dass zumindest der Persönlichkeitskern und die grundlegende Autonomie des Einzelnen unangetastet bleiben. Insbesondere ist es unzulässig, weil menschenwürdewidrig, dass der Staat seine Bürger ohne deren Zustimmung durch den Einsatz von Maschinen oder anderer Technik in deren Körper zu verändern trachtet.

In der Regel keine Verletzung der Menschenwürde stellt dagegen die Einpflanzung von technischen Instrumenten in den Körper mit der expliziten Einwilligung des Betroffenen dar (wie dies heute etwa schon bei der Einsetzung von sog. Gehirnschrittmachern im Rahmen der Parkinson-Therapie vielfach geschieht). Allerdings sind mit der Implantation von Elektroden ins menschliche Gehirn verbundene mögliche Auswirkungen auf die geistige Verfassung des Patienten zu berücksichtigen, da die Gehirnaktivität sehr eng mit Bewusstseinsbildung, Persönlichkeitsstruktur und Individualität zusammenhängt. In diesem Kontext ist daher zum einen zu klären, welche Veränderungen individualitätsrelevant sind, und zum anderen, welche Veränderungen normatives Gewicht etwa dadurch erlangen, dass die freie Willensbildung beeinträchtigt oder sogar verhindert wird.

Einen weiteren Schwerpunkt bildete das Thema ›Gehirn-Computer-Schnittstelle‹ (Brain-Computer-Interface; BCI). Ein BCI ermöglicht es, eine direkte nicht-invasive Verbindung zwischen dem Gehirn und einem Computer (etwa durch Magnetresonanztomographie) herzustellen, ohne dabei wie herkömmlich das periphere Nervensystem, etwa durch Anbringung von Elektroden an den Extremitäten, nutzen zu müssen. Das mit dem BCI gekoppelte Computerprogramm ›lernt‹ dabei, welche Veränderungen der Hirnaktivität mit bestimmten Vorstellungen des ›angeschlossenen‹ Menschen korreliert sind, und kann dann diese Informationen in Steuersignale für diverse praktische Anwendungen umwandeln. Der voraussichtlich wichtigste Einsatzbereich des BCI dürfte dabei in der Pflege von körperlich behinderten Menschen bestehen. Ein Beispiel dafür ist die Verbesserung der Mobilität von körperlich Behinderten. Indem Nervenimpulse im Gehirn an Prothesen weitergegeben werden, kommen diese Prothesen in ihrer Verwendbarkeit echten Gliedmaßen immer näher. Auch an der Steuerung von Rollstühlen nur durch Gehirnimpulse wird gearbeitet. Schließlich ergeben sich Perspektiven einer Kommunikation mit Personen, die sich wegen eines Locked-in-Syndroms sonst nicht der Umwelt verständlich machen könnten, und zwar direkt durch elektromagnetischen Kontakt mit deren Gehirn. Neben der Bewältigung der hiermit verbundenen schwierigen technischen Herausforderungen sind bei der Erforschung und Entwicklung von BCI-basierten motorischen Prothesen eine ganze Reihe ethischer Fragen zu berücksichtigen. Dabei geht es u.a. darum, rechtzeitig ethisch erwünschte und unerwünschte Entwicklungen und Folgen zu identifizieren, um gegebenenfalls frühzeitig korrigierend eingreifen zu können. Auch wird man sich verstärkt der Frage zuzuwenden haben, welche rechtlichen Konsequenzen bei Fehlfunktionen der Technik mit schädigenden Auswirkungen auf andere Personen oder auch auf den Träger jener technischen Prothesen zu ziehen sind.

Dem (vorläufig noch theoretischen) Versuch, das menschliche Design völlig zu verändern und den Menschen gleichsam zum Übermenschen ›weiterzuentwickeln‹, widmete sich die Sektion ›Vom Menschen zum Übermenschen?‹. U.a. wurde gefragt, ob die Würde des Menschen noch mit bestimmten extremen Enhancement-Technologien vereinbar ist. Diese Überlegungen leiteten über zum Thema ›Moralische Probleme des Enhancement‹, in dem es zunächst um die Rolle der Epigenetik im Entwicklungsprozess des Menschen ging. Die Epigenetik untersucht nicht die Sequenz der Gene, sondern wann, weshalb und auf welche Weise diese durch äußere Einflüsse aktiviert werden. Im Laufe ihres Lebens ermöglichen es epigenetisch induzierte Veränderungen der DNA den Zellen, auf Umwelteinflüsse zu reagieren und sich diesen anzupassen. Im Unterschied zu landläufigen Vorstellungen scheint die Epigenetik-Forschung zu zeigen, dass die Umwelteinflüsse auf die Ausbildung eines Individuums erheblich stärker sind als die der genetischen Programmierungen (etwa im Verhältnis von 80:20); dies reduziert zumindest die Erwartungen deutlich, die man an eine ›einfache‹ gentechnische Veränderung der Erbinformationen im Hinblick auf die phänotypische Ausprägung eines Individuums haben kann. Die letzte Sektion mit dem Thema ›Probleme der Eugenik‹ befasste sich schließlich insbesondere mit der elterlichen Verantwortung, Kinder vor ungerechtfertigten Eingriffen in ihre Entwicklung zu schützen. Verglichen wurden dabei Eingriffe in die biologische bzw. genetische Konstitution mit denen in die soziale Entwicklung des Menschen, um zu klären, ob gentechnische Eingriffe den im Rahmen der Erziehung von Kindern immer schon akzeptierten Eingriffen in ihren Auswirkungen und ihrer ethischen Beurteilung gleichzustellen sind.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Gisela Badura-Lotter (Ulm), Susanne Beck (Würzburg), Pia Becker (Potsdam), Jutta Busch (Laatzen), Tobias Sebastian Diedrich (Bielefeld), Frank Dietrich (Bielefeld), Dorothee Dörr (Köln), Marcus Düwell (Utrecht), Gunnar Duttge (Göttingen), Eva-Maria Fehre (Bielefeld), Carl Friedrich Gethmann (Essen), Christiane Gottschalk (Bielefeld), Sigrid Graumann (Oldenburg), Gerd Grübler (Mainz), Jürgen Hescheler (Köln), Peter Heuer (Leipzig), Christian Hoffmann (Oldenburg), Erhard Kausch (Münster), Joachim Koch (Bad Oeynhausen), Ulrich Krohs (Bielefeld), Maria E. Kronfeldner (Bielefeld), Thomas A. Küstermann (Bochum), Irmela Krüger-Fürhoff (Bielefeld), Bernd Leinenbach (Wunstdorf), Gesa Lindemann (Oldenburg), Georg Lohmann (Magdeburg), Hironori Matsuzaki (Oldenburg), Christian Neuhäuser (Potsdam), Claudia Peter (Bielefeld), Natalia Petrillo (Bielefeld), Arnd Pollmann (Magdeburg), Thomas Potthast (Tübingen), Alfred Pühler (Bielefeld), Jan-Ole Reichardt (Leipzig), Steffen Rosahl (Erfurt), Markus Rothhaar (Erlangen), Eva Sänger (Bielefeld), Peter Schaber (Zürich), Reinold Schmücker (Münster), Stefan Seiterle (Frankfurt (Oder)), Gerhard Sprenger (Berlin), Ralf Stoecker (Potsdam), Klemens Störtkuhl (Bochum), Guglielmo Tamburrini (Neapel)



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