
In der philosophischen Debatte über die Menschenwürde gibt es verschiedene Ansätze, die Bedeutung dieses Begriffs zu entfalten. Beispielsweise gibt es Versuche, die Bedeutung von ›Menschenwürde‹ mit Hilfe von Überlegungen zur Natur des Menschen zu explizieren. Andere Ansätze streben eine transzendental-pragmatische Fundierung des Begriffs an oder versuchen, den Begriff mit Blick auf historisch-politische Ereignisse zu entwickeln. Gemeinsam ist diesen und anderen hier nicht erwähnten Ansätzen, dass sie den Begriff der Menschenwürde zu einem Grundbegriff der praktischen Philosophie machen, zur zentralen Begründungsinstanz für moralische Berechtigungen und Verpflichtungen. Praktische Philosophie wird letztlich betrieben, um moralische Probleme der Lebenswelt zu klären und nach Möglichkeit zu bewältigen. Dies zieht die Forderung nach sich, dass die Grundbegriffe der praktischen Philosophie keine reinen ›Kopfgeburten‹ sein sollten. Stattdessen sollten sich mit ihrer Hilfe lebensweltliche moralische Intuitionen auffangen und in reflektierter Form systematisch wiedergeben lassen.
Moralische Intuitionen sind bis zu einem gewissen Grad abhängig von kontingenten kulturellen und historischen Umständen. Wer also prüfen möchte, ob der von ihm favorisierte Menschenwürdebegriff den ›moralischen Nerv‹ seiner Zuhörer und Leser trifft, kommt nicht umhin, sich mit deren moralischen Intuitionen zu befassen oder aber Gefahr zu laufen, einen sterilen Begriff zu drechseln, der von keinem praktischen Nutzen sein kann.
Die vorstehenden Überlegungen sprechen nicht dagegen, die Suche nach einem universell gültigen Begriff von Menschenwürde fortzusetzen. Dieses Projekt behält seinen Wert als ewige Suche nach der philosophischen Wahrheit auch dann, wenn es absehbar scheitert. Die Vielfalt der Würdevorstellungen sollte allerdings Anlass sein, sich intensiver mit den kulturellen Aspekten von Menschenwürde zu befassen, als dies vielleicht bisher in Teilen der Fachdebatte der Fall ist. Aus diesem Grund veranstaltete die Forschungsgruppe ›Herausforderungen für Menschenbild und Menschenwürde durch neuere Entwicklungen der Medizintechnik‹ im Juli 2010 eine internationale Tagung, während der zum einen die Relevanz interkultureller Differenzen für moralphilosophische Menschenwürdekonzepte erörtert wurde. Die Beiträge zu diesem Thema beleuchteten die Menschenwürdedebatte mit Blick auf spezifisch christliche, islamische und im chinesischen bzw. japanischen Raum vorhandene Vorstellungen. Zum anderen wurde auch der mögliche Beitrag der empirischen Sozialwissenschaften zu einer Ethik der Menschenwürde anhand von praktischen Beispielen und theoretischen Reflexionen untersucht.
Aus den Vorträgen und Diskussionen wurde deutlich, dass es in den interkulturellen und zum Teil auch in den interdisziplinären Diskursen über die Menschenwürde derzeit weitreichende begriffliche und methodische Differenzen gibt. Einigkeit herrschte aber darüber, dass bei aller Klärungsbedürftigkeit der Begriff der Menschenwürde ein unverzichtbarer Grundbegriff sowohl für die moralphilosophische Fundierung als auch für die rechtspolitische Fortentwicklung der Menschenrechtsdebatte ist.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Dieter Birnbacher (Düsseldorf), Alfons Bora (Bielefeld), Kris Dierckx (Leuven), Frank Dietrich (Bielefeld), Ole Döring (Lüneburg), Dorothee Dörr (Bad Neuenahr-Ahrweiler), Marcus Düwell (Utrecht), Mohammed Ghaly (Leiden), Daniel S. Goldberg (Greenville, NC), Altan Heper (Istanbul), Andrzej M. Kaniowski (Lódz), Yasushi Kato (Nagoya), Erhard Kausch (Bielefeld), Siegbert Kettler (Bad Oeynhausen), David G. Kirchhoffer (Leuven), Joachim Koch (Bad Oeynhausen), Ulrich H.J. Körtner (Wien), Tanja Krones (Zürich), Gesa Lindemann (Oldenburg), Georg Lohmann (Magdeburg), Emanuel Malcke (Bielefeld), Jan-Christoph Marschelke (Würzburg), Keiko Matsui-Gibson (Chiba), Rafael Pardo Arvellaneda (Madrid), Natalia Petrillo (Bielefeld), Ute Raute-Kreinsen (Bielefeld), Daniela Ringkamp (Paderborn), Markus Rothhaar (Erlangen), Sabine Salloch (Bochum), Reinold Schmücker (Münster), Stefan Seiterle (Frankfurt (Oder))