
Mit der Tagung ›Literatur / Geschichte‹ wurde ein größeres Forschungsvorhaben zum Thema ›Text, Literatur, Geschichte. Perspektiven für das 21. Jahrhundert‹ begonnen, das sich mit den veränderten theoretischen und interdisziplinären Grundlagen und Zielsetzungen der Historisch-Philologischen Wissenschaften befasst. Dieses Vorhaben ist institutionell verankert im Herausgebergremium der seit 2010 redaktionell in Bielefeld betreuten Zeitschrift Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) und richtet sich auf eine neue interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den Literatur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften.
Die Eröffnungstagung verglich in ihrem ersten Teil die Fragestellungen, konzeptionellen Vorgehensweisen und Erkenntnisziele der Literatur- und Geschichtswissenschaften. Immer schon ist der wissenschaftliche Umgang mit Literatur und Geschichte durch Konkurrenz und Abgrenzung, nicht weniger aber durch Komplementarität und Kooperation geprägt. Das haben die zurückliegenden Debatten um den linguistic turn, um die Sprachabhängigkeit jeglicher historischer Erkenntnis, noch einmal unterstrichen. Sie haben Einflussnahmen und Abwehrreaktionen beider Disziplinen wechselseitig motiviert. Die Diskussion zielte deshalb zuerst auf drei Felder: auf Narration und Repräsentation vergangener Wirklichkeit in der forschungsgeleiteten historiographischen Darstellung (J. Rüsen /
A. Epple); auf die internationale Wissenschaftsgeschichte der historischen Disziplinen und ihre Methodenkonflikte nach 1945 (P. Schöttler / P. Jelavich / W. Struck), schließlich auf die traditionsreiche Konkurrenz zwischen literarischer und historiographischer Geschichtsschreibung, die sich im
20. Jahrhundert durch die Frage nach multiperspektivischen Blicken auf die ›Wirklichkeit‹ deutlich belebt hat (I. Mülder-Bach / G. Hübinger / W. Voßkamp / B. Beßlich / B. Picht).
Die Referate und Diskussionen schärften den Blick für Ambivalenzen. Es gibt durchaus gute Gründe für eine Abgrenzung und reflektierte Distanz hinsichtlich der Erkenntnisziele und der Art wissenschaftlicher Plausibilisierung in den Literatur- und Geschichtswissenschaften. Ebenso erscheint es geboten, das Verhältnis von ›Faktizität‹ und ›Imagination‹ auf der übergeordneten Ebene inter- oder transdisziplinärer Kulturwissenschaften neu zu eruieren. Wie steht es mit der Funktion des Dokumentarischen in literarischen Texten, und wie mit der sprachlichen Einbildungskraft des Historikers in seiner Forschung? Wo ist der Ort, an dem sich Strategien der ›Faktisierung‹ mit Strategien der ›Fiktionalisierung‹ kreuzen? Und welche Konsequenzen hat dies für die Wirklichkeitsbilder, die die Wissenschaften bereitstellen, wenn sie Herkunftsgeschichten übermitteln?
Entsprechend konzentrierte sich der zweite Teil der Tagung auf neue Konstellationen in der Folge des cultural turn in den Geisteswissenschaften. Eine fachübergreifende Kulturwissenschaft verspricht Aufschluss über grundlegende kulturelle Transformationen (S. Tschopp), historisch variable ›Kulturmuster‹ (D. Fulda) und ›transkulturelle‹ Austauschprozesse (D. Kimmich); eine neu zu modellierende Wissensgeschichte könnte in der Lage sein, die Sozial-, Diskurs- und Alltagsgeschichte zu verbinden oder sogar zu beerben (Ph. Sarasin / A. Geisenhanslüke / H. Dainat); eine Gedächtnisgeschichte wäre in ihrem Bestreben, die Geschichte von ihrem gegenwärtigen Fortleben aus zu beobachten, besonders geeignet, Geschichte und Literatur als eng verknüpfte Medien von Geschichtsbewusstsein und historischer Erinnerung zu konzeptualisieren (A. Assmann). Ins Zentrum habe deshalb social life of the texts zu rücken (A. Erll). Hierzu scheine es an der Zeit, nicht immer neue Metatheorien zu entwickeln, vielmehr verstärkt über Operationalisierungen nachzudenken.
Daran konnte der dritte Teil der Tagung gut anknüpfen. Das soziale Leben literarischer Texte zu erschließen, führt dazu, Literatur und Kunst, Fiktion und Imagination stets als ein mentalitätsgeschichtliches Archiv zu betrachten, das sich mit viel Gewinn auch von der der Politikgeschichte nutzen lässt (W. Pyta). Neue Konzepte der Literaturgeschichtsschreibung profitieren ganz generell von den gegenwärtigen Strömungen der Kultur- und Globalgeschichte, zu beachten ist allerdings, dass Zäsuren und Epocheneinteilungen der Sozial- und der Mediengeschichte höchst verschieden sein können. Am besten lasse sich das wechselseitige Bedingungsverhältnis von Gesellschaft und Literatur in einer nicht auf literarische Texte beschränkten umfassenden Kommunikationsgeschichte konzipieren, wie es beispielsweise im Forschungszweig der history of the Book praktiziert wird (M. Huber / H. Nowak). Eine der ›Zeitgeschichte‹ analoge Reflexion auf Gegenwartsliteratur wiederum beinhaltet die auch für jede literarische Geschichtsschreibung relevante Frage, wo die Vergangenheit jeweils aufhört und die Gegenwart beginnt (E. Schumacher).
Der symbolische Schrägstrich im Tagungstitel diente als Orientierungspunkt der in allen Diskussionen erprobten wissenschaftshistorischen Selbstreflexion. Der slash zwischen ›Literatur‹ und ›Geschichte‹ indiziert Verbindendes und Trennendes zugleich. Er verweist auf eine höchst produktive Spannung, die sich ergibt, wenn literarische Texte als soziale Akte und als Bestandteil übergreifender Wissensordnungen gesehen werden, die sich wiederum in historischen Prozessen verändern. Nicht zuletzt lassen sich die in den Debatten um die moderne Medien- und Wissensgesellschaft vernachlässigten Kontakte zwischen Historiographie und Philologie auf eine neue Grundlage stellen.
Die Zeitschrift Internationales Archiv für die Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) wird sich dieser Grundlagenforschung verstärkt widmen und die Tagungsbeiträge im Jahrgang 2011 publizieren.
Teilnemerinnen und Teilnehmer
Aleida Assmann (Konstanz), Norbert Bachleitner (Wien), Christian Begemann (München), Barbara Beßlich (Heidelberg), Klaus-Michael Bogdal (Bielefeld), Franziska Borkert (Osnabrück), Wolfgang Braungart (Bielefeld), Matthias Buschmeier (Bielefeld), Holger Dainat (Bielefeld), Angelika Epple (Bielefeld), Astrid Erll (Frankfurt am Main), Daniela Fulda (Halle (Saale)), Achim Geisenhanslüke (Regensburg), Manuela Gerlof (Berlin), Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld), Martin Huber (Bayreuth), Bettina Joergens (Detmold), Kai Kauffmann (Bielefeld), Dorothee Kimmich (Tübingen), Tanja Morstein (Bielefeld), Inka Müller-Bach (München), Helge Nowak (München), Barbara Picht (Frankfurt (Oder)), Wolfram Pyta (Stuttgart), Jörn Rüsen (Bochum), Philipp Sarasin (Zürich), Eckhard Schumacher (Greifswald), Peter Schöttler (Paris), Kirstin Schmidt (Hamburg), Ralf Schneider (Bielefeld), Wolfgang Struck (Erfurt), Silvia Serena Tschopp (Augsburg), Beatrix van Dam (Münster), Torsten Voß (Bielefeld), Wilhelm Voßkamp (Köln)