
In der Literatur- und Filmwissenschaft ist in den vergangenen Jahren verstärkt zur Frage der Emotionsvermittlung geforscht worden, wobei man immer wieder zu ähnlichen Ergebnissen kam. Umso mehr erstaunt es, dass in diesem Bereich bisher kaum medienkomparatistische Untersuchungen vorliegen. Diesem Desiderat hat sich im November 2010 eine ZiF-Arbeitsgemeinschaft aus Psychologen, Psychoanalytikern, Literatur-, Film- und Medienwissenschaftlern unter der wissenschaftlichen Leitung von Sandra Poppe gewidmet. Ziel war es, über den Vergleich der beiden Medien sowohl Gemeinsamkeiten wie die Fiktionalität und Vermitteltheit literarischer und filmischer Emotionen als auch Unterschiede wie die zur Emotionalisierung eingesetzten medienspezifischen Ausdrucksmittel zu untersuchen. Um das breite Feld ›Emotionen‹ einzugrenzen und zugleich einen Bereich zu fokussieren, der in der bisherigen Forschung kontrovers diskutiert wurde, konzentrierte sich die Arbeitsgemeinschaft auf die Untersuchung der Rezipientenseite. Dabei standen Fragen wie ›Warum lösen Fiktionen Emotionen aus?‹, ›Wie unterscheiden sich reale von fiktionalen Emotionen?‹ oder ›Wo liegen die Unterschiede zwischen literarischer und filmischer Emotionsvermittlung und welchen Einfluss hat das jeweilige Medium auf die Emotionalisierung des Rezipienten?‹ im Mittelpunkt der Vorträge aus verschiedenen Disziplinen.
Psychologische und kognitionswissenschaftliche Zugänge zum Thema ›Emotion‹ lieferten zu Beginn der Arbeitsgemeinschaft eine gemeinsame Basis für die darauf folgende spezifischere Auseinandersetzung. Dabei wurde unter anderem der Zusammenhang zwischen behandelter Emotion und eingesetzter Erzählstrategie im Alltagskontext deutlich gemacht. Es wurde außerdem die Bereitschaft des Rezipienten, sich innerhalb der Fiktion negativen Emotionen freiwillig auszusetzen diskutiert. Für die emotionale Reaktion des Rezipienten auf Kunstwerke wurden verschiedene Erklärungsmodelle vorgestellt, welche fiktionale Emotionen entweder analog zu realen Gefühlen als ›Fantasiegefühle‹ oder als Auslöser von evolutionär bedingten Emotionsschemata verstehen. In der zentralen Sektion der Arbeitsgemeinschaft Mediale Vermittlung von Emotionen und Emotionalisierung in Literatur und Film wurde die Frage aufgeworfen, ob es neben dem paradox of fiction nicht auch ein ›Mimesisparadox‹ gebe und entsprechend zu untersuchen sei, welchen Unterschied es für den Rezipienten mache, ob er mit medial vermittelten oder direkt erlebten Emotionen konfrontiert sei. Der mediale Unterschied innerhalb der Emotionalisierung wurde immer wieder betont: Dem Film sprach man wegen des Einsatzes audiovisueller Mittel eine direktere Affektübertragung zu, während für die Lektüre als kognitionsgesteuertem Prozess eine eher sukzessive, ›tiefere‹ Auseinandersetzung mit der vermittelten Emotion vermutet wurde. Unterschiede zwischen Literatur und Film wurden zudem in den unterschiedlichen Rezeptionssituationen festgestellt: Während im Kinosaal ein kollektives Erleben möglich ist, das die Emotionalisierung des Rezipienten beeinflussen kann, handelt es sich bei der Lektüre meist um eine individuelle Rezeption ohne soziale Komponente.
In der abschließenden Sektion der Arbeitsgemeinschaft wurden Trauer und Freude in der medienkomparatistischen Beispielanalyse gegenübergestellt. Dabei wurde nochmals deutlich, dass die Emotionsvermittlung in beiden Medien grundverschieden ist und entsprechend zu einer unterschiedlichen Rezeptionshaltung führt. Zugleich wurde anhand der Beispielemotionen deutlich, dass die jeweils dargestellte Emotion einen erheblichen Einfluss auf die eingesetzten Mittel sowie die Emotionalisierung des Zuschauers oder Lesers habe, was zu der Frage geführt hat, ob es Affinitäten zwischen bestimmten Emotionen und bestimmten Medien gebe. Es wurde die Tendenz angesprochen, dass sich Heiterkeit eher filmisch vermittele und Trauer bzw. negative Emotionen eher literarisch. Diese Zuordnung findet sich in der psychologischen Empirie wieder, die mit Stimmungsinduktion arbeitet, müsste jedoch an weiteren Beispielen untersucht werden. Insgesamt zeichnete sich die Arbeitsgemeinschaft durch konzentrierte und produktive Diskussionen über die disziplinären Grenzen hinweg aus. Zusätzlich bereichert wurden diese durch einen Gesprächsabend mit der Autorin Katharina Hacker und dem Regisseur Oskar Roehler, die die Verarbeitung von Emotionen aus Produzentensicht diskutierten.
Ein Tagungsband, der die Ergebnisse der Arbeitsgemeinschaft publiziert, ist geplant und soll Ende 2011 erscheinen.
Teilnemerinnen und Teilnehmer
Thomas Anz (Marburg), Michael Braun (Köln), Jens Eder (Mainz), Anna Fenner (Göttingen), Anne Fuchs (Dublin), Ulla Gosmann (Herten), Tilmann Habermas (Frankfurt am Main), Katharina Hacker (Berlin), Julian Hanich (Berlin), Emilia Linda Heinrich (Greifswald), Claudia Hillebrandt (Göttingen), Werner Kamp (Köln), Roland Mangold (Stuttgart), Katja Mellmann (Göttingen), Burkhard Meyer-Sickendiek (Berlin), Pascal Nicklas (Berlin), Jean-Pierre Palmier (Bielefeld), Katrin Pollmann (Göttingen), Rainer Reisenzein (Greifswald), Oskar Roehler (Berlin), Regina Roßbach (Mainz), Kerstin Thomas (Mainz), Christiane Voss (Weimar), Frank Zipfel (Mainz)