
Die Themen der Kreativität, der Selbsttranszendenz und der Gewalt erzeugen in der Forschung des Soziologen und Sozialphilosophen Hans Joas eine Spannung, aus der ein kreativer und sehr eigenständiger Denkansatz in der deutschen Sozialwissenschaft entstanden ist. Er schöpft aus der Quelle einer langjährigen Beschäftigung mit dem US-amerikanischen Pragmatismus. Daraus entwickelt er eine eigene und eigenwillige Position im Blick auf die Entstehung von Werten und die Bedeutung von Normen. Diese ankert – in klarer Abgrenzung von funktionalistischer Strukturtheorie – in einem Begriff von situierter Kreativität des Handelns und der Erfahrung der Selbsttranszendenz. Aus diesen Begriffen leitet Joas wiederum eine wertzentrierte Theorie von Normativität ab, welche sich in einer deutlichen Spannung, aber auch in einer relativen Anschlussfähigkeit zu der in Deutschland starken Diskursethik artikuliert. Die Beschäftigung mit den materialen Gegenständen ›Religion‹ und ›Krieg‹ kontextualisiert, testet und fördert die grundlagentheoretischen Forschungen zu Pragmatismus und Normativität sowie der theoretischen Operatoren ›Kreativität‹ und ›Selbsttranszendenz‹. Neuere Forschungen zu Fragen der Menschenwürde und der Entstehung der Menschenrechte als eines Prozesses der Sakralisierung der menschlichen Person setzen dieses Programm konsequent fort.
In Würdigung dieses Werkes wurde Hans Joas am 19. November 2010, in Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld, der Bielefelder Wissenschaftspreis der Stiftung der Sparkasse Bielefeld verliehen. Joas ist derzeit Leiter des Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt, ordentliches Mitglied der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Professor am Department of Sociology der University of Chicago, deren Committee on Social Thought er angehört, und non-resident fellow des Swedish Collegium for Advanced Study in Uppsala. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit an verschiedenen deutschen Universitäten hatte Hans Joas eine Vielzahl von Gastprofessuren vor allem im nordamerikanischen Raum, unter anderem in Toronto, der New School for Social Research in New York und der Duke University in Durham inne. Nicht zuletzt in diesem Zusammenhang beschäftigte er sich intensiv mit dem angelsächsischen Pragmatismus, der zu einer kreativen Triebkraft seines sozialwissenschaftlichen Denkens zu Fragen der Entstehung von Werten, der Religion und der kriegerischen Gewalt wurde. Wichtigste Publikationen von Hans Joas sind unter vielen anderen: Pragmatismus und Gesellschaftstheorie (1992), Die Kreativität des Handelns (1992), Die Entstehung der Werte (1997), Kriege und Werte. Studien zur Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts (2000), Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz (2004), Sozialtheorie (2004), Kriegsverdrängung (2008) (die beiden letzten Titel mit Wolfgang Knöbl).
Anlässlich der Preisverleihung veranstaltete das Zentrum für Interdisziplinäre Forschung (ZiF) der Universität Bielefeld unter der Leitung von Heinrich Wilhelm Schäfer ein wissenschaftliches Kolloquium, in dem das Werk des Preisträgers von einer Vielzahl führender Sozial- und Religionswissenschaftler sowie Philosophen und Theologen debattiert wurde. Der Titel des Kolloquiums fasste mit den Begriffen ›Kreativität – Selbsttranszendenz – Gewalt‹ Leitmotive des sozialwissenschaftlichen Denkens des Preisträgers zusammen. Die Dynamik dieser Leitkonzepte des Joas’schen Werkes wurde in Impulsreferaten zu den wichtigsten Forschungsgebieten des Preisträgers kritisch gewürdigt. Das ganztägige Kolloquium wurde vom Frankfurter Theologen und Pragmatismus-Spezialisten Hermann Deuser mit einem Referat zu zentralen Fragen des Pragmatismus und ihrer Rezeption bei Joas eröffnet. Der Zürcher Philosoph und Habermas-Schüler Lutz Wingert stellte in seinem Impulsreferat zum Thema ›Normativität‹ Überlegungen über die Spannung zwischen dem Joas’schen Ansatz und der Diskursethik zur Diskussion. Eine dritte Debatte, zum Thema ›Religion‹, wurde eingeleitet von einem Referat des Religionswissenschaftlers Hans Georg Kippenberg, der – lange Jahre Kollege von Hans Joas am Erfurter Max Weber-Kolleg – Bezüge des Joas’schen Denkens über Religion in den Zusammenhang der Religionssoziologie Max Webers und der Theorie der Achsenzeit in Eisenstadts Lesart stellte. Das Kolloquium wurde beschlossen mit einer Debatte über ein Impulsreferat von Wolfgang Knöbl, der die Arbeit Hans Joas‘ zum Thema ›Krieg‹ kritisch im Zusammenhang des Werkes interpretierte.
In einer Zeit, die einerseits von gewaltsamen Identitätspolitiken und andererseits von der Ambivalenz universaler Normsetzung gekennzeichnet ist, eröffnen die erfahrungsbezogenen und an Erfahrungsüberschreitung orientierten Überlegungen des Soziologen und Sozialphilosophen Joas neue Antwortmöglichkeiten, die aus der Spannung zwischen Gewalt, Selbsttranszendenz und Kreativität erwachsen.
Der deutsche Soziologe und Sozialphilosoph Hans Joas ist Max-Weber-Professor und Leiter des ‘Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien’ an der Universität Erfurt sowie Professor an der Universität Chicago. Seit 1998 ist er Ordentliches Mitglied der ‚Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften’ und non-resident fellow des ‚Swedish Collegium for Advanced Studies’ in Uppsala. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Sozialphilosophie und soziologischen Theorie, insbesondere vor dem Hintergrund des amerikanischen Pragmatismus. Er arbeitet auch auf den Gebieten der Werteforschung, Religionssoziologie sowie der Soziologie von Krieg und Gewalt. Das breite Spektrum seiner Forschungen ist dokumentiert in zentralen Werken, wie z.B.: Pragmatismus und Gesellschaftstheorie (1992), Die Entstehung der Werte (1997), Braucht der Mensch Religion? Über Erfahrungen der Selbsttranszendenz (2004) oder Kriegsverdrängung. Ein Problem in der Geschichte der Sozialtheorie (2008). In diesem Jahr erschienen: Religion und die umstrittene Moderne sowie Begriffene Geschichte. Beiträge zum Werk Reinhart Kosellecks, mit Hans Joas als Mitherausgeber.
Teilnemerinnen und Teilnehmer
Thomas Assheuer (Hamburg), Martin Bauer (Hamburg), Hermann Deuser (Erfurt), Martin Fuchs (Erfurt), Karl Gabriel (Münster), Nikolai Genov (Berlin), Klaus Gilgenmann (Osnabrück), Udo Göttlich (Neubiberg), Joachim Hake (Berlin), Reinhold Hedtke (Bielefeld), Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld), Bettina Hollstein (Erfurt), Friedrich Jaeger (Essen), Barbara Jantzen (Bielefeld), Hans Joas (Erfurt), Franz-Xaver Kaufmann (Bonn), Hans G. Kippenberg (Bremen), Wolfgang Knöbl (Göttingen), Christoph Markschies (Berlin), Sigrid Meuschel (Leipzig), Joanna Pfaff-Czarnecka (Bielefeld), Andreas Pettenkofer (Erfurt), Wolfgang Prinz (Leipzig), Michaela Rehm (Bielefeld), Gerhard Sagerer (Bielefeld), Sabine Sander (Erfurt), Magnus Schlette (Erfurt), Hans-Joachim Schubert (Mönchengladbach), Willibald Steinmetz (Bielefeld), Helmut Thome (Halle (Saale)), Hartmann Tyrell (Bielefeld), Lutz Wingert (Zürich), Patrick Wöhrle (Erfurt), Ina Wunn (Bielefeld)