Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Moralische Kompromisse

Termin: 10. - 11. Februar 2012

Leitung: Rüdiger Bittner (Bielefeld), Véronique Zanetti (Bielefeld)

In einschlägigen philosophischen Wörterbüchern sucht man den Begriff ›Kompromiss‹ in der Regel vergeblich. Kompromisse – so scheint es – sind Sache der politischen Praxis und des alltäglichen Lebens. Kompromisse zu schließen, hat stets den Beigeschmack des unentschiedenen und nicht geradlinigen Handelns. Gleichwohl sind Kompromisse lebenspraktisch schlicht notwendig. Weitgehend unklar ist jedoch, wie Kompromisse ethisch zu bewerten sind. Ist ein kompromissbereites Handeln nur ein unvollkommen moralisches Handeln? Gibt es Lebensbereiche, in denen ein Kompromiss schlechthin unmoralisch ist und nicht abgeschlossen werden sollte, auch wenn sich daraus große Nachteile ergeben?

Das zweitägige Symposium hatte einerseits zum Ziel, den Begriff theoretisch zu analysieren, nämlich im Lichte der Frage, wie so etwas wie ein moralischer Kompromiss zu verstehen ist und ob es Kompromisse im strengen Sinne überhaupt gibt. Andererseits sollte auf ausgewählten Praxisfeldern dargetan werden, wie Kompromisse in der Politik, in der Gesetzgebung und Rechtssprechung möglich sind. Es zeigte sich im ersten Block, dass Kompromisse nicht nur negativ als Verzicht, Rückzug oder gar Identitätsverlust gesehen werden müssen, sondern dass sie eine demokratische Tugend darstellen können, die nämlich, anderen Ansichten mit Respekt zu begegnen. Bedingung einer moralisch fairen Kompromissbildung ist allerdings, dass alle Beteiligten in jedem Entscheidungs-Stadium über das Verfahren im Bilde sind. Ein zweiter Block beschäftigte sich mit der Kompromissbildung im internationalen Strafrecht. Am Beispiel Ruanda wurde gezeigt, wie falsche Kompromisse zwischen Strafprozessen und Versöhnungskommission zu einer parteiischen Siegerjustiz führen und dabei die Perspektive auf ein friedliches Zusammenleben schwer antasten können. Direkt daran schloss der dritte Block zu Kompromissen in der Geschichte. Hier wurden die Kompromisse der Wahrheitskommission in Süd-Afrika und der Amnestie in Spanien nach ihrer Zweckmäßigkeit für die Friedensfindung und nach ihrer Moralität untersucht. Der Kreis schloss sich mit einer kritischen Frage an die theoretische Möglichkeit von Kompromissen: Sind wir nämlich in der Lage, zweierlei moralische Überzeugungssysteme zugleich in unserer Brust zu beherbergen, sind Kompromisse nicht mehr nötig.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer:
Richard Bellamy (London), Franziska Eckelmans (Den Haag), Minou Friele (Bonn), Bruno Haas (Bielefeld),
Gerd Hankel (Hamburg), Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld), Ina Herbst (Bielefeld), Marco Hilla (Bielefeld),
Marco Iorio (Lüneburg), Anna Klein (Bielefeld), Alexandra Koch (Bad Salzuflen), Ingo Kurpanek (Minden),
Dominique Leydet (Montreal), Anke Maria Orschinack (Berlin), Jan Pohlmeier (Lemgo),
Jens-Christian Rabe (München), Rudolf Schüßler (Bayreuth), Dirk J. Smit (Stellenbosch),
Marc Tallian (Bielefeld), Julia Tegeler (Bielefeld), Fritz Rüdiger Volz (Bochum),
Andreas Zick (Bielefeld)



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