Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Ethik des Kopierens

Termin: 8. - 11. Juli 2014

Leitung: Reinold Schmücker (Münster, GER)

Die Fälschung eines Gemäldes, das Plagiat eines Textes, die wiederaufgebaute Frauenkirche, ein edit oder ein mashup – sie alle haben zweierlei gemeinsam: Erstens verdanken sie ihre Anfertigung einem Akt des Kopierens: der Reproduktion oder Imitation einer Vorlage. Zweitens ist ihre Herstellung zuweilen so umstritten, dass sie Gerichte beschäftigt. Warum sollte die harmlos erscheinende Tätigkeit des Kopierens moralisch fragwürdig sein? Bestehen die Kopierbeschränkungen, die das Urheberrecht enthält, zu Recht? Diesen Fragen ging die ZiF-Arbeitsgemeinschaft The Ethics of Copying nach: 17 Forscher nahmen vom 9. bis 11. Juli 2014 die normative Dimension von Kopierprozessen aus kunsthistorischer, kultur- und literaturwissenschaftlicher, philosophischer und juristischer Perspektive in den Blick. Auch wenn die Anfertigung von Kopien durch den Fortschritt der Reproduktionstechnologie in den letzten Jahrzehnten mit immer größerer Perfektion und immer geringerem Aufwand möglich wurde, ist Kopieren keineswegs eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Vielmehr setzt, wie Mark Alfino deutlich machte, jegliches Lernen und alle soziale Interaktion eine Fähigkeit zur Repräsentation und zur Imitation der Aktivitäten und Vorstellungen anderer voraus. Der freie Zugang zu kulturellen Erzeugnissen und Erfindungen sei deshalb, so Alfino, eine unabdingbare Voraussetzung für die freie geistige Entwicklung menschlicher Individuen. Was aber geschieht, so fragte Dieter Birnbacher, wenn der Mensch nicht nur als Kopierender tätig ist, sondern selber kopiert wird? Kleist habe diese Frage in Amphitryon literarisch gestaltet, in der Alkmene eine Liebesnacht mit Jupiter verbringt, der die Gestalt ihres geliebten Gatten Amphitryon angenommen hat. Diese Fantasie sei mit der Technik des Klonierens zumindest in gewisser Hinsicht eine Realität geworden, die der Frage des ‚Kopierens von Menschen‘ konkrete Brisanz verleiht. Diesen Ideen von Kopie und Kopieren in einem weiten Sinn wurde ein engerer Begriff des Kopierens gegenübergestellt. So erinnerte Massimiliano Carrara daran, dass nicht jede Fälschung eine Kopie sein müsse, weil es auch Fälle geben könne, in denen gar kein Original existiert, sondern uns ein Fälscher nur glauben macht, ein Künstler habe ein solches Original produziert. Fälschungen, so Carrara, seien vielmehr Artefakte, die mit der Absicht produziert werden, Rezipienten über ihre wahre Entstehungsgeschichte zu täuschen. Mit einer solchen Bestimmung ist aber noch keine Theorie der Kopie gewonnen, ist doch auch umgekehrt nicht jede Kopie eine Fälschung. Als Grundlage bedarf eine Ethik des Kopierens deshalb einer detaillierten Analyse des Begriffs der Kopie, wie sie Amrei Bahr präsentierte; denn sie muss zumindest zwischen Exemplaren und Kopien eines Typs von Artefakten differenzieren. Wie vielgestaltig der Phänomenbereich ist, den eine solche Ethik inhaltlich abdecken muss, erhellte aus mehreren Beiträgen. David Oels stellte die normativen Probleme vor, die sich ergeben, wenn Romanautoren Texte aus Sachbüchern übernehmen – beispielsweise im Fall von Dan Browns Roman Sakrileg oder Frank Schätzings Der Schwarm. Christoph Brumann problematisierte das Vorgehen der UNESCO bei der Zuerkennung des Status einer Stätte des Weltkulturerbes. Wie soll mit großenteils rekonstruierten Bauwerken wie etwa der alten Brücke in Mostar umgegangen werden? Unter welchen Bedingungen sollte der Welterbetitel aberkannt werden, wie 2009 nach dem Bau der Waldschlößchenbrücke bei Dresden geschehen? Überzeugend begründete Kriterien für solche Fälle fehlen bisher vollständig. Ähnlich steht es im Bereich der juridischen Regelung das Copyright betreffender Tatbestände, Lionel Bently analysierte die uneinheitliche Rechtsprechung im Fall von Selbstplagiaten, die einen Grund darin hat, dass Plagiat und Plagiierung gar keine juridisch definierten Begriffe sind. Wie schwierig die Grenzziehung zwischen dem bloßen Plagiieren oder Kopieren eines Originals und der kreativen Weiterentwicklung von tradiertem Material, die jede künstlerische Arbeit ausmacht, tatsächlich ist, brachte Hans Nieswandt in seiner Evening Session zu Gehör. Berücksichtigt man, mit welch unterschiedlichen musikalischen Collagetechniken heute klassische Aufnahmen neu abgemischt, rekombiniert und beispielsweise durch die Unterlegung von Discobeats verändert werden, so scheint eine adäquate Beurteilung nur für jeden einzelnen Fall möglich zu sein. Das Fehlen elaborierter Kriterien zur Entscheidung dieser und ähnlicher Streitfragen zeigt, wie groß die Aufgabe der Entwicklung einer Ethik des Kopierens ist. Auch wenn erste Vorschläge für ein angemessenes Verständnis der Grundbegriffe Kopie und Original, Fälschung, Plagiat und Selbstplagiat vorliegen, ist die Frage nach den normativen Gehalten einer solchen Ethik nach wie vor weitgehend unbeantwortet. Einen Weg, sie zu beantworten, deutete Aram Sinnreich an, der eine empirische Studie vorstellte. Befragt, worin die Problematik des Kopierens bestehe, führten die Teilnehmer der Studie nicht nur die Täuschungsabsicht von Fälschern oder den Diebstahl geistigen Eigentums an, sondern auch die Gefährdung der Authentizität eines Artefakts, den innovativen Charakter neuartiger Artefakte und die in die Herstellung eines Artefakts investierte Arbeit. Wie diese und andere Gründe, die Dieter Birnbacher und Charles Ess geltend machten, normativ zu gewichten sind, wird sich im Zuge der wissenschaftlichen Grundlegung einer Ethik des Kopierens erweisen müssen.


Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Mark Alfino (Spokane, USA), Jan Bäcklund (Kopenhagen, DEN), Amrei Bahr (Münster, GER), Lionel Bently (Cambridge, GBR), Dieter Birnbacher (Düsseldorf, GER), Franziska Brinkmann (Freiburg i.Br., GER), Christoph Brumann (Halle (Saale), GER), Massimiliano Carrara (Padua, ITA), Bernadette Collenberg-Plotnikov (Münster, GER), Thomas Dreier (Karlsruhe, GER), Charles Ess (Oslo, NOR), Annette Gilbert (Berlin, GER), Johannes Grave (Bielefeld, GER), Tilo Grenz (Karlsruhe, GER), Darren Hudson (Lubbock, USA), Martin Hoffmann (Hamburg, GER), Wybo Houkes (Eindhoven, NED), Lisa Jones (St. Andrews, GBR), Thomas Kater (Münster, GER), Nicolas Kleinschmidt (Osnabrück, GER), Lioba Knape (Münster, GER), Linda Kuschel (Berlin, GER), Johannes Müller-Salo (Münster, GER), Norbert Niclauss (Berlin, GER), Hans Nieswandt (Essen, GER), David Oels (Mainz, GER), Eberhard Ortland (Hildesheim, GER), Alexander Peukert (Frankfurt am Main, GER), Manja Schliack (Erlangen, GER), Aram Sinnreich (New Brunswick, USA), Philip Theison (Zürich, SUI), Doris Wagner (Wiesbaden, GER), Michael Weh (Hamburg, GER), Hannah Wirtz (Karlsruhe, GER), Pavel Zahrádka (Olomouc, CZE)


Interview vom 9. Juli im Deutschlandradio Kultur

Interview vom 9. Juli im Saarländischen Rundfunk

Interview vom 11. Juli im Deutschlandradio Kultur


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