Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Die neue Mitleidsökonomie – international-vergleichende Dimensionen und politische Perspektiven

Termin: 22. - 23. September 2016

Leitung: Fabian Kessl (Essen, GER)

Vor dem Hintergrund von Forschungsarbeiten, in denen in den vergangenen Jahren erstmals das wachsende Phänomen neuer Systeme der Armutslinderung im bundesdeutschen Kontext empirisch auf seine organisationale und institutionelle Ausprägungsform im Überblick untersucht wurde (vgl. Projektgruppe "Neue Mitleidsökonomie" (Hrsg.): Die neue Mitleidsökonomie. Armutsbekämpfung jenseits des Wohlfahrtsstaats? Bielefeld:Transcript 2017), war die ZiF-Arbeitsgemeinschaft Charity Economy auf die internationale Dimension und mögliche politische Perspektiven zum Umgang mit diesem Phänomen ausgerichtet. Die Teilnahme von etwa 20 internationalen Wissenschaftler_innen ermöglichte die Ausleuchtung eines international-vergleichenden Horizontes in interdisziplinärer Art und Weise. Einen geographischen Schwerpunkt der Auseinandersetzung bildete dabei die europäische Entwicklung. Disziplinär standen soziologische, sozialpädagogische, kulturanthropologische, ernährungspolitische, wohlfahrtsstaatstheoretische und volkswirtschaftliche Perspektiven im Zentrum der Debatten über die neue Mitleidsökonomie.

Die mitleidsökonomische Strukturlogik der Verteilung von Elementargütern aus Konsumüberschüssen oder -resten an bedürftige Personen erweist sich im bundesdeutschen Kontext als neuer Bestandteil der öffentlichen Infrastruktur: Der größte Bestandteil von

Tafel-, Suppenküchenangeboten oder von Sozialkaufhäusern ist eng mit professionellen Angeboten im Feld sozialer Dienstleistungen verbunden. Das bestätigt nicht nur die hohe Anzahl von Hauptamtlichen, die in diese Angebotsstrukturen eingebunden sind, sondern auch die öffentliche (Ko)Finanzierung in der Mehrheit der Fälle. Die internationale Situation stellt sich in Bezug auf die vehemente Etablierung der neuen Mitleidsökonomie in den vergangenen Jahrzehnten sehr ähnlich dar. Die organisationalen Strukturen unterscheiden sich international dagegen zum Teil erheblich. So wies Graham Riches für die USA auf die ausgeprägte Verschränkung von Ernährungsindustrie und Mitleidsökonomie hin, die sich in Teilen auch in der englischen Entwicklung wiederspiegelt, wie Martin Caraher verdeutlichte. Zugleich spielen dort religiöse Gemeinschaften – christliche wie muslimische – als Anbieter eine merkliche Rolle, die, so Mustafa Koç , im Zusammenspiel mit der führenden Regierungspartei in der Türkei ebenfalls sehr einflussreich sind. Dass auch in den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten Skandinaviens in der jüngsten Vergangenheit mitleidsökonomische Angebote etabliert werden und damit das im 20. Jahrhundert lange Zeit bestimmende "Volksheim"-Programm in Frage stellen, wurde im Beitrag von Tiina Silvasti erkennbar.

In Bezug auf die Nutzungsweisen wiederum zeigen sich, wie Hilje van der Horst für die Niederlande und Holger Schoneville für den bundesdeutschen Kontext illustrieren konnten, deutliche Analogien in Bezug auf das Beschämungspotenzial, das sich im Rahmen der neuen Mitleidsökonomie, für (potenzielle) Nutzer_innen realisiert.

Auch in Bezug auf die wohlfahrtsstaatliche Lokalisierung des Phänomens machten die Teilnehmer_innen deutliche Korrespondenzen zwischen den unterschiedlichen nationalen Kontexten aus: Zum einen ist die Etablierung der neuen Mitleidsökonomie, wenn auch in historisch versetzter Art und Weise, relativ unabhängig von den jeweiligen Wohlfahrtsregimen nachweisbar, wie die Hinweise weiterer europäischer Kolleg_innen für die französische, spanische oder österreichische Situation belegten; zum anderen verweist ihre Etablierung auch auf ähnliche gesellschafts- und sozialpolitische Verhältnisse, wie John Clarke mit Blick auf die konstitutiven Kämpfe um die normative Ausgestaltung von Wohlfahrtsstaaten und Brigitte Aulenbacher mit Verweis auf die Ausbildung neuer Sorgeregime in den vergangenen Jahren ausweisen konnten.

Das wissenschaftlich wie gesellschaftspolitisch noch immer unterschätzte Phänomen der "neuen Mitleidsökonomie" konnte mit der erfolgreichen Tagung international wie interdisziplinär gerahmt werden, womit es in seiner Komplexität deutlich besser fassbar geworden ist. Darüber hinaus erzeugte die Konferenz auch eine relativ große mediale Aufmerksamkeit, die die notwendige gesellschaftspolitische Auseinandersetzung weiter anregen kann (u.a. Interviews mit dem Bayerischen und dem Westdeutschen Rundfunk, Meldung und Interview mit dem Evangelischen Pressedienst, Presseberichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und im Neuen Deutschland).

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Brigitte Aulenbacher (Linz, AUT), Ellen Bareis (Ludwigshafen, GER), Heinz-Josef Bontrup (Recklinghausen, GER), Martin Caraher (London, GBR), Lina Cristina Casadó Marin (Tarragona, ESP), Zoë Clark (Bielefeld, GER), John Clarke (Milton Keynes, GBR), Matthieu Duboys de Labarre (Dijon, FRA), Alban Knecht (Linz, AUT), Mustafa Koç (Toronto, CAN), Stephan Lorenz (Jena, GER), Melanie Oechler (Dortmund, GER), Skevos Papaioannou (Kassel, GER), Graham Riches (Vancouver, CAN), Martina Richter (Essen, GER), Holger Schoneville (Dortmund, GER), Tiina Helena Silvasti (Jyvaskyla, FIN), Stephanie Simon (Kassel, GER), Tina Thierbach (Dortmund, GER), Hilje van der Horst (Wageningen, NED), Michael Wiedemeyer (Essen, GER), Carmen Wienand (Bielefeld, GER)



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