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ZiF-Arbeitsgemeinschaft

Sein und Sollen: Die ethische und rechtliche Bedeutung der Moralpsychologie

Termin: 11. - 12. Mai 2017

Leitung: Christoph Bublitz (Hamburg, GER), Norbert Paulo (Salzburg, AUT)

Die Moralpsychologie hat in den letzten Jahren eine Vielzahl interessanter und interpretationsbedürftiger empirischer Befunde über moralisches Urteilen hervorgebracht. Diese Befunde stellen einige Grundannahmen der traditionellen Philosophie in Frage und haben zur Entwicklung der sogenannten Experimentellen Ethik geführt. Möglicherweise müssen die Verhältnisse zwischen der empirischen und der normativen Sphäre überdacht werden. Auf dem Workshop Is and ought: The Ethical and Legal Relevance of Moral Psychology hat sich eine internationale Gruppe von Philosoph_innen, Psycholog_innen, Ökonom_innen und Jurist_innen mit der Frage beschäftigt, welche normativen Implikationen sich in theoretisch-philosophischer wie in praktisch-juristischer Hinsicht aus der jüngeren empirischen Moralforschung ergeben.

Der Workshop verfolgte drei Leitfragen: Erstens, inwiefern sind die Erkenntnisse der modernen Moralpsychologie relevant für die Rechtfertigung ethischer Prinzipien oder für die moralische Beurteilung von Einzelfällen? Angenommen, es könnte tatsächlich gezeigt werden (wie es in der Moralpsychologie mitunter behauptet wird), dass deontologische Urteile im Gehirn anders verarbeitet werden als konsequentialistische, und angenommen, erstere würden u.a. auf einen stärkeren emotionalen Einfluss zurückgehen als letztere: Würde dies irgendetwas über die Richtigkeit, Wahrheit oder Angemessenheit deontologischer Urteile implizieren? Zweitens, wie genau können empirische Erkenntnisse helfen, die Rationalität in moralischen Entscheidungen zu fördern und den Einfluss von systematischen Denkfehlern, irrationalen Heuristiken, biases etc. abzumildern? Könnten etwa bestimmte prozedurale Arrangements Denkfehlern entgegenwirken? Drittens, welche empirischen Befunde wären aus normativer Perspektive erheblich, und durch welche experimentellen Untersuchungen ließen sie sich empirisch erlangen?

Zu allen drei Fragen haben sich auf dem Workshop interessante Diskussionen ergeben. In Bezug auf die ersten beiden Fragen wurden verschiedene Versuche unternommen, die Struktur der inzwischen klassischen Debunking-Argumente daraufhin zu analysieren, welche Hinweise sich auf eine parallele Struktur konstruktiver Vindicating-Argumente ergeben könnten. Außerdem wurden neue Studien zu konkreten körperlichen Einflüssen (vor allem Ekelgefühle) auf moralische Urteile vorgestellt und deren ethische und rechtliche Relevanz diskutiert. Ferner wurden neuere Untersuchungen zu den vermuteten neuronalen Korrelaten (impliziter) rassistischer Haltungen diskutiert. Nicht zuletzt führten die Diskussionen zu Vorschlägen für das Design künftiger empirischer Untersuchungen, was für die dritte Leitfrage relevant war. Es haben sich so auch Möglichkeiten für interdisziplinäre Kooperationen zwischen den Workshopteilnehmer_innen ergeben. Es zeigte sich, dass in einigen Problemfeldern ethische und rechtliche Implikationen der empirischen Moralpsychologie weitgehend ähnlich sein dürften - so etwa in Bezug auf die Verantwortungszuschreibung für unethisches bzw. rechtswidriges Verhalten. In anderen Hinsichten scheinen aber signifikante Unterschiede zu bestehen -dies vor allem wegen der deutlich stärkeren Ausdifferenzierung, Systematisierung und Dogmatisierung von Rechtssystemen, die es sehr schwer machen, die normativ-rechtliche Relevanz von Denkverzerrungen und anderen untersuchten Phänomenen klar zu bestimmen. Beispielsweise stellt eine nachweisbare Denkverzerrung nicht notwendig einen rechtlich relevanten Fehler dar, weil die Rechtsordnung viele Begründungsmöglichkeiten ausschließt und weil sie den urteilenden Personen einen Entscheidungsspielraum zuspricht. Eine der Experimentellen Ethik vergleichbare Entwicklung hat es bislang in der Rechtstheorie nicht gegeben. Die Diskussionen bei dem Workshop haben aber gezeigt, dass ein entsprechendes Desideratum besteht. Insbesondere scheint eine Doppelbetrachtung der Ethik und des Rechts Lerneffekte in beide Richtungen ergeben zu können.

In einem öffentlichen Abendvortrag hat Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin (München) über das in vielen Hinsichten interessante Verhältnis zwischen Philosophie und Neurowissenschaften gesprochen und einige grundlegende Einwände gegen den philosophischen Naturalismus vorgebracht, wie er einem Teil der auf dem Workshop diskutierten Arbeiten zu Grunde zu liegen scheint. Der Vortrag hat insofern das Workshopthema für ein breiteres Publikum grundlegend dargestellt und die Teilnehmer_innen des Workshops zur erneuten Reflexion der philosophischen Grundlagen ihrer Arbeit angeregt.

Die Veranstalter danken dem ZiF für die Ermöglichung des Workshops, und den Teilnehmer_innen für die anregenden Referate und Diskussionsbeiträge.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Sylvia Agbih (Bielefeld, GER), Mark Alfano (Delft, NED), Amrei Bahr (Düsseldorf, GER), Bettina Bussmann (Salzburg, AUT), Hanjo Hamann (Bonn, GER), Frank A. Hindriks (Groningen, NED), Joachim Horvath (Köln, GER), Antti Kauppinen (Tampere, FIN), Victor Kumar (Toronto, CAN), Stefan Magen (Bochum, GER), Meghan Nesmith (Toronto, CAN), Julian Nida-Rümelin (München, GER), Hannes Rusch (Marburg, GER), Hanno Sauer (Utrecht, NED), Simone Schnall (Cambridge, GBR), Susanne Terbeck (Plymouth, GBR), Andrew Vierra (Hamburg, GER)



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