ZiF-Arbeitsgemeinschaft
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200 Jahre nach August Boeckhs Staatshaushaltung der Athener – wirtschaftshistorische Perspektiven für das 21. Jahrhundert

Termin: 6. - 8. September 2017
Leitung: Sven Günther (Changchun, CHN), Dorothea Rohde (Bielefeld, GER)

200 Jahre nach der Erstpublikation des epochemachenden Werkes Die Staatshaushaltung der Athener aus der Feder von August Boeckh traf sich eine Gruppe internationaler Experten zur griechischen Wirtschafts- und Finanzgeschichte am ZiF, um das immer noch nicht ersetzte Standardwerk zur Finanzgeschichte Athens, der wohl einflussreichsten Polis im 5. und 4. Jahrhundert v.Chr., erneut zu diskutieren und mit Hilfe neuer, interdisziplinärer Theorien, Modelle und Methoden auf der Basis des antiken Quellenmaterials zu aktualisieren.

In Folge eines öffentlichen Abendvortrags von Helmuth Schneider, der August Boeckh und dessen Umgang mit dem antiken Quellenmaterial im Zeitalter der Begeisterung für die griechische Antike und des entstehenden politischen Bewusstseins im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts verortete, bildete seine auf lange Sicht hin innovative Herangehensweise mit der exakten Analyse literarischer, inschriftlicher wie münzkundlicher Quellen unter Heranziehung anderer Fächer, etwa metrologischer und finanzwissenschaftlicher Methoden, den Ansatzpunkt für die Tagungsteilnehmer, speziell in drei Themenbereichen.

Ausgehend von der immer noch einsichtigen Struktur des Boeckhschen Werkes mit der Gliederung in (1) Preisbildungssysteme, (2) Ausgaben und ihre Verwaltung und (3) ordentliche und außerordentliche Einnahmen konzentrierten sich die neun Vortragenden auf diese Themenfelder, wobei jedem Vortrag eine intensive Diskussion folgte.

In der ersten Sektion, die sich der Preisbildung widmete, zeigten Alain Bresson, Armin Eich und Christophe Flament die Möglichkeiten verschiedener methodischer Ansätze zur Erforschung der Thematik als verknüpfendes Element der Staatseinnahmen und -ausgaben Athens auf. Insbesondere die Interdependenzen zwischen Monetarisierung der Gesellschaft und Aufkommen des athenischen Staatsgebildes, das Zusammenspiel zwischen Marktakteuren und staatlicher Intervention sowie die Einbindung der Bürger in die Münzprägung durch gemeinschaftliche Ausbeutung der Silberminen im Laureion bildeten Schwerpunkte der Vorträge und Diskussion.

Hinblick auf politische, personelle und praktische Aspekte. Besonders die Frage, wie und inwieweit die demokratische Öffentlichkeit, etwa in Form der Volksversammlung oder anderer öffentlicher Institutionen, tatsächlich Kontrolle über die Finanzen und deren Verteilung hatte, wurde dabei kontrovers diskutiert. Hierbei spielten Aspekte der Entscheidungsprozesse und öffentlichen Emotionen genauso eine Rolle wie die Frage nach dem Ausmaß und der Freiheit zur finanziellen Schwerpunktsetzung, ebenso die tatsächlichen Planungs- und Kontrollfunktionen von Eliten, deren Expertise und Netzwerke.

Die dritte Sektion war sodann den öffentlichen Einnahmen Athens, und zwar sowohl den ordentlichen wie außerordentlichen, gewidmet. Dorothea Rohde, Wolfgang Franzen und Josiah Ober analysierten dabei das Verhältnis zwischen der demokratischen Verfassung Athens, privatem Reichtum und einer charakteristischen Form der Besteuerung, die sogenannten Liturgien. Von speziellem Interesse waren die bemerkenswerte Bereitschaft der Reichen, mit Liturgien zu den Staatsausgaben beizutragen, der insgesamt positive öffentliche Diskurs über derlei Zuwendung, der sich in Form von Ehrungen zeigte, und der im Vergleich zu anderen vormodernen Gesellschaften geringere Grad an Ungleichheit, der nicht nur ein Einheitlichkeitsgefühl, sondern auch wirtschaftliches Wachstum förderte, wobei sowohl verlässliche Institutionen als auch psychologische Faktoren wie etwa die anreizgebende Stabilität in Kombination mit Konkurrenzverhalten, eine herausragende Rolle spielten.

Alles in allem zeigten die Vorträge und die intensiven Diskussionen die Dimensionen und Schwerpunkte für eine noch zu schreibende neue Staatshaushaltung der Athener, die nicht nur alte Forschungsrichtungen der Antiken Ökonomie wie Primitivismus und Modernismus ablöst, sondern politische, institutionelle, diskurs- und kommunikationsorientierte wie psychologische Modelle mit der klassischen Analyse des Quellenmaterials verbindet. Die Konferenzbeiträge werden nach einem umfangreichen Begutachtungsverfahren veröffentlicht. Ebenso waren sich die Teilnehmer einig, dass weitere Schritte für ein neues Handbuch zur Thematik unternommen werden sollen.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Alain Bresson (Chicago, USA), Armin Eich (Wuppertal, GER), Christophe Flament (Louvain-la-Neuve, BEL), Wolfgang Franzen (Köln, GER), Ivan Jordovic (Belgrad, SRB), Christian Koch (Speyer, GER), Shumeng Liu (Changchun, CHN), Christoph Michels (Aachen, GER), Astrid Möller (Freiburg i.Br., GER), Josiah Ober (Stanford, USA), David Pritchard (ST Lucia, AUS), Helmuth Schneider (Kassel, GER), Raimund Schulz (Bielefeld, GER), Claudia Tiersch (Berlin, GER), Beate Wagner-Hasel (Hannover, GER), Uwe Walter (Bielefeld, GER), Tong Wu (Changchun, CHN), Hongxia Zhang (Changchun, CHN)

Tagungsprogramm
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