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Agents and Causes-Interdisciplinary Aspects in Mind, Language and Culture

Der "Urheber bzw. Handelnde" (agent) und seine philosophische Bedeutung

Bielefeld, 21. - 23. März, 2012

Leitung: Albert Newen (Bochum), Anne Springer (Potsdam), Christopher Topp (Bochum) and
Markus Werning (Bochum)

Text?

Der ›Urheber bzw. Handelnde‹ (agent) und seine philosophische Bedeutung Wenn man heutzutage von einem ›Agenten‹ spricht, hat man meist eine ganz bestimmte Vorstellung im Sinn: Ein verdeckter Ermittler, der in einem geheimen Auftrag von Staat oder Militär unterwegs ist. Doch auch ein Computerprogramm wird als ›Software-Agent‹ bezeichnet, wenn es unabhängig von Benutzereingriffen arbeitet. Ob Geheimagent, Software-Agent oder Agent als Kunstvermittler: Wenn man von einem Agenten spricht, steht dabei vor allem die Person und ihre (professionelle) Aktivität im Vordergrund. Die philosophische Betrachtung der Agency oder Urheberschaft (lat. agere: ›handeln, betreiben, in Bewegung setzen‹) zielt dabei auf die Ursprungsbedeutung des Begriffs: die Fähigkeit einer Person (oder allgemeiner eines kognitiven Systems), Urheber seiner eigenen Handlungen zu sein bzw. Handlungen in der Welt vornehmen zu können. Doch was bedeutet es für eine Person, Urheber ihrer eigenen Handlungen zu sein? Und wie kann ihre kausale Rolle im Rahmen einer philosophischen Metaphysik beschrieben werden? Handlungsurheberschaft, Verursachung und ihre Eigenschaften in Bezug auf Geist, Sprache und Kultur bildeten die Themen des internationalen Workshops Agents and Causes. Interdisciplinary Aspects in Mind, Language and Cognition, der vom 21. bis zum 23. März 2012 in Bielefeld stattfand. Mit ›Agents und Causes‹ traf die ZiF-Forschungsgruppe The Cultural Constitution of Causal Cognition. Re-Integrating Anthropology into the Cognitive Sciences zum dritten Mal zu einem Workshop zusammen. Wissenschaftler aus Philosophie, Psychologie, Linguistik und Ethnologie erörterten in diesem Rahmen nicht nur die begriffliche Dimension von Urheberschaft und naturgesetzlicher Verursachung, sondern auch empirische Untersuchungen zur mentalen Repräsentation der Phänomene mit dem Ziel einer möglichst fruchtbaren Weiterentwicklung der Theoriebildung im Lichte neuester Experimente. Nicht zuletzt wurde auch hier der Aspekt der kulturellen Prägung des Verständnisses von agency diskutiert, den die Forschungsgruppe in diesem Forschungsjahr ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellt. Dieser Teilworkshop war in vier Themenblöcken gegliedert.

1. Urheberschaft und der freier Wille

Die Tagung begann thematisch mit einem philosophischen Klassiker: der uralten Frage nach menschlicher Handlungs- und Willensfreiheit. Den Eröffnungsvortrag hielt der Philosoph Robert Kane (U Texas), in dem er für die Möglichkeit von selbstbestimmter Urheberschaft (mittels self-forming actions) auch unter der Annahme des Determinismus plädierte. Im Gegensatz dazu argumentierte Markus Werning, dass man die Idee der Willensfreiheit nicht soweit abschwächen kann, dass sie mit dem Determinismus verträglich ist und dennoch ihre philosophische und intuitive Attraktivität beibehält. Zugleich brachte er Gründe dafür vor, dass Willensfreiheit möglicherweise eine Geist-inhärente und für unser Selbst konstitutive Illusion ist, die ähnlich wie persistente Illusionen der Wahrnehmung auch durch theoretische Einsicht nicht aufgegeben werden kann. Der konstitutive Charakter dieser Illusion spiegelt sich nicht nur in unserer subjektiven Zeiterfahrung wider, wonach die Zukunft offen und die Vergangenheit unabänderlich ist. Die Beeinträchtigung dieser Illusion korreliert darüber hinaus auch mit psychopathologischen Phänomenen im Umkreis der sogenannten Ich-Störungen. Der manifeste Charakter der Willensfreiheits-Illusion schlägt sich ferner in universellen grammatischen Default-Strukturen nieder, die Agenten als grammatische Subjekte in kausativen Ereignisstrukturen privilegieren. Aus der Akzeptanz des Determinismus folgt daher nicht, dass wir die Idee der Willensfreiheit aufgeben sollten - und zwar deshalb, weil wir es gar nicht können. Im Spannungsfeld von Freiheit und Determinismus konzentrierte sich Albert Newen darauf aufzuzeigen, welche psychologischen Mechanismen mit der Evolution entstanden sind, die uns einen Gestaltungsspielraum eröffnen, ohne damit die Naturgesetze in Frage zu stellen. Genau hier zeichnet sich die Möglichkeit für einen Fortschritt durch interdisziplinäre Forschung ab: Im Konzert von Theoriebildung und empirischer Forschung besteht die Aufgabe darin, empirische fundierte Mechanismen des Entscheidens und der Handlungssteuerung zu untersuchen, die einen Menschen zum Akteur mit zielgerichtetem und beabsichtigtem Verhalten machen.

2. Urheberschaft: Das Gefühl und das Urteil der Urheberschaft

Beim alltäglichen Handeln, z.B. wenn man sein Frühstück zubereitet, verbindet man mit dem Handeln ein Gefühl der Urheberschaft, d.h. man erlebt sich selbst als Urheber der Handlungen. Das ist so selbstverständlich, dass wir nur das Fehlen wirklich bemerken oder aber erstaunliche Abweichungen aufgrund von Fehlkonstruktionen des Gehirns: In einem Experiment wird eine Situation hergestellt, wie man sie aus dem Impro-Theater kennt: Eine Person, die Versuchsleiterin, steckt ihre Arme von hinter durch die Unterarme der anderen Person, einer Studentin, die ihre eigenen Arme ganz ruhig hängen lässt. Die Studentin beobachtet also die Armbewegungen der Versuchsleiterin vor ihrem Körper, während beide gleichzeitig durch den Kopfhörer die Anweisungen für die Arm- und Handbewegungen hören ›Jetzt klatschen, dann Arme ausbreiten...‹. Obwohl die Studentin nur die Anweisungen hört und ihre eigenen Arme ganz ruhig baumeln, entwickelt sie das Gefühl, dass die Bewegungen, die sie vor sich sieht, ihre Armbewegungen sind, eben genau das Gefühl der Urheberschaft. Dies zeigt zum einen, dass es sich um eine Konstruktion dieses Gefühls handelt, dass es fehlgehen kann und schließlich zusammen mit anderen Experimenten, dass wir zwischen einem Gefühl der Urheberschaft und einem Urteil der Urheberschaft unterscheiden müssen. Im Kontext dieser Phänomene beschäftigen sich eine Reihe von Vorträgen damit, wie genau das Gefühl der Urheberschaft zustande kommt: Ist es ein Prozess der Gewichtung von Faktoren (A. Newen) oder eher ein Prozess der Merkmalsintegration (J. Moore)?

3. Die sprachliche Kodierung unseres Verständnisses von Urheberschaft und Aktivität

Auch in den Sprachwissenschaften spielt Urheberschaft oder Agentivität eine herausragende Rolle. Robert van Valin zeigte in einem Vergleich des Englischen mit anderen Sprachen wie dem kaukasischen Tsova-Tush und dem Japanischen, dass Sprachen den privilegierten Status von belebten Agenten als den Subjekten von kausal-gerichteten Ereignissen auf unterschiedliche Weise konstruieren. Das Englische kennt lediglich eine semantische Selektionshierarchie Agens > Instrument > Patiens für das Subjekt eines transitiven Verbs und erlaubt alle drei folgenden Konstruktionen, wobei die Anzahl der möglichen Verb-Argumente mit absteigender Hierarchie abnimmt:

Das Japanische lässt die Wahl eines unbelebten Objektes in die Subjektposition eines transitiven Verbs hingegen grundsätzlich nicht zu, es sei denn, dies wird durch einen syntaktischen Zusatz besonderen markiert. Sprachen wie das Tsova-Tush nutzen besondere grammatische Fälle (Absolutiv und Ergativ), um den agentiven oder nicht-agentiven Charakter eines Subjekts anzuzeigen. Artemis Alexiadou dehnte die Überlegungen zur besonderen Rolle von Agenten auf Nomen aus, die von Verben abgeleitet sind und bestimmte Verursachungsbeziehungen benennen.

4. Die kulturelle Dimension unseres Verständnisses von Urheberschaft und Verursachung

Thomas Widlock und Paulo Sousa beleuchteten das unterschiedliche Verständnis von kausaler Urheberschaft und moralischer Verantwortlichkeit aus ethnologisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive. Ein wichtiger empirischer Zugang zur Einschätzung von Urheberschaft und Verantwortlichkeit für das Handeln sind Fragebögen, mit denen für ausgewählte Szenarien getestet wird, wie der gemeine Mann auf der Straße sie bewertet. Die auf J. Knobe zurückgehenden Studien verwenden Geschichten der folgenden Art, wobei es einmal um einen indirekten Schaden und das andere Mal um einen indirekten Nutzen geht: Ein Mitarbeiter weist seinen Boss darauf hin, dass die Firma mit einem neuen Produkt viel Geld verdienen könnte, allerdings würden auch erheblich Umweltschäden (bzw. Umweltnutzen) entstehen. Der Boss sagt: ›Wir führen das Produkt ein, und die Umweltschäden (bzw. -nutzen) interessieren mich nicht.‹ Die Planung tritt ein, d.h. die Firma macht gute Gewinne, aber auch die erheblichen Umweltschäden treten auf. Die Testpersonen werden dann gefragt, in welchem Maße der Boss die Umweltschäden (bzw. den Nutzen) beabsichtigt hat und dafür Tadel bzw. Lob verdient. Interessant ist, dass der Boss zwar Tadel für den Fall des indirekten Umweltschadens, aber kein Lob für den indirekten Umweltnutzen verdient. Diese Studien sind auch in den interkulturellen Bereich transferiert worden.

Die Forscher: The Cultural Constitution of Causal Cognition

Ziel der 28-köpfigen Forschungsgruppe The Cultural Constitution of Causal Cognition, die das ganze Jahr am ZiF arbeitet, ist die systematische Erforschung der kulturellen Konstitution kausaler Kognition, weit über die rein begriffliche Analyse hinaus: Neue Ansätze zur Konstruktion von agency über verschiedenen Kulturen hinweg werden in der Forschungsarbeit ebenso berücksichtigt wie die Erkenntnisse aus der Entwicklungs- und artvergleichenden Forschung. Kausale Kognition und ihre kulturellen Einflüsse bilden somit den Schwerpunkt der Forschungsgruppe. Kognitive Expertise trifft dabei auf kulturelles Know-how: Mit zahlreichen internationalen Gästen arbeitet die ZiF-Gruppe an der Klärung zentraler Begriffe, der Erarbeitung einer gemeinsamen wissenschaftlichen Sprache sowie der Bestandsaufnahme empirischer Befunde. Theoretische Ansätze zur kulturellen Konstitution von kausaler Kognition sollen geprüft und weiterentwickelt und gemeinsame interdisziplinäre Forschungsansätze ausgearbeitet werden. Der Workshop Agents and Causes bot hierfür eine breite Basis und anregende Impulse.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Artemis Alexiadou | Stuttgart | DEU, Emmanuel Baierlé | Fribourg | CHE, Luca Barlassina | Bochum | DEU, Bettina Beer | Luzern | CHE, Sieghard Beller | Freiburg i.Br. | DEU, Andrea Bender | Freiburg i.Br. | DEU, Penelope Brown | Nimwegen | NLD, Leon de Bruin | Bochum | DEU, Nicole David | Rom | ITA, Sibylle Duda | Potsdam | DEU, Thomas Friedrich | Köln | DEU, Don Gardner | Luzern | CHE, Theresa Garwels | Bochum | DEU, Jason Grafmiller | Stanford, CA | USA, York Hagmayer | London | GBR, Daniel Hanus | Leipzig | DEU, Robert Kane | Austin, TX | USA, James Moore | London | GBR, Franziska Müller | Fribourg | CHE, Jonas Nagel |Göttingen | DEU, Hansjörg Neth | Göttingen | DEU, Elisabeth Pacherie | Paris | FRAU, Geda Paulsen | Tallinn | EST, Anita Schroven | Bielefeld | DEU, Max Seeger | Düsseldorf | DEU, Paulo Sousa | Belfast | GBR, Keith Stenning | Edinburgh | GBR, Richard Tamburro | York | GBR, Robert van Valin | Düsseldorf | DEU, Elisabeth Verhoeven | Berlin | DEU, Martin Voss | Berlin | DEU, Thomas Widlok | Nimwegen | NLD




Speakers and Program

Artemis Alexiadou (U Stuttgart)
Leon De Bruin (U Bochum)
Nicole David (U Hamburg)
Robert Kane (U Texas)
James Moore (U Cambridge)
Albert Newen (U Bochum)
Elisabeth Pacherié (CNRS Paris)
Paulo Sousa (Queen's U Belfast)
Robert Van Valin (U Düsseldorf)
Martin Voss (Humboldt U Berlin)
Markus Werning (U Bochum)
Thomas Widlok (U Nijmegen)

Program (PDF)




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