Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 
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ZiF-Forschungsgruppentagung

Navigating the Boundaries of Kinship and Politics

Datum: 8. - 10. Mai 2017

Leitung: Eric Hounshell (Los Angeles, USA), Jeannett Martin (Bayreuth, GER), Nathalie Büsser (Zurich, SUI), Andre Thiemann (Halle/S., GER), Astrid Baerwolf (Vienna, AUT)

Während die Forschungsgruppe Kinship and Politics am ZiF tätig war, haben die PostDoc-Fellows im vergangenen Mai die internationale Tagung Kinship and Politics: Navigating the Boundaries organisiert, welche mit Mitteln der Fritz-Thyssen-Stiftung für Wissenschaftsförderung finanziert werden konnte. Die Tagung beschäftigte sich mit einem Grundsatz des modernen, westlichen Selbstverständnisses: der konzeptionellen Trennung zwischen Verwandtschaft und Politik. Diese konzeptionelle Trennung hat sich in öffentlichen Diskursen, politischen Praktiken und in der disziplinären Ausgestaltung der Sozialwissenschaften tief eingeschrieben. Im Rahmen der interdisziplinären Konferenz sollten neue theoretische Perspektiven und empirische Zugänge fruchtbar gemacht werden, um Verwandtschaft und Politik wieder zusammen zu denken.

Das Tagungsprogramm wartete mit unterschiedlichen Formaten auf wie etwa Keynotes, Panels mit Referaten, einem Round Table, einem Barbecue am ZiF, einer zusammenfassenden Abschlussveranstaltung oder etwa einem gemeinsamen Spaziergang durch den Teutoburger Wald zum Bauernhausmuseum. Es gelang, am ZiF und darüber hinaus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - primär aus den Bereichen Geschichtswissenschaft und Anthropologie - miteinander ins Gespräch zu bringen, die an ganz unterschiedlichen Stellen ihrer akademischen Karriere standen, vom Doktorierenden bis zur emeritierten Professorin.

Die angeregten Diskussionen kreisten um zwei zentrale, übergeordnete Perspektiven: erstens um die historische Epistemologie von Verwandtschaft als analytischer Kategorie und zweitens um den Nutzen von Verwandtschaft in der politischen und sozialen Praxis. Ausgehend von diesen beiden Fragekomplexen behandelten die drei Panels mit je vier Referierenden jeweils eine spezifische Thematik.

Das erste Panel Property and kinship relations interessierte sich für gegenseitige Verflechtungen von Verwandtschaft und Staat, welche durch Besitz vermittelt werden. Das zweite Panel Negotiating the limits of the nuclear family setzte beim Konzept der Kernfamilie an, das die modernen Sozial- und Kulturwissenschaften im 19. Jahrhundert, oft im Vergleich mit anderen, extensiveren Formen von Verwandtschaft, entwickelt und anschließend weiterverwendet haben. Anhand konkreter Fallbeispiele zeigten die Referierenden, wie stark staatliche Interventionen und das Verhalten sozialer Akteure vom Konzept der Kernfamilie geprägt wurden und immer noch werden. Ausgangspunkt des dritten Panels The (re)making of kinship and state order through children bildete die Annahme, dass Kinder essentiell sind für die soziale Reproduktion von Verwandtschaft, religiösen Gruppen, Haushalten, Staaten und anderen Gruppen. Die Referierenden untersuchten, wie solche Gruppen über die Bedeutung der Konzepte Kinder und Kindheit verhandeln, wie diese Vorstellungen das Leben von Kindern formen und wie Kinder darauf reagieren.

Die Wrap-up-Session am Schluss der Konferenz zielte darauf, die vielfältigen Präsentationen und Diskussionsbeiträge der drei Tage vergleichend in den Blick zu nehmen und mit den Erkenntnisinteressen der Konferenz zu konfrontieren. Zugleich sollten neue Perspektiven für weiterführende Überlegungen und künftige Forschungen eröffnet werden. Ein wichtiges Ergebnis war die Erkenntnis, dass der Bedeutung des Rechts stärker Rechnung zu tragen ist, denn Recht, so wurde argumentiert, schaffe Verwandtschaft. Um die wechselseitige Verflechtung von Verwandtschaft und Politik zu erfassen, sei es darum wichtig, das Recht zu verstehen.

Mehrere Referierende unterstrichen die Relevanz von Techniken der Wissensproduktion für Klassifizierungen und das Erzeugen von Evidenz. Ein weiteres Ergebnis bildete die Einsicht, dass Kinder und Kindheit einen interessanten Zugang zur Problematik von Verwandtschaft und Politik darstellen. Verschiedene Diskutierende regten ferner an, verstärkt über Relationen verschiedener Modelle von Verwandtschaft nachzudenken, über deren Biologisierung und Naturalisierung und wie diese Modelle mit Politik verknüpft werden. Angemahnt wurde zudem, das Konzept von Politik allgemein schärfer zu konturieren und den Fokus insbesondere auf die politische Ökonomie zu richten.

Die Räumlichkeiten und Dienstleistungen des ZiF haben das Ihre dazu beigetragen, dass sich die TagungsteilnehmerInnen ausgesprochen wohl fühlten. Und der Forschungsgruppe Kinship and Politics, dies hat die Tagung auch offengelegt, sollte die Arbeit nicht so schnell ausgehen. Es bleibt noch einiges zu tun.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Erdmute Alber (Bayreuth, GER), Cristian Alvarado Leyton (Hamburg, GER), Annika Andresen (Bielefeld, GER), Franz-Josef Arlinghaus (Bielefeld, GER), Caroline Arni (Basel, SUI), Anna Ayeh (Bayreuth, GER), Stefania Bernini (Florenz, ITA), Heike Drotbohm (Mainz, GER), Jeanette Edwards (Manchester, GBR), Anna Ellmer (Wien, AUT), Pamela Feldman-Savelsberg (Northfield, GBR), Yaatsil Guevara González (Bielefeld, GER), Ann-Cathrin Harders (Bielefeld, GER), Julia Heinemann (Zürich, SUI), Michaela Hohkamp (Hannover, GER), Stef Jansen (Manchester, GBR), Kay Junge (Bielefeld, GER), Margareth Lanzinger (Wien, AUT), Staffan Müller-Wille (Exeter, GBR), Patrick Neveling (London, GBR), Margaret Peacock (Tuscaloosa, USA), David Warren Sabean (Los Angeles, USA), Judith Schachter (Pittsburgh, USA), Susanne Schultz (Bielefeld, GER), Michael Stambolis-Ruhstorfer (Pessac, FRA), Amir Teicher (Tel Aviv, ISR), Simon Teuscher (Zürich, SUI), Tatjana Thelen (Wien, AUT), Keebet von Benda-Beckmann (Halle (Saale), GER), Roberta Zavoretti (Berlin, GER), Thomas Zitelmann (Berlin, GER)



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