Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

Warum zeigen Affen nicht?

ZiF-Public Lecture mit Michael Tomasello

Termin: 4. Juli 2006, 18.30h

Michael Tomasello at a lecture

"Da! Da!" - Für kleine Kinder gibt es kaum ein schöneres Spiel als andere darauf aufmerksam zu machen, was ihnen gerade interessant erscheint. Menschenaffen hingegen, so intelligent sie auch sein mögen, zeigen nicht. In diesem unscheinbaren Unterschied im Verhalten von Menschen und ihren nächsten Verwandten liegt ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis dessen, was menschliche Intelligenz so besonders macht, sagt der renommierte Anthropologe Michael Tomasello.

Nach einem Jahr Pause findet am Dienstag, dem 4. Juli 2006 ab 18.30 Uhr wieder ein öffentlicher Abendvortrag im ZiF statt, mit dem dieses Mal der Mensch und die Evolution seiner Sprach- und Kulturfähigkeiten in den Mittelpunkt gestellt wird. Vor sechs Millionen Jahren trennte sich der Mensch von anderen Primaten, vor 250.000 Jahren entwickelte sich der moderne homo sapiens. Evolutionär gesehen, ist diese Zeitspanne sehr kurz. Immerhin teilen Affen und Menschen noch heute 99 Prozent ihres genetischen Materials.Worin liegt dann der entscheidende Unterschied, durch den nur der Mensch sprachliche und kognitive Fähigkeiten ausgebildet hat, die die Grundlage unserer modernen Kultur und Technik bilden? Mit Professor Michael Tomasello konnte ein herausragender Referent gewonnen werden, der wie kaum ein anderer seine wissenschaftliche Arbeit diesen Fragen gewidmet hat.

Geboren 1950, studierte Tomasello Psychologie an der Duke University (North Carolina, USA) und promovierte an der University of Georgia, USA (1980). Danach war er für viele Jahre Lehrbeauftragter an der Emory University und Mitarbeiter im Yerkes Primate Center, Atlanta/USA. Seit 1997 ist Michael Tomasello wissenschaftliches Mitglied und Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig sowie Leiter des Wolfgang-Köhler-Primaten-Forschungszentrums im Leipziger Zoo und seit 1999 Honorarprofessor an der Universität Leipzig. Im Mittelpunkt seiner Forschungsinteressen stehen soziale Kognition, soziales Lernen und Kommunikation bei Kindern und Menschenaffen. Für sein umfangreiches wissenschaftliches Werk wurde er im Jahr 2004 mit dem Forschungspreis der Fyssen Stiftung (Paris) ausgezeichnet und erneut 2006 mit dem Jean Nicod Preis, der seit 1993 jährlich in Paris für außergewöhnliche Leistungen im Bereich Philosophie des Geistes und Kognitionswissenschaft vergeben wird.
Der breiteren Öffentlichkeit in Deutschland ist Michael Tomasello vor allem durch sein Buch "Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens" (Suhrkamp, 2002/2003, auch: Wiss. Buchges. Darmstadt, 2003) bekannt. Gestützt auf zahlreiche Experimente mit Primaten und Kleinkindern erklärt er darin, warum es nur dem Menschen gelungen ist, kognitive Fähigkeiten auszubilden, die sprachliche Kommunikation, soziale Organisation und Institutionen, Hochleistungsindustrie und Technologien hervorgebracht haben.
In seinem öffentlichen Abendvortrag am ZiF wird der international angesehene Anthropologe aufzeigen, dass sich bei jeder der großen Menschenaffenarten ein reiches und vielfältiges Repertoire an kommunikativen Gesten nachweisen lässt. Jedoch sind praktisch alle dieser Gesten in einem Zweierbezug (dyadisch) auf die unmittelbare soziale Interaktion zwischen Sender und Empfänger/Adressaten der Geste gerichtet, und sie sind imperativ, das heißt betreffen etwas, das der Sender vom Empfänger verlangt. Im Gegensatz dazu kommunizieren menschliche Kinder bereits vor Beginn des Spracherwerbs in einem Dreierbezug (triadisch) mit ihren Bezugspersonen über externe Objekte und Ereignisse, und zwar um damit auf etwas aufmerksam zu machen und einander Informationen mitzuteilen. Der Vergleich von Menschenaffen mit vor- und frühsprachlichen Kindern lässt annehmen, dass eine bedeutsame Komponente in der Evolution der sprachlichen Kommunikation des Menschen darin liegt, Erfahrungen miteinander auszutauschen und miteinander zu kooperieren.
Damit steht Tomasellos Vortrag in einem unmittelbaren Zusammenhang zum laufenden ZiF:Forschungsjahr über "Verkörperte Kommunikation" und dessen nächstem Arbeitstreffen 5.-8. Juli 2006. Der Vortrag findet in englischer Sprache statt, jedoch wird Michael Tomasello vermöge seiner gestenreichen Rhetorik und durch beeindruckende Filmauschnitte aus seinen Studien mit Affen- und Menschenkindern auch ein im Englischen ungeübteres Publikum zu begeistern verstehen.



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