Zentrum für interdisziplinäre Forschung
 
 

ZiF-Konferenz

Kolloquium zum 200. Geburtstag von Charles Darwin über "Die Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren"

Termin: 5. - 6. November 2009

Leitung: ZiF

Die Gemütsbewegungen bei Menschen und Tieren

Mehr als vierzig Jahre lang verließ Charles Darwin seinen Landsitz in Downe kaum. Dennoch war er in der akademischen Welt seiner Zeit bestens vernetzt. Die Philosophin Eve-Marie Engels skizzierte in ihrem Auftaktvortrag nicht nur Hintergrund und Rezeption von Darwins Arbeit über die Emotionsausdrücke, sondern zitierte auch eindrückliche Stellen aus Darwins Briefen und Tagebüchern. Sie zeigen, wie sich seine Gedanken zur Evolution der Emotionsausdrücke entwickelten, aber auch, wie modern seine Methoden waren. So war er der erste, der Fotografien verwendete, um zu prüfen, wie der Ausdruck von Emotionen verstanden wird. Sabine Döring behandelte ein in den Diskussionen der Tagung immer wieder aufgegriffenes Thema: begriffliche Unklarheiten in der Emotionsforschung und die Rolle der Philosophie in der empirischen Forschung. Johanna Hutchinson und Marina Davila Ross widmeten sich der Evolution des Lachens. Hutchinson konzentrierte sich auf die Bedeutung des Lachens in der Interaktion von Schimpansen- und Menschenbabys mit ihren Müttern, Ross auf den Ausdruck und die Vokalisation von Lachen bei verschiedenen Primatenarten. Lachen, so Hutchinson, ist nicht unbedingt ein Ausdruck von Zufriedenheit, es ist vor allem ein Signal: so lachen Schimpansen, die von ihrer Mutter aufgezogen werden, weniger als solche, die in einer Aufzuchtstation von Menschen betreut werden. Letztere müssen sich offenbar mehr um Zuwendung bemühen, die erstere ohnehin erhalten. Wie Menschen lernen auch Schimpansen im Laufe der Kindheit, Lachen gezielt in sozialen Kontexten einzusetzen. Als Kontrapunkt befasste sich Arne Öhman mit dem Ausdruck und der Neurobiologie der Angst. Wie die Sprecher vor ihm irritiert von Darwins Gegensatzprinzip, ließ Öhman ein Computerprogramm Emotionsausdrücke in ihr Gegenteil verkehren. Zur allgemeinen Überraschung war das Ergebnis brauchbar: aus einem ängstlichen Gesichtsausdruck wurde ein angeekelter und umgekehrt. Paul Griffiths blickte abschließend zu Darwin zurück und über ihn hinaus: Emotionen sind keine inneren Zustände, die aus dem Organismus herausbrechen, wenn der innere Druck zu hoch wird, es sind kommunikative Handlungen. Zur rechten Zeit die richtigen Emotionen zu haben, so Griffiths, ist eine hohe kulturelle Leistung.

Eckart Voland zeigte auf der zur Tagung gehörenden public lecture in einem für Laien wie für Tagungsteilnehmer faszinierenden Vortrag, wie die Intuition, frei zu sein, in der Evolutionsgeschichte entstanden sein könnte. Überlebenswichtig, so Voland, ist weniger die Selbsterkenntnis als die Fähigkeit, den anderen einzuschätzen. So könnte die Idee des freien Willens im Bemühen entstanden sein, sich einen Reim auf das Verhalten der anderen zu machen – und erst später wurde das Konzept zur Selbstbeschreibung verwendet.

Die Arbeiten verschiedener Disziplinen zu Emotionen und Emotionsausdrücken können, so zeigte die Tagung, in evolutionärer Perspektive zusammen gebracht werden. Einige empirische wie konzeptuelle Arbeit, da waren sich die Teilnehmer einig, steht dabei allerdings noch aus.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Anja Berninger (Berlin), Jason Clark (Osnabrück), Marina Davila Ross (Portsmouth), Gerd Deutschmann (Melle), Sabine Döring (Tübingen), Eva-Maria Engelen (Berlin), Eve-Marie Engels (Tübingen), Frank Esken (Delmenhorst), Ad Foolen (Nimwegen), Paul Griffiths (Exeter), Daniela Hartmann (Osnabrück), Johanna Hutchinson (Portsmouth), Kerrin Jacobs (Osnabrück), Maria Kronfeldner (Bielefeld), Amadeus Magrabi (Osnabrück), Hans J. Markowitsch (Bielefeld), Maximiliano Martínez (Bielefeld), R. Owen Hughes Müllan (Osnabrück), Arne Öhman (Stockholm), Uwe Opolka (Delmenhorst), Andreas Olsson (Stockholm), Klaus Reinhold (Bielefeld), Andrés Sánchez (Osnabrück), Laura Schmitz (Osnabrück), Susanne Selter (Bielefeld), Achim Stephan (Osnabrück), Somogy Varga (Osnabrück), Eckart Voland (Gießen), Sven Walter (Osnabrück), Wendy Wilutzky (Osnabrück)



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