Konzept "Geschichte moderner Gesellschaften"
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Thomas Welskopp: Geschichte moderner Gesellschaften

Auch wenn uns der Gedanke eine Selbstverständlichkeit scheint, dass wir in einer Gesellschaft leben, und zwar in der bundesdeutschen, wird es bei näherer Betrachtung nicht leicht fallen zu sagen, was das denn heißt. Wer gehört dazu, wer nicht? Alle die, die einen deutschen Pass besitzen? Die, die auf dem Territorium der Bundesrepublik Deutschland leben? Alle Bürger über 18? Gehören die Bayern noch dazu, oder bilden sie einen Verein für sich? Was ist mit den Wählern der PDS?

Früher hat die Sozialgeschichte den Eindruck erweckt und in ihren Untersuchungsmethoden umgesetzt, dass "Gesellschaft" eine recht konkret greifbare Einheit darstellt, die durch ein Territorium gekennzeichnet ist, einen Personenkreis, der diesem zugehört, und eine Struktur, die diese Entität nach innen gliedert (das jeweilige Gefüge sozialer Ungleichheit). Weiter seien es gesellschaftliche Teilbereiche wie die Wirtschaft, die Politik und die Kultur, die für die Integration der Einheit "deutsche Gesellschaft" sorgten und ihre Grenzen bestimmten. Eine solche Vorstellung lässt erkennen, dass man "Gesellschaft" als ein handfestes Kollektivsubjekt gedacht und mehr als man es selber für sinnvoll hielt in den nationalstaatlichen Grenzen festgezurrt hat.


"Gesellschaft" in der "Moderne"

Ohne dass wir hinter die Standards der Gesellschaftsgeschichte und der Historischen Sozialwissenschaft zurückfallen wollen, müssen wir dieses Konzept von "Gesellschaft", gerade wenn wir uns um Gesellschaften in der "Moderne" kümmern wollen, weiter entwickeln und theoretisch offener gestalten.

"Gesellschaft" bedeutet zunächst einmal eine Verdichtung sozialer Beziehungen zwischen kompetent handelnden Akteuren, und so ist sie vom Prinzip her nichts für sich Sichtbares, Stoffliches, das man außerhalb der Praktiken beobachten könnte, in denen die Akteure miteinander umgehen. Wenn wir "Gesellschaft" aber von den Akteuren, ihren Praktiken und ihrer Kommunikation her denken, wird die fest umrissene Einheit des Kollektivsubjekts mehr als fraglich. So rücken für eine "Geschichte moderner Gesellschaften" die Formen der "Gemeinschaftsbildung" und der "Vergesellschaftung" (Max Weber) erst in das Zentrum der Analyse und ist "Gesellschaft" als immer erst herzustellendes Ereignis mit einer bloßen Chance auf Reproduktion im Handlungszyklus Ergebnis und nicht Ausgangspunkt der historischen Betrachtung.

"Gesellschaft" ist aber keine willkürliche oder chaotische Anhäufung isolierter Handlungsakte wie eine Atomwolke oder ein Bakterienstamm. Ihre Stabilität ? die, wie gesagt, fraglich ist ? und ihre Grenzen sind von gewissen "Ordnungen" abhängig. Solche Stabilitäten herzustellen und zu garantieren, ist die (nur zum Teil geplante) Wirkung von Institutionen, langlebigen Handlungszusammenhängen, die (wiederum zum Teil) speziell dazu organisiert werden, soziale Integrationsfähigkeit zu produzieren, zu speichern und auszuüben.

Gesellschaftliche Zusammenhänge sind umso stabiler, je besser ? oder systematischer ? Institutionen aufeinander eingestellt sind, einander ergänzen, um konzertiert für den Gesamteffekt "Ordnung" zu sorgen.Die Vorstellung, dass ein größeres Territorium und eine dort ansässige Bevölkerung eine gesellschaftliche Einheit bilden, ist selber ein neuzeitliches Phänomen. Sie entstand aus der Ausweitung eines älteren, engeren Gesellschaftsbegriffs, der immer ständisch abgegrenzte Personengruppen meinte (wie den Adel, der kein gemeinsames Territorium bewohnen musste) oder freie Vergesellschaftungsformen in ständisch abgegrenzten Territorien bezeichnet (etwa die societas civilis des Stadtbürgertums, aber auch weitgehend autonome Dorfgesellschaften auf dem Land), auf ein größeres Staatsterritorium. Im Prozess der Nationalstaatsbildung schwang in dieser Ausweitung zum einen die Vorstellung mit, eine "Gesellschaft" der Staatsbürger in ihren Grenzen müsse der wahre Träger der staatlichen Institutionen werden, die dieses Territorium beherrschten und garantierten (verschiedene Konzepte der Nation). Zum anderen ergab sich nun das verstärkte Bedürfnis, "Gesellschaft" als Sphäre weitgehend selbst geregelten Zusammenlebens unter Bürgern und den "Staat" als Macht ausübendes Institutionengefüge voneinander zu unterscheiden (Liberalismus im weitesten Sinne).

Aus dieser Formationsphase hat sich unser heutiger Begriff der "Gesellschaft" entwickelt, und es lässt sich leicht daraus ersehen, warum er uns seit geraumer Zeit theoretisches Kopfzerbrechen bereitet und so offensichtlich doch mit dem Konzept des Nationalstaats untrennbar zusammenhängt. Nach Anthony Giddens konnte sich die Vorstellung von einer einheitlichen, vom Staat geschiedenen "Gesellschaft" nur im Rahmen des Nationalstaats herausbilden.

Aber das bedeutet nicht, dass wir heute diesem Denken methodologisch verhaftet bleiben müssen, zumal es seit Jahrzehnten auch lebenspraktisch an Plausibilität einbüßt: Zunehmend viele institutionelle Arrangements, die früher in den Grenzen des Nationalstaats ihre Integrationskraft entfaltet hatten, aber auch an eben diesen Grenzen Halt machten, haben sich in den supranationalen Bereich verschoben. Europa ist das beste Beispiel, und die noch vor einer Generation undenkbare gemeinsame Währung stellt ein Paradeexempel eines auf die übernationale Ebene gehievten Integrationsmediums mit weit reichenden Wirkungen auf jeden Bewohner des alten Kontinents dar (selbst auf die Bürger jener Staaten, die sich dem Euro noch stoisch entziehen oder sogar solcher Nationen, die wie die Schweiz gar nicht Mitglied des politischen Komplexes "Europa" sind). Der Globalisierungsdiskurs ist über weite Strecken eine Debatte über die Grenzen von Gesellschaften oder über die legitime Reichweite nationalstaatlicher Institutionen gegenüber der scheinbar weltweit ausgreifenden Aktionssphäre multinationaler Konzerne.

Andererseits suchen Sozialwissenschaftler heute nach Ansätzen autonomer Vergesellschaftung im Kontinente übergreifenden Raum, nach Spuren einer "Weltgesellschaft".

Umgekehrt zeigt sich indessen immer wieder ? wie in Europa ? die Beharrungskraft nationalstaatlicher Institutionengefüge und Denkstrukturen. Ein theoretisch offenes Konzept von "Gesellschaft" wird daher das Maß an "Verdichtung" von sozialen Interaktionen und ihrer Stabilität immer neu zu bestimmen haben. Es wird ein Auge dafür haben müssen, dass "Gesellschaftlichkeit" immer nur relativ ist und sich wandelt, dass sich Grenzen verschiebenoder andere aufs Neue verfestigen, sodass auch das Bild mehrerer Teilgesellschaften, die mehr oder weniger friedlich das Territorium eines gemeinsamen Nationalstaats bevölkern, seinen sinnvollen Platz findet. Und die Institutionen, die für die relative Integration von "Gesellschaft" sorgen, können durchaus über unterschiedliche Reichweiten verfügen und sowohl über deren nationale Grenzen hinaus wirken (wie die Marktbeziehungen des Kapitalismus) als auch gerade für ihre regionale oder nationale Eingrenzung sorgen (aktuellstes Beispiel: der Sozialstaat)

oder andere aufs Neue verfestigen, sodass auch das Bild mehrerer Teilgesellschaften, die mehr oder weniger friedlich das Territorium eines gemeinsamen Nationalstaats bevölkern, seinen sinnvollen Platz findet. Und die Institutionen, die für die relative Integration von "Gesellschaft" sorgen, können durchaus über unterschiedliche Reichweiten verfügen und sowohl über deren nationale Grenzen hinaus wirken (wie die Marktbeziehungen des Kapitalismus) als auch gerade für ihre regionale oder nationale Eingrenzung sorgen (aktuellstes Beispiel: der Sozialstaat).


Das "Moderne" "moderner Gesellschaften" und das "Gesellschaftliche" der "Moderne"

Unser Begriff der "Gesellschaft" ist ein "moderner", aber was bedeutet dann die "Moderne"? Bezieht die "Geschichte moderner Gesellschaften" nicht zwei vage Vorstellungen aufeinander, die ehrlicher Weise sich gegenseitig eher vernebeln als erhellen? Das werden wir sehen.

Zunächst gilt es festzuhalten, dass es offensichtlich nicht zuletzt die Begriffe selbst sind, die unsere Vorstellungen von sozialen Ordnungen prägen und, weil wir unser Verhalten an den Begriffen orientieren, wesentlich dazu beitragen, sie auch zu sozialen Ordnungen zu machen. Das aber ist eine Konstruktionsleistung, von der sich erst die heraufziehende Moderne ein Bewusstsein verschaffen konnte, und auch das nur sehr zögerlich. Erst die "Moderne" hat eine Sprache gefunden, die abstrakt genug ist, das "Ganze" von "Gesellschaft" ohne metaphorische Rückversicherung in der Religion, im Mythos oder in Analogien zu alltagspraktisch erfahrbaren Gemeinschaftsformen zu reflektieren. Das bedeutet freilich nicht, dass es ihr gelungen ist, dieses "Ganze" zu fassen. Die meisten theoretischen Selbstbeschreibungen der "Moderne" haben einen metonymischen oder metaphorischen Charakter.

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