Anerkennungsdefizite und Gewaltkarrieren

Kurzbeschreibung
Gegenstand der empirischen Untersuchung waren männliche jugendliche Gewalttäter. Im Rahmen einer qualitativen Analyse wurde die Bedeutung erfahrener Missachtungen von Anerkennungsbedürfnissen und -ansprüchen für die Gewalttätigkeit männlicher Jugendlicher untersucht. Der Forschungsfrage der Untersuchung lagen empirische Beobachtungen zugrunde, denen zufolge die Gewalttätigkeit Jugendlicher in Missachtungserfahrungen in verschiedenen Sozialisationskontexten wurzeln kann. Dabei wurde angenommen, dass Missachtungserfahrungen unterschiedliche Tiefengrade und Verletzungscharakteristika haben, die von den Betroffenen produktiv verarbeitet werden müssen. Die Kernfrage der Untersuchung war, ob zwischen verschiedenförmigen Missachtungserfahrungen und verschiedenen Formen der Gewalttätigkeit männlicher Jugendlicher typische Zusammenhänge existieren.

Die Untersuchung basiert auf qualitativen Interviews mit 21 männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 26 Jahren, die zwischen Februar 2004 und Mai 2005 in der Region Ostwestfalen-Lippe vor allem in Jugendfreizeiteinrichtungen, Jugendwohngruppen sowie offenen und geschlossenen Jugendstrafvollzugsanstalten geführt wurden. Die Auswahl der Fälle erfolgte unter dem Gesichtspunkt theoretischer Relevanz im Prozess einer empirisch fundieren Typenentwicklung.

Durch kontrastierende Fallvergleiche wurden drei fallübergreifende Typen jugendlicher Gewalttätigkeit differenziert. Defensiv orientierte Gewalttäter definieren sich selbst über ihre Verteidigungsbereitschaft und -fähigkeit, lehnen offensive Gewalthandlungen jedoch kategorisch ab. Hingegen wenden offensiv-sozial orientierte Gewalttäter Gewalt auch an, um sich soziales Ansehen und sozialen Status zu verschaffen. Die offensiv-materiell orientierten Gewalttäter wenden Gewalt darüber hinaus auch zu ihrer materiellen Bereicherung an.

Es konnte gezeigt werden, dass Jugendgewalt als produktive Verarbeitung der in verschiedenen Sozialisationskontexten erfahrenen Missachtungen von Anerkennungsbedürfnissen und -ansprüchen verstanden werden kann. Während die Gewalttätigkeit der defensiv orientierten Gewalttäter in Zusammenhang mit der Missachtung durch Gleichaltrige steht, gründet die Gewalttätigkeit der offensiv orientierten Gewalttäter in familiären Gewalt- und Missachtungserfahrungen und schulischen Erfahrungen des Versagens und Scheiterns


Laufzeit
01.05.2004-30.04.2008
Drittmittelprojekt
nein
Projektleitung
Herr Dr. Peter Sitzer
Herr Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
Beteiligte Einrichtungen
Fakultät für Erziehungswissenschaft
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung