Forschungsverbund: Desintegrationsprozesse - Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft

Kurzbeschreibung
Der Forschungsverbund „Desintegrationsprozesse – Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft“ hat zum Ziel, durch seine Analysen gravierende Problembereiche der Gesellschaft differenziert empirisch aufzuarbeiten, so dass Maßnahmen identifiziert werden können, die zur Stärkung von Integrationspotenzialen moderner Gesellschaften beitragen.
a) Fragestellungen, Erkenntnisinteressen und Zielsetzungen
Die gegenwärtigen ökonomischen, sozialen und politischen Entwicklungen in den westlichen Gesellschaften sind von unübersehbaren Ambivalenzen geprägt, deren zukünftige Richtung bisher nicht angemessen einzuschätzen ist. Soziale und politische Umbrüche im letzten Jahrzehnt und die damit einhergehenden Umstellungszumutungen haben zwar für zahlreiche Menschen neue Chancen eröffnet, gleichzeitig aber auch vielfältige sozioökonomische und politische Risiken (Desintegration durch Zugangsprobleme und mangelnde positionale Anerkennung, Teilnahmeprobleme, Sinnlosigkeitserfahrungen im politischen Alltag, abnehmende moralische Anerkennung, immer exklusiverer Leistungs- und Verteilungsstrukturen sowie labile Gemeinschaftszugehörigkeiten mitsamt prekärer emotionaler Anerkennung) heraufbeschworen, welche die Integrationsproblematik verschärfen, Kernwerte und zentrale Normen einer zivilen Gesellschaft tangieren und die liberale Demokratie in Frage stellen können. Nicht nur in Deutschland sind in den letzten Jahrzehnten sowohl Ideologien von Ungleichwertigkeit als auch dazugehörige menschenverachtende Gewalt deutlich hervorgetreten. Damit stellt sich die Frage nach den Integrationspotenzialen moderner Gesellschaften in besonderem Maße. Menschenverachtende Gewalt und rein repressive, häufig übereilte und wenig durchdachte staatliche Maßnahmen haben zudem Fragen nach der Qualität der politischen Kultur, einer „demokratischen Atmosphäre“ und nach den Anforderungen und Bedingungen der Sicherung einer humanen und liberalen Republik aufgeworfen. Erst wenn eine funktionale Systemintegration über positionale Anerkennungsmuster, kommunikativ-interaktive Systemintegration über moralische Anerkennung und kulturell-expressive Systemintegration über emotionale Anerkennung zusammen kommen, zeigt sich eine zufriedenstellende Qualität liberaler Demokratien.
Der Forschungsverbund hat zum Ziel, durch seine Analysen gravierende Problembereiche der Gesellschaft differenziert empirisch aufzuarbeiten. Die Identifikation problematischer Entwicklungsverläufe und die Beschreibung und Erklärung von Einflussfaktoren für die Stärkung der Integrationspotenziale dieser Gesellschaft wird dabei auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Projektzusammenhängen thematisiert; diese verfolgen nicht zuletzt das Ziel, zur Identifizierung von Maßnahmen zur Stärkung von Integrationspotenzialen moderner Gesellschaften beizutragen. Dazu werden solche Prozesse genauer analysiert, die Desintegrationsängste bzw. -erfahrungen und Anerkennungszerfall erzeugen und individuelle oder kollektive „Reaktionen“ nach sich ziehen, die auf ethnische Homogenitätsvorstellungen, völkische Einheit, Ausschluss Fremder, Re-Integration in gewaltförmige peer groups etc. hinauslaufen und zerstörerische Potenziale für Gesellschaft und Demokratie in sich bergen.
Dabei wird von der Grundannahme ausgegangen, dass in modernen Gesellschaften vor dem Hintergrund eines globalen Wandlungsdrucks eine Integrations-Desintegrationsdynamik entstanden ist, in denen sich Zugangs-, Teilnahme- und Zugehörigkeitsprobleme mit Anerkennungsverletzungen verbinden und in Ängsten vor und Erfahrungen von Prekarität, Ausgrenzungen etc. ihren Ausdruck finden. Diese können sich unter bestimmten Umständen in zerstörerischen Handlungen oder Potenzialen für eine humane Gesellschaft und liberale Republik niederschlagen.
Deshalb setzt die Problembeschreibung des Forschungsverbundes an solchen problematischen gesellschaftlichen Entwicklungen an, benennt ungelöste Integrationsaufgaben sowohl für Teile der Mehrheitsgesellschaft wie für Minderheiten, kennzeichnet die Gefährdung von Kernnormen und weist auf zerstörerische Problemphänomene hin, die von der Rechtfertigung von Ungleichwertigkeitsideologien über fremdenfeindliche Attitüden, ethnisch-kulturelle Konflikte bis zur rechtsextremen Gewalt reichen können.
b) Hypothesen
Zu den Kernwerten einer zivilen Gesellschaft gehört die Auffassung von der Gleichwertigkeit der Menschen, gleich welcher Herkunft, welcher Religion und welchen Geschlechts sie sein mögen. Ideologien der Ungleichwertigkeit wie Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlich¬keit, Heterophobie und Etablierten-Vorrechte sowie daraus resultierende Ungleichbehandlungen im sozialen Alltag, in der Verwaltung oder auch in politischen Entscheidungsprozessen gefährden Kernbestandteile der zivilen Gesellschaft, sie müssen als Angriffe auf die liberale Demokratie verstanden werden. Die Qualität von liberalen Demokratien bemisst sich daran, wie es ihnen gelingt, soziale Probleme und Konflikte ohne Gewalt auszutragen.
Qualität und Grad der Integration moderner Gesellschaften zeigen sich daran, inwiefern und inwieweit diese
• auf der sozialstrukturellen Ebene (Reproduktionsaspekt) das Problem der Teilhabe an den materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft befriedigend gelöst haben, was in der Regel objektiv durch ausreichende Zugänge zu Arbeits-, Wohnungs- und Konsummärkten sichergestellt wird, subjektiv aber auch eine Entsprechung in Form von Zufriedenheit mit der beruflichen und sozialen Position finden muss.
• auf der institutionellen Ebene (Vergesellschaftungsaspekt) den Ausgleich konfligierender Interessen sicher stellen, ohne die Integrität und Würde von Personen zu verletzen. Dies erfordert die Einhaltung basaler, die moralische Gleichwertigkeit des (politischen) Gegners gewährleistende, demokratische Prinzipien, die von den Beteiligten als fair und gerecht bewertet werden. Die Aushandlung und konkrete Ausgestaltung solcher Prinzipien befördert wiederum entsprechende Teilnahmechancen und -bereitschaften einzelner Akteure.
• auf der personalen Ebene (Vergemeinschaftungsaspekt) die Herstellung emotionaler bzw. expressiver Beziehungen zwischen Personen zum Zwecke von Sinnstiftung und Selbstverwirklichung erreichen. Hier werden erhebliche Zuwendungs- und Aufmerksamkeitsressourcen, aber auch die Gewährung von Freiräumen sowie eine Ausbalancierung von emotionalem Rückhalt und normativen Anforderungen benötigt, um Sinnkrisen, Orientierungslosigkeit, eine Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls oder Wertediffusion und Identitätskrisen zu vermeiden.

c) Theoretisch-methodischer Ansatz
Das eigens für den Forschungsverbund entwickelte Rahmenkonzept ist abgestimmt auf die Grundannahmen und die zu erklärenden Phänomene. Mit der Leitformel „Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft“ wird signalisiert, dass einerseits moderne Gesellschaften auf Grund ihrer Entwicklung über erhebliche Integrationspotenziale verfügen, um Existenz-, Partizipations- und Zugehörigkeitschancen zu bieten. Zugleich verweist diese Leitformel aber auch auf die Existenz von beträchtlichen Problemen innerhalb dieser Gesellschaften, auf beunruhigende Desintegrationsdynamiken auf der Basis bedrohter Anerkennungs- und Gerechtigkeitsvorstellungen, die zwar nicht unmittelbar die „äußere“ Stabilität von Gesellschaften in Frage stellen, sehr wohl aber ihre „innere“ Qualität (also Kohäsion, Anerkennung, Gleichwertigkeit oder die demokratische Atmosphäre) betreffen und damit zu dramatischen Legitimitätsverlusten führen. Damit gehören Fragen nach den Integrationspotenzialen moderner Gesellschaften ganz oben auf die Agenda.
Der auf Integrations-/Desintegrationsdynamiken fokussierte Theorieansatz des Forschungsverbundes verfährt prinzipiell zweigleisig. Zum einen liegt der Schwerpunkt defizit-theoretisch darauf, dass erzwungene Desintegrationserfahrungen bzw. -antizipationen – und in der Folge Anerkennungsbeschädigungen – von Menschen in den Vordergrund gerückt werden und eine problematische Verarbeitung – in der Regel aus einer Position von relativer Machtlosigkeit – ethnisierende oder fremdenfeindliche Einstellungen oder gewalttätige Verhaltensweisen nach sich ziehen kann. Zum anderen werden – stärker handlungstheoretisch bzw. ideologiekritisch orientiert – auch solche Konstellationen betrachtet, in denen Individuen oder Gruppen (ohne Desintegrationserfahrungen bzw. -antizipationen) aus Positionen wahrgenommener oder etab¬lierter Macht (z.B. Eliten) zur Abwertung, Diskriminierung, negativen Klassifikationen oder Feindbildern beitragen, die desintegrativ gegenüber anderen Personen oder Gruppen wirken und einen problematischen Beitrag zur Integrations-/Desintegrationsdynamik liefern. Wenn es richtig ist, dass moderne Gesellschaften sich durch eine zunehmende gesamtgesellschaftliche Differenzierung, eine Pluralisierung von Werten und Normen und durch Individualisierungs¬prozesse in der sozialen Lebenswelt auszeichnen, dann gibt es auf der Systemebene zunehmend Strukturkrisen (z.B. Arbeitslosigkeit, Abnahme politischer Partizipation), im Bereich von Werten und Normen werden Regulierungskrisen deutlich (z.B. Sinnfragen, Gültigkeit von Normen, Legitimität von Werten), und im Bereich der sozialen Lebenswelt können Kohäsionskrisen entstehen (z.B. Auflösung verpflichtender Bindungen, Erosion sozialer Vergemeinschaftung).
d) Struktur und Arbeitsweise des Forschungsverbundes
Für die inhaltliche Forschungsstruktur des Forschungsverbundes ist kennzeichnend, dass siebzehn Teilprojekte in fünf Untersuchungsfeldern arbeiten, die auf drei Analyseebenen platziert sind. Die Projekte auf der Makroebene sind auf langfristige und aktuelle Strukturprobleme ausgerichtet [P1 Helmut Thome: Sozialer Wandel und Gewaltkriminalität; P2 Klaus Dörre: Prekäre Beschäftigungsverhältnisse], die auf der Meso-Ebene auf Deutungs-, Kontroll- und Mobilisierungsakteure [P3 Dieter Rucht/Peter Imbusch: Wirtschaftseliten zwischen Konkurrenzdruck und gesellschaftlicher Verantwortung; P4 Sighard Neckel: Negative Klassifikationen; P5 Roland Eckert/Roland Roth: Gruppenauseinandersetzungen Jugendlicher; P6 Michael Minkenberg: Repression und Reaktion], institutionelle und sozialräumliche Gelegenheitsstrukturen [P7 Hartmut Häussermann: Repräsentation und politische Integration in der fragmentierten Stadt; P8 Werner Bergmann: Angstzonen in den neuen Bundesländern; P9 Werner Helsper/Heinz-Hermann Krüger: Politische Orientierungen bei Schülern im Rahmen schulischer Anerkennungsbeziehungen; P10 Wolfgang Kühnel: Fremdenfeindlichkeit und ethnische Konflikte im Jugendstrafvollzug; P11 Hans-Georg Soeffner: Assimilation und Integration im Fußballsport] sowie Mobilisierungspotenziale [P12 Susanne Rippl/Klaus Boehnke: EU-Osterweiterung als Mobilisierungsschub für rechte Einstellungen?; P13 Rainer Dollase: Islambilder in der multikulturellen Bevölkerung], die auf der Mikro-Ebene schließlich auf individuelle Lernprozesse und Verhaltensweisen [P14 Helmut Willems: Fremdenfeindliche Diskriminierungen und interethnische Gewalt in benachteiligten Stadtteilen; P15 Andreas Böttger: Opfer rechtsextremer Gewalt; P16 Gertrud Nunner-Winkler: Anerkennung moralischer Normen; P17 Kurt Möller: Ein- und Ausstiegsprozesse bei Skinheads].
Forschungsleitend ist dabei jeweils ein komplexes Prozessverständnis, das Ursachen, „intervenierende“ Faktoren, Verhaltensweisen und ihre Rückwirkungen berücksichtigt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden und Ergebnisse in ihrer ganzen Komplexität darstellen zu können, sind für den Forschungsverbund drei methodologische Eckpunkte kennzeichnend: Multidisziplinarität, Methodenvielfalt und Theorienpluralismus. Gleichwohl gibt es im wesentlichen drei analytisch unterscheidbare Bezugspunkte der Einzelprojekte zum Dachkonzept des Forschungsverbundes:
• die Untersuchung ungelöster Integrationsprobleme bzw. Gefährdung in einer oder mehreren Dimensionen (z.B. Zugangsprobleme zu den Funktionssystemen) und ihre individuellen Verarbeitungen;
• die Gefährdung von Kernnormen und die Auswirkungen für andere Gruppen und deren Integrationschancen in unterschiedlichen Institutionen oder sozialräumlichen Kontexten;
• die Gefährdung von Anerkennung trotz Zugangs-, Teilnahme- und Zugehörigkeitsmöglichkeiten für individuelle und biographische Entwicklungen.
Die formale Forschungsstruktur des Forschungsverbundes ergibt sich aus dem Charakter eines unter einem gemeinsamen Rahmenkonzept stehenden Projektverbundes, der über eine eigene Koordinationsstelle hochgradig integriert ist und sich durch ein beträchtliches Maß an interner Kooperation auszeichnet. Als zentrale Kohäsionselemente wären zu nennen
• die Veranstaltung regelmäßiger Workshops zur Integrations-/Desintegrationsproblematik, zur Theorie und Methodik und zu Auswertungsfragen;
• ausgeprägte Kooperationsnetzwerke zwischen einzelnen Projekten über die Items, Themen, theoretisch-methodische Fragen und Instrumente, Datenaustausch und regionale bzw. soziale Räume;
• die Etablierung von drei quer zu den Projekten verlaufenden Arbeitsgruppen zu allen den Forschungsverbund betreffenden Theoriefragen, zu Integrationspotenzialen und zum Wissensaustausch zwischen Theorie und Praxis;
• eigene Publikationen des Forschungsverbundes, etwa ein Reader und Theorieband zur Integrationsproblematik moderner Gesellschaften, und
• nicht zuletzt regelmäßige Projektbegehungen der Einzelprojekte seitens der Leitung und Koordination des Forschungsverbundes.
Laufzeit
01.06.2002-31.05.2005
Drittmittelprojekt
ja
Projektleitung
Herr Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
Website
zur Website
Beteiligte Einrichtungen
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
Gefördert durch
Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF