Konfliktregulierung bei Straftaten. Kriminalitätsfurcht und die Variation des Anzeigeverhaltens nach Alter und Ethnie der Täter

Kurzbeschreibung
Ausgangspunkt des Projektes waren die Unterschiede in der Kriminalitätsbelastung, die je nach der zugrunde gelegten Datengrundlage für die jeweiligen Bevölkerungsgruppen ermittelt wurden. So wurden zum einen auf der Basis der Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (insbesondere) für (junge) Ausländer im Vergleich zu (den altersgleichen) Deutschen erheblich höhere Belastungsziffern ermittelt als anhand von Dunkelfeldforschungen oder der Strafverfolgungsstatistik. Es wurde untersucht, welche Bedeutung dem Anzeigeverhalten von Opfern und Zeugen einerseits und den Selektionspraktiken der an einem Ermittlungsverfahren beteiligten Strafverfolgungsorgane andererseits beim Zustandekommen dieser Diskrepanzen zukommt. Zu diesem Zwecke wurden
- eine repräsentative Bevölkerungs-(Opfer)Befragung durchgeführt,
- auf der Basis von Individualdaten ein Vergleich der Polizeilichen Kriminal- und der Strafverfolgungsstatistik vorgenommen und
- staatsanwaltliche Ermittlungsakten ausgewertet.

Im Rahmen des Projektes wurde überprüft, inwiefern das Anzeigeverhalten von Opfern oder Zeugen von Straftaten von spezifischen Merkmalen des vermeintlichen Täters abhängt und inwiefern das Anzeigeverhalten und die Kriminalitätsfurcht durch andere Faktoren moderiert werden. Darüber hinaus wurde untersucht, welche Mechanismen maßgeblich dafür sind, dass Personen, die kriminalisierbare Handlungen ausgeführt haben, von der Polizei als Tatverdächtige registriert und im Verlauf des weiteren Strafverfahrens angeklagt und verurteilt werden. Auf der Basis stresstheoretischer Konzeptionen konnte dabei zum einen herausgearbeitet werden, dass - gefördert durch eine entsprechende Medienberichterstattung und die öffentlich geführte Diskussion - Angehörige klar identifizierbarer Bevölkerungsgruppen (z.B. Migranten, Jugendliche) aufgrund ihres vermeintlich kriminellen Verhaltens in Teilen der Bevölkerung als eine Bedrohung wahrgenommen und bewertet werden. Eine Strafanzeige von vermeintlich kriminellem Verhalten kann in diesem Sinne als ein Mittel fungieren, der subjektiv empfundenen Bedrohung entgegenzuwirken.

Die Bevölkerungs- bzw. Opferbefragung erbrachte, dass Opfer oder Zeugen, wenn sie glauben, der Täter sei z.B. nicht deutscher Herkunft, seltener auf die Erstattung einer Anzeige bei der Polizei verzichten. Neben den Merkmalen des vermeintlichen Täters wird das Anzeigeverhalten zusätzlich durch Merkmale der Opfer (z.B. Ausländerfeindlichkeit oder Misstrauen gegenüber Migranten) moderiert. Auf der Basis der Daten, die über die Auswertung staatsanwaltlichen Ermittlungsakten erhoben wurden, konnte gezeigt werden, dass bedingt durch das Anzeigeverhalten gegenüber Migranten überproportional häufig aufgrund von Bagatelldelikten Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Nicht zuletzt deshalb werden - wie der Vergleich der Individualdaten von Polizeilicher Kriminal- und Strafverfolgungsstatistik erbrachte - insbesondere die gegenüber jüngeren Migranten eingeleiteten Ermittlungsverfahren häufiger im Verlauf des weiteren Strafverfahrens durch die Staatsanwaltschaft eingestellt. Neben der Ethnie ist auch das Geschlecht eine wichtige Kriteriumsvariable für die Selektion auf dem Wege vom polizeilich Tatverdächtigen bis zum gerichtlich Verurteilten. Auch gegenüber tatverdächtigen Personen weiblichen Geschlechts wird seltener Anklage erhoben als gegenüber Männern.

Laufzeit
01.05.2001-30.11.2003
Drittmittelprojekt
ja
Projektleitung
Herr Prof. em. Dr. Günter Albrecht
ProjektmitarbeiterInnen
Herr apl. Professor Jürgen Mansel
Beteiligte Einrichtungen
Fakultät für Soziologie
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
Gefördert durch
Deutsche Forschungsgemeinschaft