Bedingungen und Folgen ethnischer Koloniebildung

Kurzbeschreibung
Deutsche Zusammenfassung

Das Projekt untersuchte, welche Einflüsse Prozesse der Vergesellschaftung unter Migranten beeinflussen und welche Folgen dies hat. Solche Prozesse werden in der Öffentlichkeit oft als Kolonieentwicklung, Ghettoisierung oder als Herausbildung von Parallelgesellschaften bezeichnet.

In einer bundesweiten Umfrage wurden umfangreiche Daten zur gesellschaftlichen Partizipation gesammelt. Dabei wurde stets zwischen der Partizipation an Angeboten der Mehrheitsgesellschaft und denen der ethnischen Teilgesellschaften unterschieden. Es konnte gezeigt werden, daß die Herausbildung einer ethnisch-spezifischen Infrastruktur keine Konkurrenz zur Nutzung der Infrastruktur der Mehrheitsgesellschaft darstellt. Dazu wurden Angaben zur Beteiligung an Organisationen, informellen ethnischen Netzwerken sowie die Mediennutzung untersucht (Salentin 2004). In der Literatur und in der öffentlichen Diskussion findet sich die Annahme, es bestehe eine Konkurrenz zwischen den Angeboten der Mehrheitsgesellschaft und ihren ethnischen Alternativen. Dagegen zeigte sich empirisch entweder keinerlei Zusammenhang zwischen den beiden Richtungen der gesellschaftlichen Partizipation, oder es ließ sich eine positive Korrelation nachweisen. Dies bedeutet, daß etwa Personen, die mehr muttersprachliche Medien konsumieren, auch mehr, nicht weniger, deutsche Medien konsumieren. Wer mehr Interesse an der Politik des Herkunftslandes hat, interessiert sich auch mehr für Politik in Deutschland.

Diskriminierungserfahrungen spielen bei der gesellschaftlichen Integration von Zuwanderern eine wichtige Rolle. Obwohl sie nicht mit tatsächlicher Diskriminierung identisch sein müssen - falls sich über diesen Begriff überhaupt ein Konsens herstellen läßt -, stellen sie einen Integrationsindikator dar, den die Sozialpolitik zur Kenntnis nehmen muß. Für die Akzeptanzwahrnehmung der Minderheiten ist letztlich nur von Bedeutung, was sie als real wahrnehmen. Wahrgenommene Diskriminierung hängt negativ mit dem Systemvertrauen von Migranten zusammen (Salentin/Wilkening 2003). Sie ist empirisch weit verbreitet, wobei die Betroffenheit zwischen Herkunftsgruppen schwankt und mit soziodemographischen Merkmalen variiert (Salentin 2008).

Religiosität hängt bei Zuwanderern auf der Einstellungsebene negativ mit der Bereitschaft zur Assimilation und positiv mit ethnischer Präferenz für die Eigengruppe zusammen. Dagegen verweigern sich religiöse Personen nicht grundsätzlich der Partizipation. Ihr Integrationskonzept sieht Beteiligung unter Wahrung kultureller Besonderheit vor (Baumann/Salentin 2006).

Das Projekt hat bedeutsame methodische Ergebnisse hervorgebracht. Es wurde ein onomastisches, d. h. auf typischen Eigennamen beruhendes Stichprobenverfahren für Migranten entwickelt und implementiert (Salentin 1999). Ferner konnte nachgewiesen werden, daß die Beschränkung einer Stichprobe auf Ausländer gravierende Verzerrungen verursacht, weil eingebürgerte Migranten bessere sozioökonomische Integrationsindikatoren aufweisen (Salentin/Wilkening 2003).
Laufzeit
15.12.1999-31.05.2002
Drittmittelprojekt
ja
Projektleitung
Herr Prof. em. Dr. Günter Albrecht
ProjektmitarbeiterInnen
Herr Dr. Kurt Salentin
Herr F. Wilkening
Beteiligte Einrichtungen
Fakultät für Soziologie
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
Gefördert durch
Deutsche Forschungsgemeinschaft