Öffentliche Gewalt im Stadtquartier: Eine vergleichende Untersuchung ethnisch differenter Sozialmilieus

Kurzbeschreibung
Dass die "Integrationsmaschine Stadt" gegenwärtig einer harten Belastungsprobe ausgesetzt ist und dass die soziale Stadt immer größere Regulierungsprobleme zu bewältigen hat, gilt weitestgehend als unstrittig. Es wird offenbar schwieriger das schon immer zerbrechliche Verhältnis von städtischer Integration und Desintegration ohne größere innere und äußere Schäden in einer tragbaren Balance zu halten. So gibt es verschiedene Anhaltspunkte dafür, dass es nicht unbedingt die unmittelbare physische Gewalt ist, die im öffentlichen Raum verstärkt zum Ausbruch kommt, sondern dass Gewaltbilligung bzw. -bereitschaft bereits in der Struktur des sozialen Zusammenlebens enthalten sind.
Schwierige Integrationsprozesse bzw. Desintegrationserfahrungen und sozialräumliche Segregationen sowohl innerhalb des Wohnquartiers als auch gegenüber dem übrigen Stadtgebiet stellen den primären Kontext dar, an der die hier dokumentierte Ost-West-Vergleichstudie zu Gewalt in lokalen Kontexten anknüpfen will. Es wird von der Hypothese ausgegangen, dass sich diese Gewaltformen, die oftmals als deutliches Anzeichen von Kombinationen individueller Desintegration und sozialräumlicher Segregation gewertet werden, aufgrund der ethnischen Strukturierung der Untersuchungsräume typisieren lassen. Ziel der Forschung ist es, die spezifische Struktur dieser ethnischen Differenz anhand des Vergleichs von (a) mono-ethnischen, (b) bi-ethnischen sowie (c) multi-ethnischen Wohnumfeldern herauszuarbeiten. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit diese besonderen soziokulturellen und ethnischen Konstellationen das Auftreten von individueller und Gruppengewalt beeinflussen, begünstigen oder verhindern können.
Um das auf die kleinräumig entfaltende Gewaltsphäre ausgerichtete Forschungsziel zu erreichen, werden kombiniert qualitative und quantitative Instrumente eingesetzt. Qualitative Interviews (ca. 20 pro Stadtteil) mit Langzeitbewohnern, Alltags- und professionellen Experten dienen einer ersten Exploration sowie der Vorbereitung einer quantitativen Bevölkerungsbefragung (N=300 Einwohner pro Wohnviertel), deren Befunde über weitere Interviews und Gruppendiskussionen vertieft werden sollen. Begleitet wird die Forschung durch die Analyse von Pressemeldungen der letzten 5 Jahre.

Ergebnislagen
Hinsichtlich der individuellen Gewaltbereitschaft bestätigen die Analysen zunächst Befunde zahlreicher anderer Studien, die auf die enge Verknüpfung des Phänomens mit männlicher Geschlechtszugehörigkeit, Adoleszenz und niedrigem Bildungsniveau hinweisen.
Bei einem Vergleich der drei Stadtgebiete ergeben sich für den ostdeutschen Sozialraum deutlich höhere Grade der geäußerten Gewaltbereitschaft als in den beiden westdeutschen Wohnquartieren. Letztlich bleibt aber festzuhalten, dass die ethnische Formation als Kontextmerkmal eines Stadtviertels entgegen unseren Erwartungen allenfalls in einem schwachen Zusammenhang mit der individuellen Bereitschaft zu gewaltvollem Handeln zu stehen scheint und besagte Bereitschaft stärker von Merkmalen der individuellen Integration und durch die Einschätzung zukünftiger Lebenschancen bestimmt wird. So erwies sich vor allem in den beiden westdeutschen Quartieren eine pessimistische Prognose der persönlichen wirtschaftlichen Verhältnisse als starker Bestimmungsfaktor für die grundsätzliche Bereitschaft, Gewalt anzuwenden; im ostdeutschen Kontext wird diese Bereitschaft insbesondere durch eine als defizitär empfundene soziale Einbindung gefördert. Die subjektiv wahrgenommenen politischen Integrations- und Partizipationspotentiale zeigen sich - wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung - in allen drei Stadtteilen als relevante Einflussgrößen. Im westdeutschen und multi-ethnisch strukturierten Wohnumfeld sowie im ostdeutschen Sozialraum (mono-ethnisch) erweist sich allerdings die individuelle Orientierungslosigkeit ("Anomia") als erklärungskräftigste Variable. Die Analysen konnten außerdem zeigen, dass die individuelle Bereitschaft zum Gewalthandeln in der Regel nicht durch eigene Viktimisierungserfahrungen determiniert wird, was allerdings nicht die weitergehende Annahme widerlegt, dass Gewalt auch als Mittel der Selbstbehauptung angewandt werden kann. Außerdem kann sie, wie die Analysen zeigen, auch durch die Wahrnehmung abweichenden Verhaltens anderer angeregt werden. Darüber hinaus ist die Gewaltbereitschaft auch signifikant durch persönliche Wertorientierungen geprägt:: Sie werden durch hedonistisch-materialistische Orientierungen (im Sinne der von Klages ausgearbeiteten Werte-Typologie) gefördert, von idealistischen dagegen gedämpft. Dieses Ergebnis wird bei Anwendung einer anders konstruierten Werte-Typologie (des hierarchischen Selbstinteresses) dem Sinne nach bestätigt: Egoistischer Individualismus und "machiavellistische" Selbstbehauptung begünstigen Gewaltbereitschaft, während davon losgelöstes Konkurrenzdenken alleine einen solchen Effekt nicht erkennen lässt.
Laufzeit
01.01.2003-31.12.2005
Drittmittelprojekt
ja
Externe Kooperationspartner
Institut für Soziologie der Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg
Projektleitung
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
Prof. Dr. Helmut Thome
ProjektmitarbeiterInnen
Sonja Kock
Julia Marth
Andreas Schroth
Denis van de Wetering
Beteiligte Einrichtungen
Fakultät für Erziehungswissenschaft
Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung
Gefördert durch
Deutsche Forschungsgemeinschaft