Geschichte der Universität Bielefeld

Zwischenstation - neue Herausforderungen (1977 bis 1982)

 

1977
Schwieriges Thema in schwierigen Zeiten: Bei einer Veranstaltung der "demokratischen Gegenhochschule" am 25. Mai 1977 diskutierten auch der RAF-Anwalt Otto Schily und Atomexperte Klaus Traube im bis auf den letzten Fußbodenplatz gefüllten Audimax zum Thema "Vom Atomstaat zum Polizeistaat?".

1977
"500 Studenten feierten Deutschlands beliebtesten Universitäts-Rektor". Am 1. Juni 1977 wurde Karl Peter Grotemeyer von 49 der 55 anwesenden Konventsmitglieder zum dritten Mal zum Rektor der Universität Bielefeld gewählt. Insgesamt blieb Grotemeyer mit fast 23 Jahren so lange im Amt wie keiner seiner Amtskollegen in der Bundesrepublik.

1978
In politisch bewegten Zeiten waren auch die Kulturveranstaltungen in der Universität hochpolitisch. Am 19. April 1978 füllte Wolf Biermann - ein "Deutscher im deutschen Exil" - das Audimax bis auf den letzten Platz.

1980
Mit der Aktion "Die PH geht baden" des Allgemeinen Studierendenausschuss der Pädagogischen Hochschule (PH) demonstrierten Studierende am 23. Januar 1980 gegen Kürzungspläne der Landesregierung im Zusammenhang mit der PH-Integration in die Universität Bielefeld.

1980/1986
Von 1978 bis 1984 lebte und arbeitete der deutsch-jüdische Soziologe Norbert Elias im Zentrum für interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld. Die Fakultät für Soziologie machte ihn am 22. Juni 1980 zu ihrem Ehrendoktor. Auf Initiative der Universität verlieh ihm Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 23. Mai 1986 das Große Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

1982
Nach dem Aufkommen der ersten grün-alternativ orientierten Studierendengruppen Ende der 70er Jahre bildete die Basisliste zusammen mit der Juso-Hochschulgruppe erstmals 1982 den AStA der Universität Bielefeld - unter Basislisten-Vorsitz und mit eigenem Ökologiereferat (v.l.): Erhard Müller, Annette Heuser, Peter Obladen, Klaus-Ulrich Seifert, Dieter Hummel, Gerd Storm.

Nicht auf dem Foto, sondern hinter der Kamera Andreas Helle.

1982
Am 8. Juni 1982 demonstrierten 7000 Studenten, Professoren und Mitarbeiter gegen den vom Wissenschaftsminister des Landes Nordrhein-Westfalen geplanten Abbau von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, Forschungsgruppen und wissenschaftlichem Nachwuchs. In der ersten Reihe des Demonstrationszuges die Universitätsspitze mit Prorektor Thomas Dorfmüller, Rektor Karl Peter Grotemeyer, Prorektor Dietrich Storbeck und Kanzler Eberhard Firnhaber (von links).

Mitte der 70er Jahre war die Ölkrise Sinnbild und Mitauslöser der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Hohe Arbeitslosenzahlen, die steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte und ein wachsendes Bewusstsein für Umweltprobleme dämpften den Fortschrittsglauben. Die Hochschulen erlebten unter dem Eindruck des "Radikalenerlasses", seiner Ausführungsrichtlinien und der damit verbundenen "Berufsverbote" sowie des "Deutschen Herbstes" 1977 eine weitere Politisierung. Auf studentischer Seite betätigten sich unzählige K-Gruppen, orthodoxe und nicht-orthodoxe Marxisten, Maoisten, Kommunisten, Sozialisten. Im Zuge der aufkommenden Umweltbewegung formierten sich darüber hinaus die ersten grün-alternativen Studierendengruppen, zunächst als Basislisten, an den Bielefelder Hochschulen. Die Politisierung der Universität trübte zwischenzeitlich das Verhältnis der "linken" Universität zur eher konservativ geprägten Stadt. Diesen Irritationen begegnete man auf Seiten der Universität unter anderem durch die erstmals und mit großem Erfolg durchgeführten "Universitätstage" 1977 und 1978 sowie mit dem in großem Rahmen gefeierten zehnjährigen Jubiläum 1979.

Seit 1978 - "Verabschiedung des Zusammenführungsgesetzes" von Pädagogischer Hochschule Westfalen-Lippe, Abteilung Bielefeld, und Universität Bielefeld - musste die noch junge Universität enorme Anstrengungen zur Integration unternehmen. Die Bewältigung dieser offiziell am 1. April 1980 abgeschlossenen Aufgabe beanspruchte die Kräfte der Universität für die Dauer von über drei Jahren stark und veränderte ihre Struktur. Parallel dazu führte die Bildungsreform unter anderem zu einem erweiterten Bildungs- und Hochschulzugang, so dass 1982 über 12.500 Studierende, und damit 1000 mehr als in den veränderten Planungen vorgesehen, an der Universität eingeschrieben waren. Überfüllte Hörsäle und eine bisher nicht gekannte Wohnraumisere waren die Folgen. Schließlich erließ die Landesregierung 1981/82 noch massive Sachmittel- und Stellenkürzungen, gegen die die Universität mit allen Mitteln protestierte. Trotz all dieser Belastungen waren die Verwerfungen an der Universität Bielefeld weniger stark als an anderen Hochschulen.

Grundkonsens war selbst in krisenhaften Zeiten, dass in einer insgesamt liberal geprägten und auf Ausgleich bedachten Atmosphäre Meinungsverschiedenheiten, Auseinandersetzungen und Konflikte innerhalb der Hochschule in fairer Weise ausgetragen wurden, was auch am politischen Stil der Universitätsleitung lag. Mit Karl Peter Grotemeyer (Rektor von 1970 bis1992) und Eberhard Firnhaber (Kanzler von 1968 bis 1989) lenkten zwei Persönlichkeiten die Geschicke der Universität, die Einflussnahmen von außen durch konsequenten Einsatz für "ihre Hochschule" begegneten. Die junge Universität hatte die ersten großen Bewährungsproben bestanden.


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