1992 - 1999

 

Nach über 22 Jahren als Rektor der Universität Bielefeld endet zum 1. Oktober 1992 die Ära Karl Peter Grotemeyer. Mit Grotemeyer trat eine Persönlichkeit in den Ruhestand, die das wissenschaftliche, politische und menschliche Klima der Hochschule wie kein anderer seit ihrer Gründung geprägt hat. Grotemeyer hinterließ seinen Nachfolgern Helmut Skowronek und Gert Rickheit eine auch in schwierigen Zeiten gut positionierte Hochschule mit ausgezeichnetem Ruf. Unter den Schlagworten Ökonomisierung, Effizienzsicherung, Verkürzung der Studienzeiten, Dienstleistungsunternehmen Hochschule, Hochschulpolitik als Standortpolitik, Evaluation von Forschung und Lehre versuchten die Hochschulreformer der 90er Jahre, das gewachsene Hochschulsystem weiterzuentwickeln. Die Diskussion um Studiengebühren, von studentischen Hochschulgruppen als Entdemokratisierungsprozess angeprangert, mobilisierte die Studierenden Ende der 90er Jahre noch einmal zu einem Streik in einer Phase, die eher von einer Entpolitisierung der Hochschulen und einer allgemeinen Abkehr von den etablierten Formen studentischer Politik geprägt war. Die Trends der 80er Jahre setzten sich fort. Die Beteiligung an den Wahlen zum Studierendenparlament sank unter die Zehn-Prozent-Marke, die gewerkschaftlich orientierten Gruppen spielten keine Rolle mehr, dafür traten neben die dominierende Grüne Hochschulgruppe Listen wie "Pünktchen und Beton", "Liste für Kulturpolitik und Politikkultur", "Liste Lust", "Zünglein an der Waage" und Listen, die die Interessen von speziellen Studierendengruppen, wie ausländischen Studierenden, Frauen, Schwulen oder Nichtrauchern vertraten.

Die Universität richtete sich in den 90er Jahren noch mehr an den Leitbildern Interdisziplinarität, Forschungsorientierung und Internationalität aus. Neue Sonderforschungsbereiche waren ebenso wie die 1994 gegründete und in ihrer Art in Deutschland einmalige Fakultät für Gesundheitswissenschaften und das 1997 gegründete Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung interdisziplinär ausgerichtet. Als erste Universität in Deutschland richtete Bielefeld verstärkt den Blick auf die Bioinformatik. Darüber hinaus belegen aber auch deutlich gestiegene Drittmittel und mittlerweile fünf Leibniz-Preisträger seit 1992, dass die Universität Bielefeld zukunftsorientierte Forschung betreibt. Schließlich richtete man den Blick auf den Ausbau von internationalen Kooperationen und auf gezielte Programme ausländische Wissenschaftler und Studierende nach Bielefeld zu holen. Dass Zukunftsorientierung und dass Wissen um die eigene Gründungskonzeption zusammengehören, zeigen die Bemühungen um eine Corporate Identity und Traditionsbildung der Universität Bielefeld. 1996 wurde das Absolventen-Netzwerk gegründet. Die "nüchtern-sachliche Reformuniversität" der 60er Jahre - nach wie vor ohne Talar und Amtskette - versuchte ihre Absolventen auch durch die feierliche Überreichung der Abschlusszeugnisse an sich zu binden.


nächstes Kapitel
zurück