Geschichte der Universität Bielefeld

Forschungsuniversität - international, interdisziplinär (1992-1999)

 

1992
Voll wie in den 70er Jahren. Über 2.500 Zuhörer lockte das Streitgespräch zwischen dem PDS-Parteivorsitzenden Gregor Gysi (links) und dem Vorsitzenden der "Unabhängigen Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen in der DDR", dem Bielefelder Rechtswissenschaftler Hans-Jürgen Papier (rechts), am 15. Januar 1992 ins Audimax.

1992
Ende einer Ära. Nach über 22 Jahren an der Spitze der Universität - was bundesdeutschen Rekord bedeutet - wird Rektor Karl Peter Grotemeyer am 8. Oktober 1992 durch seinen Nachfolger Helmut Skowronek und Wissenschaftsministerin Anke Brunn verabschiedet.

1994
Über 4000 Wissenschaftler aus aller Welt trafen sich vom 18. bis zum 23. Juli 1994 zum XIII. Weltkongress für Soziologie in der Universität Bielefeld - eine Bestätigung für die herausragende soziologische Forschung an der Universität - und diskutierten das Kongressthema "Umstrittene Grenzen - Solidaritäten im Wandel". Teilnehmer des Weltkongresses für Soziologie in der Universitätshalle.

1996
Festveranstaltung zum 30jährigen Jubiläum der Westfälisch-Lippischen Universitätsgesellschaft - Verein der Freunde und Förderer - im Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) der Universität im Mai 1996.

1996
Die Leibniz-Preisträgerin des Jahres 1998 Ute Frevert mit Dieter Grimm, Hans Mommsen und Hans-Ulrich Wehler anlässlich des Autorenkolloquiums für Hans-Ulrich Wehler (von links) im Zentrum für interdisziplinäre Forschung im Oktober 1996.

1997
Einen der größten Studierendenstreiks erlebte die Universität, die im Wintersemester 1997/98 zum ersten Mal die Zahl von 20 000 Studierenden übertraf, im November und Dezember 1997. Am 4. Dezember zogen 10 000 Demonstranten von der Universität in die Bielefelder Innenstadt, um gegen die Bundesbildungspolitik und die ihrer Meinung nach katastrophale Lage an den Hochschulen zu protestieren.

1998
Ein Aushängeschild der Universität Bielefeld mit internationalem Ansehen ist das Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF). Mitglieder des Kuratoriums des ZiF trafen sich im Juni 1998 zu ihrer turnusmäßigen Sitzung: Peter Glotz, Rolf Möller, Evelies Mayer, Rektor Gert Rickheit, Johannes Rau, Walter Deuber, Gertrude Lübbe-Wolff, Gerhard Sprenger, Kurt Wolfsdorf, Universitätskanzler Hermann Huvendick und Joachim Frohn (von links).

1999
Anerkennung eines in Bielefeld seit Jahren fakultätsübergreifend betriebenen innovativen, aber in der Öffentlichkeit nicht immer unumstrittenen Forschungsbereichs. Alfred Pühler, die nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerin Gabriele Behler und Rektor Gert Rickheit bei der Eröffnung des Zentrums für Genomforschung an der Universität Bielefeld am 16. April 1999.

1992/1994/1998/2000
Wurden in den 90er Jahren mit dem begehrtesten deutschen Wissenschaftspreis ausgezeichnet: Die Bielefelder Professoren Thomas Zink (Mathematik, 1992; oben links), Adrienne Héritier und Helmut Willke (Soziologie, 1994;oben rechts und unten links), Ute Frevert (Geschichtswissenschaft und Philosophie, 1998; siehe oben) und Gertrude Lübbe-Wolff (Rechtswissenschaft, 2000; unten rechts).

Nach über 22 Jahren als Rektor der Universität Bielefeld endet zum 1. Oktober 1992 die Ära Karl Peter Grotemeyer. Mit Grotemeyer trat eine Persönlichkeit in den Ruhestand, die das wissenschaftliche, politische und menschliche Klima der Hochschule wie kein anderer seit ihrer Gründung geprägt hat. Grotemeyer hinterließ seinen Nachfolgern Helmut Skowronek und Gert Rickheit eine auch in schwierigen Zeiten gut positionierte Hochschule mit ausgezeichnetem Ruf. Unter den Schlagworten Ökonomisierung, Effizienzsicherung, Verkürzung der Studienzeiten, Dienstleistungsunternehmen Hochschule, Hochschulpolitik als Standortpolitik, Evaluation von Forschung und Lehre versuchten die Hochschulreformer der 90er Jahre, das gewachsene Hochschulsystem weiterzuentwickeln. Die Diskussion um Studiengebühren, von studentischen Hochschulgruppen als Entdemokratisierungsprozess angeprangert, mobilisierte die Studierenden Ende der 90er Jahre noch einmal zu einem Streik in einer Phase, die eher von einer Entpolitisierung der Hochschulen und einer allgemeinen Abkehr von den etablierten Formen studentischer Politik geprägt war. Die Trends der 80er Jahre setzten sich fort. Die Beteiligung an den Wahlen zum Studierendenparlament sank unter die Zehn-Prozent-Marke, die gewerkschaftlich orientierten Gruppen spielten keine Rolle mehr, dafür traten neben die dominierende Grüne Hochschulgruppe Listen wie "Pünktchen und Beton", "Liste für Kulturpolitik und Politikkultur", "Liste Lust", "Zünglein an der Waage" und Listen, die die Interessen von speziellen Studierendengruppen, wie ausländischen Studierenden, Frauen, Schwulen oder Nichtrauchern vertraten.

Die Universität richtete sich in den 90er Jahren noch mehr an den Leitbildern Interdisziplinarität, Forschungsorientierung und Internationalität aus. Neue Sonderforschungsbereiche waren ebenso wie die 1994 gegründete und in ihrer Art in Deutschland einmalige Fakultät für Gesundheitswissenschaften und das 1997 gegründete Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung interdisziplinär ausgerichtet. Als erste Universität in Deutschland richtete Bielefeld verstärkt den Blick auf die Bioinformatik. Darüber hinaus belegen aber auch deutlich gestiegene Drittmittel und mittlerweile fünf Leibniz-Preisträger seit 1992, dass die Universität Bielefeld zukunftsorientierte Forschung betreibt. Schließlich richtete man den Blick auf den Ausbau von internationalen Kooperationen und auf gezielte Programme ausländische Wissenschaftler und Studierende nach Bielefeld zu holen. Dass Zukunftsorientierung und dass Wissen um die eigene Gründungskonzeption zusammengehören, zeigen die Bemühungen um eine Corporate Identity und Traditionsbildung der Universität Bielefeld. 1996 wurde das Absolventen-Netzwerk gegründet. Die "nüchtern-sachliche Reformuniversität" der 60er Jahre - nach wie vor ohne Talar und Amtskette - versuchte ihre Absolventen auch durch die feierliche Überreichung der Abschlusszeugnisse an sich zu binden.


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