Im Mittelpunkt des Graduiertenkollegs "Weltgesellschaft - Die Herstellung und Repräsentation von Globalität" steht die Frage, unter welchen Voraussetzungen, über welche Prozesse und in welcher Form sich globale Strukturen herausbildern und seit wann und auf welche Weise der globale Zusammenhang als Einheit gedeutet wird.
Das Graduiertenkolleg schließt an die soziologische Weltgesellschaftstheorie an und geht wie diese von der Annahme aus, dass sich ein globaler Zusammenhang herausgebildet hat, der eine neue und eigenständige Form der Sozialorganisation darstellt und als umfassendstes System alles Soziale in sich einschließt. Damit verbunden ist die Annahme, dass alle Ereignisse, wie lokal sich auch immer erscheinen mögen, auf dieses umfassende System zu beziehen und im Idealfall aus ihm zu erklären sind (vgl. als Überblick Heintz/Greve 2005; Tyrell 2005). Im Unterschied zu den herkömmlichen Weltgesellschaftstheorien, die den Analysefokus auf die stabilen Strukturen und die Folgen der Entstehung einer Weltgesellschaft legen, wird das Schwergewicht in der dritten Antragsphase auf die vielfältigen Prozesse der Herstellung globaler Strukturen und auf die unterschiedlichen und teilweise konfliktiven Formen ihrer Repräsentation gelegt. Die Betonung des variablen und widersprüchlichen Charakters von globalen Vergesellschaftungsprozessen ermöglicht einen Anschluss an zwei Forschungs- und Theorietraditionen, die von der Weltgesellschaftstheorie bislang wenig genutzt wurden: empirisch an die politikwissenschaftliche, ethnologische und soziologische Globalisierungsforschung und theoretisch an die interaktionstheoretische Mikrosoziologie. Der Einbezug dieser beiden Perspektiven stellt in doppelter Hinsicht eine Erweiterung gegenüber den ersten beiden Antragsphasen dar. Das Potential der Globalisierungsforschung liegt vor allem in ihrem empirischen Gehalt, indem sie in einer Vielzahl von materialreichen Studien untersucht hat, wie sich grenzüberschreitende Vernetzungen herausbilden. Demgegenüber hat der Einbezug der Mikrosoziologie vor allem eine theoretische Korrektivfunktion, die sich auf die makrosoziologische Verengung der Weltgesellschaftstheorie bezieht.
Um die unterschiedlichen Dynamiken und Geschwindigkeiten der Herstellung von Globalität in komparativer Perspektive zu untersuchen, geht das Forschungsprogramm von zwei Differenzierungsdimensionen aus: einerseits von der Differenzierung in verschiedene gesellschaftliche Funktionssysteme (Wirtschaft, Wissenschaft, Religion, Politik etc.) und andererseits von der Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Ebenen der Sozialorganisation (Interaktion, Organisation, Netzwerke, Weltgesellschaft).
1. Historisch gesehen hat sich Modernisierung weitgehend über funktionale Differenzierung vollzogen, d.h. über die Herausbildung von Teilbereichen, die je unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen erfüllen und sich an je unterschiedlichen Leitdifferenzen orientieren. Obschon sich der Prozess der funktionalen Differenzierung ursprünglich im Rahmen der europäischen (National-)Staaten entfaltete (vgl. etwa Hahn 1993), tendieren Funktionssysteme zu Grenzüberschreitung, d.h. zu Globalität (vgl. ansatzweise bereits Parsons 1969; Luhmann 1975a; Stichweh 2000). Die Globalisierung der verschiedenen Funktionssysteme und ihrer Subsysteme (wissenschaftliche Disziplinen, Wirtschaftszweige, Rechtsbereiche etc.) erfolgt allerdings in unterschiedlicher Geschwindigkeit, über unterschiedliche Prozesse und in unterschiedlichen Formen. Die vergleichende Untersuchung dieser unterschiedlichen Globalisierungsprozesse steht im Mittelpunkt des Kollegs.
2. Eine zweite Differenzierungsdimension schließt an die Unterscheidung zwischen Interaktion, Organisation und (Welt-)Gesellschaft an (Luhmann 1975b), die in der Weltgesellschaftstheorie bislang nicht systematisch genutzt wurde, und erweitert sie um die Strukturform des Netzwerkes. Interaktion, Organisations- und Netzwerkbildung finden zwar in der (Welt-)Gesellschaft statt, aber nicht nur innerhalb von Funktionssystemen, sondern auch zwischen und außerhalb von ihnen. Insofern liegt die Ebenendifferenzierung quer zur Differenzierung in Funktionssysteme. Wir gehen dabei von der Annahme aus, dass es sich um unterschiedliche Ebenen der Sozialorganisation handelt, die nicht aufeinander reduzierbar sind. Dies bedeutet konkret, dass sich die Herstellung und Darstellung von Globalität im Prinzip auf allen Ebenen beschreiben lässt: interaktionstheoretisch, organisationssoziologisch, netzwerktheoretisch und gesellschaftstheoretisch.
Ausgehend von dieser Unterscheidung soll die Frage nach der Herstellung und Repräsentation von Globalität anhand von drei Forschungsschwerpunkten untersucht werden.
Forschungsschwerpunkt 1: Soziale Mikrostrukturen und Globalisierung
Soziale Mikrostrukturen, die ihren Ort typischerweise in der direkten Interaktion haben, sind von so unscheinbarer Größe, dass sie in weiten Teilen der Globalisierungs- und Weltgesellschaftstheorie als vernachlässigbares Phänomen behandelt werden. Soziale Mikrostrukturen sind zwar für sich allein nicht geeignet, Ordnung im Sinne dauerhafter Strukturbildung zu gewährleisten, doch sie können Kontinuierung und Erwartbarkeit erzeugen – zwar immer nur kurzzeitig und situiert, dafür aber in unendlicher Fülle und Wiederholbarkeit und durch Erzeugung eines dichten Geflechts aus Ko-Orientierung und Interaktion. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Bedeutung Interaktionen für die Herstellung und Repräsentation von Globalität haben. Diese Frage soll am Beispiel von drei Untersuchungsfeldern beantwortet werden: 1. Ein erstes Forschungsfeld bezieht sich auf die Frage, unter welchen Bedingungen und auf welche Weise lokale Mikroereignisse zu „Weltereignissen“ werden, die in der Folge u.U. zu globalen Strukturbildungen führen. Beispielhaft für eine solche Mikrogenese globaler Strukturen sind lokale Protestaktionen, die über massenmediale Beobachtung und Unterstützung durch globale NGOs einen weltweiten Skandalisierungsprozess in Gang setzen, der am Ende zur Institutionalisierung einer neuen globalen Rechtsnorm führt (vgl. etwa Fischer-Lescano 2005 am Beispiel des Verschwindenlassens von Gefangenen in Argentinien). 2. Ein weiteres Untersuchungsfeld sind „globale Mikrostrukturen“ (vgl. zu diesem Begriff Knorr Cetina/Bruegger 2002), d.h. Strukturformen, die in ihrer Ausdehnung global sind, aber primär über direkte oder computervermittelte Interaktion koordiniert werden. Ein Beispiel dafür ist das bislang wenig untersuchte Phänomen, dass die Mobilität trotz der Möglichkeit zur Fernkommunikation (Email, Videokonferenzen etc.) stetig ansteigt. Offenbar müssen soziale Bindungen gerade auch in deterritorial agierenden Unternehmen fortwährend über persönliche Begegnungen bestätigt und verstärkt werden (vgl. etwa Urry 2003; Frohnen 2005). 3. Ein weiteres Untersuchungsfeld sind Welttreffen, die in den letzten Jahren und unter gesteigerter medialer Beobachtung in praktisch allen Funktionssystemen zu beobachten sind (vgl. etwa Lechner/Boli 2005). Beispiele dafür sind etwa UN-Weltkonferenzen, Weltmessen, internationale Sportveranstaltungen oder auch die Sozialforen der Anti-Globalisierungsbewegung. Von globalen Mikrostrukturen unterscheiden sich Welttreffen vor allem darin, dass sie in vielen Fällen organisatorisch auf Dauer gestellt und als Großereignisse inszeniert sind, über die die Vorstellung einer „Weltgemeinschaft“ weltweit beobachtbar gemacht wird. Damit liefern Welttreffen nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Herstellung, sondern auch zur Darstellung von Globalität und bringen damit die Vorstellung der Einheit des globalen Zusammenhangs anschaulich zum Ausdruck.
Forschungsschwerpunkt 2: Organisationen und Netzwerke als Formen der Herstellung von Globalität
Organisationen und Netzwerke spielen zwar in der Globalisierungsforschung eine prominente Rolle, es gibt bislang aber erst wenige Studien, die untersuchen, wie Organisationen und Netzwerke bei der Herstellung und Reproduktion globaler Strukturen zusammenwirken. Diese Frage steht im Mittelpunkt des zweiten Forschungsschwerpunkts. Im Einzelnen geht es darum zu untersuchen, unter welchen Bedingungen Organisationen auf Netzwerkbildung zurückgreifen und wann und auf welche Weise sich Netzwerke „organisieren“, um globale Reichweite zu erlangen. Wir gehen dabei von der Annahme aus, dass es sich um zwei distinkte Sozialformen handelt, deren Unterschied vor allem darin besteht, dass Organisationen auf einem Primat der Sachdimension beruhen und insofern eine universalistische Dimension haben, während Netzwerke ihren Ausgangspunkt an partikularen Personenkonstellationen nehmen und folglich anderen Stabilisierungsbedingungen unterliegen (vgl. Bommes/Tacke 2006). Der Forschungsschwerpunkt „Organisation und Netzwerk“ orientiert sich an drei Leitfragen: 1. Ausgehend von der differenzierungstheoretischen Perspektive des Graduiertenkollegs soll untersucht werden, welche relative Bedeutung Netzwerke resp. Organisationen in den einzelnen Funktionsbereichen haben und was der Grund dafür ist, dass sich z.B. Globalisierung in der Wirtschaft vornehmlich über Organisation vollzieht, während in der Wissenschaft Netzwerke, nicht Organisationen die primären Träger der Erzeugung und der globalen Diffusion von Wissen sind. 2. Eine zweite Frage bezieht sich auf die Bedeutung, die Netzwerkbildung bzw. Organisation für die Herausbildung von globalen Strukturen besitzen, die quer zu den Funktionsbereichen liegen und heterogene Aspekte miteinander verbinden. Hier ist z.B. an transnationale Migrantengemeinschaften zu denken oder auch an Global Public Private Partnerships (GPPP) in Bereichen wie Gesundheit, Umwelt und Menschenrechten. 3. Schließlich soll aus einer historischen Perspektive rekonstruiert werden, wie sich das „going global“ einzelner Organisationen und Netzwerke konkret vollzieht und inwieweit es in diesem Prozess zu einer Verlagerung von organisations- auf netzwerkförmige Strukturen kommt und vice versa.
Forschungsschwerpunkt 3: Repräsentationsformen des Globalen
Die Herausbildung globaler Zusammenhänge ist nicht nur ein strukturelles Phänomen, sondern von der Vorstellung begleitet, dass eine umfassende soziale Welt entstanden ist, die allen gemeinsame Rahmenbedingungen vorgibt (vgl. etwa Robertson 1992: 78). Die Untersuchung des Wandels solcher globalen Einheitsmodelle und der Formen ihrer (textlichen, ikonischen oder statistischen) Repräsentation bildet den dritten Forschungsschwerpunkt des Kollegs. Als „globale Einheitssemantiken“ bezeichnen wir Deutungsmodelle, die weltweite Gemeinsamkeiten konstruieren und alternative Deutungen bis zu einem gewissen Grade ausschließen. Demgegenüber formulieren globale Differenzsemantiken Einheitsvisionen, die zwar ebenfalls globale Reichweite beanspruchen, aber durch alternative Modelle infrage gestellt werden. Der Forschungsschwerpunkt „Repräsentationsformen des Globalen“ orientiert sich an folgenden Leitfragen: 1. Unter welchen Bedingungen entwickeln sich globale Einheitssemantiken, auf welche Weise gelingt es, ihnen weltweite Akzeptanz zu verschaffen, und aus welchen Gründen werden sie wieder infrage gestellt? Ein prominentes Beispiel ist das Entwicklungsmodell, das zum ersten Mal alle Regionen der Welt in einen globalen Vergleichszusammenhang brachte und Einheit über das gemeinsame Ziel der Modernisierung definierte. Trotz konfligierender Auffassungen, wie dieses Ziel zu erreichen sei, wurde „Entwicklung“ für eine bestimmte Zeit zu einem „master-frame“, der alternative Deutungsvarianten verdrängte (vgl. etwa Escobar 1995). Heute ist es die Menschenrechtssemantik, die eine Einheitsvision mit ähnlich realitätsmächtigem Charakter formuliert und die Deutung des globalen Zusammenhangs in Termini struktureller Ungleichheit bis zu einem gewissen Grade verdrängt. 2. Auf welche strukturellen Konstellationen reagieren globale Semantiken und unter welchen Bedingungen entwickeln sich konkurrierende Differenzsemantiken in Richtung eines eigendynamischen Konfliktsystems, wie es z.B. in Huntingtons (1993) prominenter Formel „Kampf der Kulturen“ zum Ausdruck kommt? In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, inwieweit sich Semantiken aus peripheren Weltregionen auf globaler Ebene überhaupt durchsetzen können und in welcher Form. 3. Globale Semantiken konstruieren einen globalen Vergleichszusammenhang mit der Folge, dass Phänomene, die ursprünglich nicht in Beziehung gesetzt wurden, anhand gemeinsamer Standards – Entwicklung, Menschenrechte, Rechtgläubigkeit – beurteilt und kommensurabel gemacht werden (Espeland/Stevens 1998). Daran lässt sich die Frage anschließen, ob die Durchsetzung von globalen Einheitssemantiken zu einer verstärkten Homogenisierung führt, wie es etwa die neo-institutionalistische Weltgesellschaftstheorie mit ihrem Begriff der „strukturellen Isomorphie“ postuliert (vgl. etwa Meyer et al. 2005). Oder ob gerade umgekehrt eine zunehmende Heterogenisierung zu beobachten ist, indem die Durchsetzung weltweit akzeptierter Vergleichskriterien Unterschiede erst sichtbar und legitim macht (Stichweh 2004; Werron 2005).
Eine ungekürzte Version des Forschungsprogramms ist hier erhältlich.
Und hier können Sie die Literaturliste zum Forschungsprogramm herunterladen.



