Religion und soziale Ungleichheit -- Pfingstbewegung
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Forschungsprojekt:

Religiöser Glaube und soziale Präsenz: Die Pfingstbewegung und andere religiöse Akteure in Guatemala und Nicaragua

Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts entwickelte sich das „enthusiastische Christentum“, wie Hollenweger es gennant hat, in der globalen Perspektive zur einflussreichsten religiösen Bewegung überhaupt. Mehr noch als der Islam verstand es das enthusiastische Christentum, religiöse Stile zu bestimmen und – vor allem in Ländern der Dritten Welt sowie den USA – politischen Einfluss auszuüben. In der Verdrängung einiger der Grundüberzeugungen der Aufklärung verschob sich der Schwerpunkt der christilichen Welt in Richtung auf die südliche Hemisphäre, und vor allem nach Lateinamerika, als dem Zentrum des „Neuen Christentums“ (Jenkins). Im Umfeld von starker sozialer Ungleichheit, schwachen Regierungen, Gewalt und Unsicherheit fanden der Nachdruck, den die Pfingstbewegung auf den Heiligen Geist legt, ihr umfänglicher Gebrauch von Dämonenaustreibungen und Segnungsritualen, sowie ihre apokalyptischen Glaubensinhalte einen fruchtbaren Boden, in dem die soziale und politische Bedeutung pfingstkirchlicher Akteure gedieh. Die transnationalen Netzwerke der Pfingstbewegung wirkten in dieselbe Richtung.

Das Projekt zu den "Religiösen Identitätspolitiken der Pfingstbewegung", das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, zielt auf eine Beschreibung der Transformationen der religiösen und politischen Felder ab, an denen die Pfingstbewegung teilhat. Im Rahmen des Projekts wird Feldforschung in Guatemala und Nicaragua durchgeführt, zwei zentralamerikanischen Ländern mit einer Geschichte die zwar verknüpft ist, die beiden Länder jedoch in zentralen Punkten auch voneinander unterscheidet. Guatemala gehört zudem gegenwärtig weltweit zu den Ländern mit den höchsten Indikatoren endemischer Gewalt. Indem es Guatemala und Nicaragua in eine vergleichende Perspektive setzt, zielt das Projekt auf ein Verständnis der Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser zwei sehr dynamischen religiösen Felder ab. Die Pfingstbewegung ist in beiden Fällen einer der Hauptfaktoren sozialer Transformationen und politischer Prozesse, welche die beiden Länder dennoch in recht unterschiedliche Richtungen führen. Das Projekt fragt außerdem nach den Effekten emergenter religiöser Identitäten und Strategien in der transnationalen Dimension, besonders dort wo sie mit der zunehmenden regionalen Integration sowie der der amerikanischen Subkontinente in Verbindung stehen.

Die methodischen Werkzeuge zur soziologischen Analyse von Religion, die in diesem Forschungsprojekt verwendet werden, stammen aus der Arbeit Heinrich Schäfers und fußen auf Pierre Bourdieus praxeologischem Ansatz. Die „Habitusanalyse“ bezieht die Dynamiken von Feldern und sozialem Raum konstitutiv mit ein und wurde in ausführlicher Feldforschung in beiden lateinamerikanischen Ländern seit den 1980er Jahren entwickelt. Dann wurde es in verschiedenen Projekten unseres Forschungsteam bei CIRRuS getestet. Die Methode erlaubt es, Verknüpfungen zwischen der objektiven Stellung religiöser Akteure in einem (nationalen oder transnationalen) sozialen Raum und ihrer subjektiven religiösen Identität zu beschreiben und dadurch ihre religiöse Praxis und, wenn man so will, „Theologie im Kontext“ zu erklären. Es ist dabei möglich, Zusammenhänge zwischen sozialer Kompetenz, politischer Praxis und transnationalen Netwerken auf der einen und den spezifischen religiösen Inhalten und Praktiken differenzierter pfingstkirchlicher Gruppen auf der anderen Seite zu verorten.

Das Projekt generiert erstens grundlegende und weitreichende empirische Einsichten bezüglich einer in ständigem Wechsel begriffenen religiösen Bewegung, die ausführlich zur Beziehung zwischen Religion und Spätmoderne spricht. Zweitens stellt das Projekt eine solide empirische Basis für die Theorieentwicklung im Bereich der praxeologischen Religionssoziologie zur Verfügung. Gemeinsam mit Heinrich Schäfers früherer Forschung wird das Projekt drittens umfangreiches methodologisch kontrolliertes Datenmaterial produzieren, welches eine ebenso vorzügliche wie seltene Gelegenheit der vergleichenden Sozialforschung in der diachronen Dimension bereitet.

Team / Kooperationen

Leitung:
Heinrich Schäfer

Forscher:
Tobias Reu
Adrián Tovar

Forschungskooperation:
ZiF Forschungsgruppe „E pluribus unum?“


Publikationen

Schäfer: „Art: Protestantismus in Lateinamerika, 19. und 20. Jahrhundert”. In: Gesellschaft für Überseegeschichte (ed.): Lexikon Außereuropäische Geschichte. 2012 (forthcoming)

Schäfer: „Religión e (in-)dependencia de América Latina: los actores religiosos transnacionales entre 1810 y 2010.“ In: Barbara Potthast/Peter Birle (ed.): Wie (un)abhängig ist Lateinamerika? Die Region im globalen Kontext, 1810-2010. Frankfurt: Vervuert, 2011.

Schäfer: „Identity politics and the political field – a theoretical approach to modelling a ‘field of identity politics’”. In: Josef Raab, Sebastian Thies, Olaf Kaltmeier (ed.): Ethnicities under Construction: Inter-American Perspectives on Identity Politics. 2011. As pre-print (2009): (http://www.uni-bielefeld.de/theologie/forschung/religionsforschung/publikationen/index.html)

Schäfer: „Notizen zu religiöser Transnationalisierung – Lateinamerika“. Soeffner, Hans-Georg (ed.): Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen des 35. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010. Wiesbaden: VS Verlag, 2011 (forthcoming)

Schäfer: „Religion in der konfliktiven Moderne Lateinamerikas.“ In: Norbert Briesekorn et al. (ed.): Religion und die umstrittene Moderne. Stuttgart: Kohlhammer 2010: 89-113 (Religion within Latin American conflictive modernity).

Schäfer: Zur Theorie von kollektiver Identität und Habitus am Beispiel sozialer Bewegungen. Eine Theoriestudie auf der Grundlage einer interkulturellen Untersuchung zweier religiöser Bewegungen. Berlin: Humboldt Universität, 2003 (Mikrofiche), 497 S.

Schäfer: Protestantismus in Zentralamerika. Christliches Zeugnis im Spannungsfeld von US amerikanischem Fundamentalismus, Unterdrückung und Wiederbelebung >indianischer= Kultur. Frankfurt: Lang, 1992. [download PDF]

Schäfer: Church Identity Between Repression and Liberation: The Presybterian Church in Guatemala. Geneva: World Alliance of Reformed Churches, 1990.

Schäfer: „Modernisierung und Identitätskonstruktion: Zum Protestantismus in Zentralamerika (1980 bis heute).” In: Sabine Kurtenbach/Werner Mackenbach/Günther Maihold/Volker Wünderich (Hg.): Zentralamerika heute. Frankfurt 2008. [download PDF]

Schäfer: „‚Die‘ Pfingstbewegung in Lateinamerika…? Zur Untersuchung des Verhältnisses zwischen religiöser Praxis und gesellschaftlichen Strukturen.“ In: Zeitschrift für Religionswissenschaft, 14, 2006, S. 52-83. [download PDF]

 

Forschungsbereiche