
Spätestens seit Max Webers Ausführungen über “Stände, Klassen und Religion” ist es klar, dass die soziale Position von Menschen und ihre religiösen Dispositionen in einem engen Zusammenhang zueinander stehen. Das ist nicht nur im Rahmen von nationalen Gesellschaften der Fall, sondern schlägt sich auch in unterschiedlichen Strategien im Umgang mit Transnationalisierung und Globalisierung nieder. Besonders deutlich werden diese Zusammenhänge heute an der Pfingstbewegung in der Dritten Welt – der derzeit dynamischsten religiösen Bewegung überhaupt.Verschiedene Projekte über die Pfingstbewegung leuchten insbesondere den Zusammenhang zwischen sozialer Position und religiösen Dispositionen aus, um auf diese Weise die religiöse und gesellschaftliche Bedeutung, die Identitätspolitiken und Transnationalisierungsstrategien religiöser Akteure in den sich transformierenden Gesellschaften der Dritten Welt besser zu verstehen. Impulse für die systematische Theologie finden sich für Fundamentaltheologie und Hermeneutik in der Konfrontation mit radikal anderen Ansätzen des Theologietreibens und der inhaltlichen Ausrichtung von Theologie; für die Dogmatik in der pfingstkirchlichen Pneumatologie; und für die Ethik in der Reflexion von globaler und lokaler Ungleichheit als Frage der Gerechtigkeit u.a. im Kontext der Überlegungen zu einem methodologisch-kommunitarischen Ethikansatz sowie dem capability-Ansatz.
- Religiöse Identitätspolitiken der Pfingstbewegung
Das „enthusiastische Christentum“ (Hollenweger) ist im zwanzigsten Jahrhundert – noch jenseits des Islamismus – zur wichtigsten religiösen Bewegung weltweit geworden. Es hat den Schwerpunkt des Christentums – unter Absehung von der Tradition der Aufklärung – in die „Dritte Welt“ verschoben (Jenkins), zunächst vor allem nach Lateinamerika. Die soziale und politische Relevanz der Pfingstbewegung, ihrer Geistorientierung, ihrer Exorzismen und Segnungsrituale sowie ihrer Apokalyptik nimmt bei starker sozialer Ungleichheit, schwacher Staatlichkeit, sozialer Gewalt etc. rapide zu, ebenso wie die transnationale Vernetzung der Bewegung in lockeren identitätsbasierten Netzwerken.
Dieses nun von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt ist das erste von zwei Teilprojekten. Ziel im ersten Teilprojekt ist eine synchron vergleichende empirische Erforschung der Bewegung in zwei religiös sehr dynamischen, aber höchst unterschiedlichen Ländern: Guatemala und Nicaragua. In zweiten soll ein diachroner Vergleich mit empirischen Forschungsergebnissen des Projektleiters von 1985/86 aus diesen Ländern vorgenommen werden. Die älteren wie die aktuellen Forschungen bauen auf einer in Anschluss an Bourdieu von Heinrich Wilhelm Schäfer entwickelten Methode der Religionsanalyse auf. Sie beschreibt und erklärt den Zusammenhang zwischen der objektiven Stellung religiöser Akteure im (nationalen und transnationalen) Sozialraum und ihren subjektiven religiösen Identitäten – ihrer „Theologie im Kontext“. Auf dieser Grundlage können spezifische Befähigungen, politisches Handeln, transnationale Kompetenzbildung usw. in den Zusammenhang mit religiösen Überzeugungen spezifischer Gruppierungen der Pfingstbewegung gestellt werden. Der Ertrag des Gesamtprojekts liegt somit in empirischen Kenntnissen religiöser Praxis der aktuellen Pfingstbewegung, in einem methodisch kontrollierten diachronen Vergleich über 25 Jahre sowie in einem bedeuntenden Schritt hin zu einer mehrfach getesteten Religionstheorie und Forschungsmethodik.
Forscher: Tobias Reu, Adrián Tovar
- Argentinien: Religiöser Geschmack, religiöser Wechsel und Sozialstruktur
Entgegen den Annahmen von Theorien religiöser Individualisierung sind Entscheidungen über den religiösen Wechsel nicht unabhängig von sozialstrukturell bedingten Prägungen des religiösen Geschmacks der Akteure. Sowohl Faktoren der sozialräumlichen Positionierung (Klassenhabitus) als auch Dynamiken des religiösen Feldes selbst (Heterodoxie vs. Orthodoxie, Erosion religiöser Monopole) üben Einfluss auf Entscheidungen von Individuen zum Wechsel der religiösen Zugehörigkeit aus und treten somit als Orientierungen und Begrenzungen religiöser Status-Strategien auf. Das Promotionsprojekt untersucht diese Fragen am Beispiel katholischer und pfingstlicher Christen im urbanen Großraum von Buenos Aires.
Forscher: Jens Köhrsen
- Pfingstbewegung weltweit und Religion in Lateinamerika: Bertelsmann Religionsmonitor
Im Rahmen der quantitativen Umfrage über Religiosität in 21 Ländern wurden von uns die Arbeitsbereiche Pfingstbewegung und Lateinamerika betreut. Wenngleich der Monitor keine sozialstrukturellen Variablen berücksichtigt hat, lassen sich anhand der Daten über religiöse Praxis interessante Analysen über religiösen Habitus und die Transformationen des religiösen Feldes machen.
Forscher: Heinrich Schäfer
- Faith, Identity and Community in the Mega-city: religious diversity under conditions of relative social homogeneity in the ward 'el Ajusco', Mexico-city.
The project analyses different religious groups - Pentecostal, Catholic and others - in a highly homogeneous urban space. It combines Habitus-analysis with ethnographic observation of the studied religious groups and theoretical elements from urban sociology and analysis of urban space. It concentrates on three main research-axes: religious diversity under conditions of relative social homogeneity, transversality of religious styles (forms of believing across forms of belonging) and the relation between religious identity and urban spaciality.
Forscher: Adrián Tovar Simoncic
Abgeschlossen:


- E pluribus unum? – Identitätspolitiken in den Amerikas: ZiF Forschungsgruppe
Aus dem Kontext der Bielefelder InterAmerikanischen Studien, mit denen wir in der Lehre kooperieren [Lateinamerika-Seminar WS 08/09], entstand die Forschungsgruppe „E pluribus unum?“ am Zentrum für Interdisziplinäre Forschung. Gegenstand der Untersuchungen sind partikulare, lokale und sich transnationalisierende identitätsbasierten Strategien sozialer Bewegungen und kulturelle Einzelakteure, die sich parallel zur stark zunehmenden transnationalen Vernetzung zwischen Nord- und Südamerika artikulieren. Neben ethnischen spielen religiöse Identitätspolitiken eine zunehmend wichtige Rolle. Das zentrale methodische Interesse unserer Kooperation liegt in der methodischen und theoretischen Weiterentwicklung des bourdieuschen Feldbegriffs im Blick auf die Konzeptualisierung eines „identitätspolitischen Feldes“.
Associated Fellows: Heinrich Schäfer, Adrián Tovar