Die Bielefelder kulturvergleichende Forschung über Dekonversion

Das Projekt wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Leitfrage

Die Bielefelder kulturvergleichende Studie über Dekonversion hat Trennungs- und Ablösungsprozesse aus einer Vielfalt von religiösen Orientierungen und Mitgliedschaften in den U.S.A. und Deutschland in den Blick genommen: vom Austritt aus etablierten Mainstream-Religionsgemeinschaften bis hin zum Ausstieg aus kleineren neu-religiösen und fundamentalistischen Gruppen. Von 2002 bis 2005 wurden insgesamt 1.196 Versuchspersonen interviewt. Im Zentrum der Studie stehen ca. 100 Dekonversionsgeschichten (je 50% aus den U.S.A. und aus Deutschland).

Zielperspektive des Forschungsprojekts war die Analyse der Vielfalt der Biographieverläufe von Dekonvertierten aus einem möglichst breiten Spektrum von religiösen Organisationen und Gruppen in den U.S.A. und der Bundesrepublik Deutschland mit besonderer Fokussierung auf Persönlichkeitsfaktoren, Motivationslagen, Einstellungen, psychisches Wohlbefinden und Wachstum, sowie auf biographische Folgen und Prozesse religiöser Entwicklung (faith development), die mit der Dekonversion einhergehen. Leitende Forschungsfragen waren somit: Was bedeutet Dekonversion als wichtige biographische Veränderung und womit steht sie in Zusammenhang? Führt sie zu seelischem Wachstum, Wohlbefinden? Wird religiöse Entwicklung dadurch befördert? Gehen Krisen damit einher? Bedarf es professioneller Hilfe?

Methode

Das Untersuchungsdesign sah narrative Interviews und Faith-Development-Interviews sowie einen Fragebogen, und damit im Evaluationsprozess eine Triangulierung von qualitativen und quantitativen Instrumenten, vor. Die Dekonvertit*innen wurden nach dem Prinzip des maximalen Kontrasts ausgewählt (theoretic sampling). Die Analyse qualitativer Daten, d.h. von (narrativen) Interviews mit Dekonvertit*innen, bildet den Kern des Forschungsprojekts; die quantitativen Daten dienen in diesem Auswertungsgang vor allem der Profilierung der Dekonversionsgeschichten.

Der Fragebogen wurde nicht nur von den Dekonvertierten ausgefüllt, sondern (mit dem Ziel der kontrastiven Abbildung der Dekonversionserfahrungen vor dem Hintergrund der Milieus) auch von 1.067 Mitgliedern (intradition members) jener religiösen Organisation ausgefüllt, die die Dekonvertit*innen verlassen hatten. Er umfasste außer demographischen Angaben und Fragen nach der „spirituellen“ vs. religiösen Selbsteinschätzung die sog. Big Five Persönlichkeitsfaktoren (NEO-FFI), die Ryff Scale of Psychological Well-Being and Growth, die Religious Fundamentalism Scale und die Right-Wing Authoritarianism Scale. Mit allen Dekonvertierten führten wir ein narratives Interview mit der Ausgangsfrage „Erzählen Sie uns, wie es dazu gekommen ist, dass Sie Ihre religiöse Gemeinschaft verlassen haben.“ Ein Faith Development Interview wurde sowohl mit den 100 Dekonvertit*innen, als auch mit 177 intradition members, also mit insgesamt 277 Versuchspersonen geführt.

Ergebnisse

Aus der Analyse der narrativen Interviews mit den Dekonvertit*innen haben sich vier Typen von Dekonversions-Biographieverläufen herauskristallisiert.

  • Der erste Typ – den wir „Pursuit of Autonomy“ nennen – strebt, typischerweise im jungen Erwachsenenalter, nach Autonomie, aus einer als einengend empfundenen Religiosität der Herkunftsfamilie in die Freiheit selbständigen Denkens und säkularer Identität.
  • „Barred from Paradise“ – ist der meist hochdramatische Ausstieg aus einer (neu-) religiösen Gruppe, der so schmerzlich wie der Verlust eines Paradieses erlebt werden kann. Die erheblichen Anforderungen an die psychische Verarbeitung lassen dann kaum neues Interesse an Religion aufkommen.
  • Der dritte Typ – „Finding a New Frame of Reference“, bei dem der Abschied von der als unbefriedigend empfundenen Religion der Herkunftsfamilie (in Deutschland ist dies typischerweise die evangelische oder katholische Kirche) mit der Zuwendung zu einer intensiven, evangelikalen oder fundamentalistischen Religiosität, die dem Leben Halt und Sinn gibt, verbunden ist.
  • Schließlich unterscheidet sich von allen anderen der Typ der lebenslangen spirituellen Suche. Dabei werden verschiedene religiöse Angebote ernsthaft ausprobiert und dann, etwa im höheren Erwachsenenalter, eine Revision einer religiösen Mitgliedschaft erwogen, in der Erwartung, dass die spirituelle Suche an einem Ziel ankommt – „Life-Long Quests and Late Revisions“.

Zusammengenommen haben zwei Drittel der von uns untersuchten Dekonvertierten (U.S.A.: 66%; BRD: 59%) das Feld religiöser Organisationen verlassen und sind keine neue religiöse Mitgliedschaft mehr eingegangen. Aus dieser Gruppe von Dekonvertierten geben 36% (U.S.A.), bzw. 59% (Bundesrepublik) an, ohne Religion zu leben (secular exit), jedoch pflegen mehr als ein Drittel (BRD: 38%, U.S.A. 40%) weiterhin ihre Religiosität, aber nur im Privaten (privatizing exit), und ein weiterer Teil (U.S.A.: 24%; BRD: 3%) der Dekonvertit*innen wendet sich einer oder mehreren neuen religiösen Orientierung ohne Mitgliedschaftsstruktur zu (heretical exit). Dekonversion bedeutet in vielen Fällen eben nicht, „den Glauben verlieren“ oder religionslos zu werden. Vielmehr bewegt sich etwa ein Drittel in das nicht organisierte Segment des religiösen Feldes.

Erstaunlich viele Mitglieder religiöser Organisationen (U.S.A. 37%; BRD 18.3%) gaben an, „mehr spirituell als religiös“ zu sein. Besonders überraschend war jedoch die große Anzahl „mehr spirituell als religiöser“ Selbsteinschätzungen bei Dekonvertierten (U.S.A. 63.6%; BRD 36.5%). Diese Ergebnisse legen nicht nur einen blinden Fleck der Religionsforschung offen, soweit diese nach nichts weiter als nach ‚Religion‘ oder ‚Kirchenmitgliedschaft‘ gefragt hat. Die sehr erstaunlich hohen Werte für die „Spiritualität“ der Dekonvertierten werfen auch neues Licht auf die Dekonversion: Offensichtlich ist die Abwendung von einer Religion für sehr viele Menschen mit einer Suche nach Spiritualität verbunden, die anders keinen Raum zur Entfaltung hatte.

Als gemeinsame Charakteristika und Prädiktoren für Dekonversion haben sich aus der Analyse der Fragebögen für beide Kulturen herauskristallisiert: Offenheit für Erfahrung als Persönlichkeitsmerkmal (Big Five), Streben nach Autonomie und persönlichem Wachstum (Ryff Scale) und niedrigere Werte auf der Skala zur Messung von Religiösem Fundamentalismus; die Evaluation der ergab für Dekonvertierte in der Regel höhere Glaubensstufen.

Als „Schattenseite“ der Dekonversion haben sich bei Dekonvertit*innen in Deutschland Anzeichen einer (milden) Krise in Bezug auf das Verhältnis zu sich selbst (Emotionale Stabilität, Selbstakzeptanz), zu anderen Menschen (Positive Beziehung zu anderen, Extraversion) und die Fähigkeit der Alltagsbewältigung herausgestellt. Dies sind Anzeichen eines Unterschieds im Kulturvergleich: In den Vereinigten Staaten ist die religiöse Landschaft anders strukturiert als in Deutschland. Es gibt ein vielfältiges Angebot an Gemeinschaften. Dekonvertierte finden leicht wieder Anschluss.

Streib, H., Hood, R. W., Keller, B., Csöff, R.-M., & Silver, C. (2009). Deconversion. Qualitative and Quantitative Results from Cross-Cultural Research in Germany and the United States of America. Research in Contemporary Religion; 5, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

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