Xenosophie und Religion in Deutschland

Die Ergebnisse werden ausführlich präsentiert in der Buchveröffentlichung, die aus diesem Projekt entstanden ist:

Streib, H. & Klein, C. (Eds.) (2018). Xenosophia and Religion: Biographical and Statistical Paths for a Culture of Welcome . Cham, Heidelberg, New York, Dordrecht, London: Springer International Publishing Switzerland.

Das Projekt wurde gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Leitfragen

Das Projekt untersuchte über Befragungsmethoden sowie mit experimentellen Verfahren xenophobische und xenosophische Einstellungen gegenüber dem Fremden und den fremden Menschen. Besonders aktuell wurde die Frage der Willkommenskultur gegenüber Geflüchteten, die im Untersuchungszeitraum zahlreich in Europa und in Deutschland ankamen. Zentral für die Untersuchung waren die psychologischen, soziologischen und biographischen Kontexte der Einstellungen gegenüber dem Fremden und den fremden Menschen. Die zentrale Frage war darum, was sich aus den quantitativ und qualitativ erhobenen Korrelaten und Prädiktoren, z. B. aus Werthaltungen oder der Zentralität der Religiosität, für die Einstellungen zu dem Fremden und den fremden religiösen Traditionen als Outcomes ableiten lässt. Religiöse Schemata wurden dabei als Mediatoren der Einstellungen modelliert. Aus dem Gesamtsample wurden 27 Personen ausgewählt, um an einem ausführlichen Interview teilzunehmen.

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Xenosophische Einstellungen

In genereller Übereinstimmung mit Bernhard Waldenfels (1990; 1997a; 1997b; 1999) nennt Nakamura (2000) die Assimilation des Fremden Exotismus, und kritisiert diesen als Ersetzung des ‚erfahrenen Fremden’ mit einem ‚inszenierten Fremden’, als ‚Ersetzung von Fremdheit mit Andersheit’. Xenosophie hingegen beschreibt einen Prozess, der sich nicht gegen die Herausforderung des Fremden abschottet, vielmehr die Offenheit für das Unerwartete bewahrt. Xenosophie besteht darin, das Paradox und die offenen Fragen, ja den Stachel des Fremden auszuhalten. Xenosophie lässt sich ein auf die Begegnung mit dem Fremden und gewinnt daraus Kreativität und Weisheit.

Methode

Quantitative Daten wurden in einem Fragebogen mit etablierten psychometrischen Instrumenten erhoben, welche auf das ganze Sample ( N = 1,534 ) angewandt wurden. Der Fragebogen beinhaltete verschiedene Messinstrumente für Religiosität, darunter Skalen für religiöse Zugehörigkeit, eine Skala für die Zentralität von Religiosität ( centrality of religiosity ), Skalen für Fundamentalismus und Pluralismus, für religiöse Schemata (RSS; Streib, Hood & Klein, 2010), und eine Anzahl an einzelnen Items, die nach der Selbstbeschreibung als religiös, spirituell oder atheistisch fragen. Die Religious Schema Scale verdient besondere Aufmerksamkeit, da wir annahmen, dass der Stil, in dem religiöse Vorstellungen, Gefühle und Erfahrungen verstanden und verarbeitet werden, entscheidend für die Art und Weise ist, wie Religiosität die Einstellungen beeinflusst: entweder auf eine dem „Fremden“ gegenüber mehr tolerante, interessierte und akzeptierende Richtung, oder auf eine eher vorurteilsbeladene und abwertende Weise. Weitere Messinstrumente wurden angewandt um Zugang zu Werten und Einstellungen wie Komplexitätstoleranz ( tolerance of complexity ) oder gewaltlegitimierenden Männlichkeitsnormen ( violence-legitimizing norms of masculinity ) zu erhalten. Ein einzelnes weiteres Item fragte nach allgemeiner politischer Orientierung (links-rechts). Mit einer Auswahl an etablierten Messinstrumenten wurden Einstellungen gegenüber bestimmten Gruppen wir zum Beispiel Juden, Christen, Muslime, Ausländer, Flüchtlinge, Schwarze, Homosexuellen und Frauen erhoben. Ein weiterer Aspekt unserer quantitativen Daten beinhaltete eine Reihe von Single-Category Implicit Association Tests (SC-IATs), in der die impliziten Einstellungen gegenüber den drei abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, erfasst wurden. Die SC-IATs wurden durchgeführt mit einem Teilsample von n = 272 Personen, im Umfeld der Stadt und Universität Bielefeld.

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Religiöse Schemata

Zur empirischen Analyse von religiösen Schemata hatten wir die Religious Schema Scale (RSS) entwickelt und validiert. Diese hat einen eindeutigen Schwerpunkt auf inter-religiösen Einstellungen. Eines der drei Schemata der Skala trägt den Namen xenosophia/inter-religious dialog (xenos) und besteht aus fünf Items: „Wir können voneinander lernen, welche letzte Wahrheit jede Religion enthält“; „Wir müssen über die konfessionellen und religiösen Unterschiede hinausschauen, um die letzte Wirklichkeit zu finden“; „Wenn ich eine Entscheidung treffe, bin ich offen für widersprechende Vorschläge aus verschiedenen Quellen und philosophischen Standpunkten“; „Religiöse Geschichten und Vorstellungen aus jeder Religion vereinen mich mit dem Universum“; „Die Wahrheit, die ich in anderen Weltanschauungen sehe, führt mich dahin, meine eigenen Ansichten zu überprüfen“. Zusammen mit den beiden anderen Schemata der RSS, truth of texts and teachings ( ttt ) und fairness, tolerance and rational choice ( ftr ) eröffnet die RSS den Blick auf inter-religiöse Einstellungen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse werden ausführlich präsentiert in der Buchveröffentlichung, die aus diesem Projekt entstanden ist:

Streib, H. & Klein, C. (Eds.) (2018). Xenosophia and Religion: Biographical and Statistical Paths for a Culture of Welcome . Cham, Heidelberg, New York, Dordrecht, London: Springer International Publishing Switzerland.

Um mit den qualitativen Ergebnissen zu beginnen: In unserer Studie wurden mit 27 Teilnehmenden Interviews geführt; mit Personen, die systematisch aus einem Fundus von 108 Teinehmenden, die im Fragebogen ihre Bereitschaft zur Teilnahme an einem Interview signalisiert hatten, ausgewählt wurden. Basierend auf einem Rahmenkonzept für die Erstellung einer Typologie schließlich wurden die Teilnehmer*innen ausgewählt, deren Entwicklung zur Xenosophie in Fallstudien dargestellt wurde. Diese vier Fälle illustrieren unsere Typologie von biographischen Wegen zur Xenosophie. Im Buch sind sie in den Kapiteln 11 bis 14 präsentiert. Als Ergebnis der Interview-Befragung stellen wir unter folgendem Link exemplarisch eine Fallstudie vor: Nina F

In den statistischen Analysen wurde deutlich, dass die Einstellungen zum Fremden durch die Religiosität per se nur wenig erklärt werden, wenn man Religiosität allein an der Häufigkeit von Gottesdienstbesuch, Gebet oder an religiöser Erfahrung, der Stärke des Glaubens an Gott oder an der Beschäftigung mit religiösen Themen festmacht. Die Trennlinien verlaufen mitten durch die Religion selbst: zwischen einer Religion, die auf die eigene Kultur, die eigene Gruppe, die eigene Familie und Familienehre bezogen ist, einerseits und einer Religion, die offen ist für Komplexität und Dialog, andererseits. Die Trennlinien verlaufen, wie wir sagen, zwischen verschiedenen religiösen Schemata. Mit der Religious Schema Scale (RSS, Streib, Hood, & Klein, 2010) kann dies gemessen werden; denn die RSS unterscheidet drei religiöse Schemata: 1. truth of texts and teachings (ttt) , 2. fairness, tolerance and rational choice (ftr) und 3. xenosophia/inter-religious dialog (xenos) .

In Strukturgleichungsmodellen konnte gezeigt werden, dass die religiösen Schemata und die Männlichkeitsnormen die stärksten Effekte haben auf xenophobische Vorurteile und auf die Willkommenskultur.

Zusammenfassend kann man sagen: Während Fremdenfeindlichkeit, Xenophobie, vorangetrieben wird durch das Nicht-Ertragen-Können von Komplexität und durch hohe Zustimmungswerte zu den Männlichkeitsnormen, die teilweise durch Religion legitimiert werden, gedeihen Xenophilie und Willkommenskultur gegenüber Schutzsuchenden in einem Klima der Komplexitätstoleranz und der Offenheit für die Infragestellung durch das Fremde und die fremde Religion, kurz: in einer Haltung von Xenosophie.