Dekonversion und fundamentalistische Biographieverläufe
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Bielefelder kulturvergeichende Dekonversionsstudie

Zusammenfassung der drei wichtigsten quantitativen Ergebnisse

Grafik: Deconversion Trajectories

  1. Die verschiedenen Wege der Dekonvertiten wurden anhand einer Typologie identifiziert: secular exit (29 Fälle), Oppositional exit (8 Fälle), religious switching (13 Fälle), integrating exit (16 Fälle), privatizing exit (24 Fälle) und heretical exit (9 Fälle). Siehe auch die dazugehörige Graphik der Deconversion Trajectories. Zusammengenommen hatben haben zwei Drittel der Dekonvertiten (U.S.A.: 66%; Deutschland: 59%) das Feld religiöser Organisationen verlassen und sind keine neue religiöse Mitgliedschaft mehr eingegangen. Aus dieser Gruppe von Dekonvertiten geben 36% (U.S.A.), bzw. 59% (Bundesrepublik) an, ohne Religion zu leben (sedcular exit), jedoch pflegen mehr als ein Drittel (BRD: 38%, U.S.A. 40%) weiterhin ihre Religiosität, aber nur im Privaten (privatizing exit), und ein weiterer Teil (U.S.A.: 24%; BRD: 3%) der Dekonvertiten wendet sich einer oder mehreren neuen religiösen Orientierung ohne Mitgliedschaftssutrktur zu (heretical exit). Dekonversion bedeutet in vielen Fällen eben nicht, „den Glauben verlieren“ oder religionslos zu werden. Vielmehr bewegen sich etwa ein Drittel in das un-organisierte Segment des religiösen Feldes, wie diese Graphik veranschaulicht.

  2. Grafik: Distribution of Deconversion Trajectories in the Dynamics of the Religious Field

  3. Als gemeinsame Charakteristika und Prädiktoren für Dekonversion haben sich aus der Analyse der Fragebogen für beide Kulturen herauskristallisiert: Offenheit für Erfahrung als Persönlichkeitsmerkmal (Big Five), Streben nach Autonomie und persönlichem Wachstum (Ryff Scale), niedrigere Werte auf der Skala zur Messung von Religiösem Fundamentalismus sowie höhere Glaubensstufen (faith development). Als „Schattenseite“ der Dekonversion haben sich bei Dekonvertiten in Deutschland Anzeichen einer (milden) Krise in Bezug auf das Verhältnis zu sich selbst (Emotionale Stabilität, Selbstakzeptanz), zu anderen Menschen (Positive Beziehung zu anderen, Extraversion) und die Fähigkeit der Alltagsbewältigung gezeigt Abgesehen von Einzelfällen, lässt sich daraus jedoch nicht auf einen außergewöhnlichen Interventionsbedarf von Dekonvertiten schließen. Aber: Dies sind Anzeichen eines Unterschieds im Kulturvergleich. Die religiöse Landschaft der U.S.A. ist anders: Dekonvertiten finden leicht wieder Anschluß.

  4. Grafik: Spiritual/Religious Self-Identification

  5. Schließlich sei das Ergebnis der Studie erwähnt, das überrascht: Erstaunlich viele Mitglieder religiöser Organisationen (U.S.A.: 37%; Deutschland: 18.3%) geben an, „mehr spirituell als religiös“ zu sein. Dem geht unser neues Forschungsprojekt über Spiritualität genauer nach. Besonders überraschend ist eine doppelt (U.S.A.: 63.6%; BRD: 36.5%) höhere Anzahl „mehr spirituell als religiöser“ Selbsteinschätzungen bei Dekonvertiten (siehe auch die Balkengraphik). Diese Ergebnisse legen nicht nur einen blinden Fleck der Religionsforschung offen, soweit diese nichts weiter als 'Religion' oder 'Kirchenmitgliedschaft' im Blick hat. Die sehr erstaunlich hohen Werte für die Dekonvertiten werfen auch neues Licht auf die Dekonversion: offensichtlich ist die Abwendung von einer Religion für sehr viele Menschen mit einer Suche nach Spiritualität verbunden, die anders keinen Raum zur Entfaltung hatte. Im Hinblick auf offene Fragen zum Kirchenaustritt in Deutschland sind in einer weiteren Graphik nur die Intradition-Members und Dekonvertiten aus dem Feld der integrierten religiösen Organisationen, d.h. der mainline churches berechnet.

Diese Forschungsergebnisse sind von besonderer Relevanz für Beratung und Seelsorge, für Religionsunterricht und Öffentlichkeitsarbeit, nicht zuletzt aber auch für die Leitungsebene von Religionsgemeinschaften und Kirchen nicht unerheblich.

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