Biographische Kontexte

Biographische Kontexte der Selbstbezeichnung „spirituell“ wurden mit dem Faith development interview (FDI) untersucht. Dieses Interview deckt mit 25 Fragen vier Themenbereiche ab: 1) Lebensrückblick, 2) Beziehungen, 3) Werte und Verpflichtungen und 4) Religion und Weltanschauung. Es regt Interview-PartnerInnen an, ihre aktuelle religiöse, spirituelle oder weltanschauliche Orientierung zu beschreiben, ausgehend von der rückblickenden Betrachtung des eigenen Lebens. Neben reflektierenden Äußerungen enthalten die Interviews auch viele narrative und autobiographische Abschnitte. Dabei interessieren besonders dichte kleine Erzählungen, die die religiöse, spirituelle, oder weltanschauliche Identität der Befragten ansprechen. Mit seiner Verankerung in einem umfassenden Begriff von ‚faith‘ spricht das FDI auch säkulare Orientierungen oder Weltanschauungen an.

Structure of a Narrative According to Labov and Waletzky (1967)

Orientation

Provides background such as antecedents, place, time and persons

Complication

Central event that breaks with normality, elicits an emotion, defines a goal

Evaluation/Attempts to solve

Assessment of the situation / Attempts to return the situation to normal

Resolution

Successful or not successful result of attempts to solve complication / adjust evaluation

Coda

Signals end, leads back to the present

"In der formalsten und umfassendesten Weise, die mir möglich ist, läßt sich Glauben beschreiben als: Die entwickelten und sich entwickelnden Formen, in denen Menschen ihr Selbst, Andere und die Welt erfahren (wie sie sie konstruieren), als bezogen auf und beeinflußt von den letzten Bedingungen der Existenz (wie sie sie konstruieren), und in denen sie Zweck und Sinn sowie Vertrauen und Loyalitäten ihres Lebens gestalten im Licht des Charakters des Seins, des Wertes und der Macht, die die letzten Bedingungen der Existenz bestimmen (so wie sie in ihren operativen Bildern von ihnen - seien sie bewußt oder unbewußt - erfaßt sind)." "In der formalsten und umfassendesten Weise, die mir möglich ist, läßt sich Glauben beschreiben als: Die entwickelten und sich entwickelnden Formen, in denen Menschen ihr Selbst, Andere und die Welt erfahren (wie sie sie konstruieren), als bezogen auf und beeinflußt von den letzten Bedingungen der Existenz (wie sie sie konstruieren), und in denen sie Zweck und Sinn sowie Vertrauen und Loyalitäten ihres Lebens gestalten im Licht des Charakters des Seins, des Wertes und der Macht, die die letzten Bedingungen der Existenz bestimmen (so wie sie in ihren operativen Bildern von ihnen - seien sie bewußt oder unbewußt - erfaßt sind)." James W. Fowler: Stufen des Glaubens (1981), Gütersloh: Gütersloher Verlag 1991:112

In welche Lebensläufe, welche Entwicklungen, sind unterschiedliche Selbstbezeichnungen eingebettet? Wenn wir individuelle Lebenserzählungen in den Mittelpunkt stellen, ergeben sich folgende Einteilungsgesichtspunkte:

Vertrauen auf Gott, Glauben und Gemeinde

Hier finden wir Menschen, meist Christen, die ihr Leben lang der Religion ihrer Kindheit treu bleiben, die auf Gott, Glauben und Gemeinde vertrauen. Für Ella aus den USA z.B. ist „Spiritualität“ „das innere Glaubenssystem eines Menschen gegenüber einer höheren Macht“, und „Religion“ ist „die äußere Ausübung dieses inneren Glaubens gegenüber einer höheren Macht.“ Für sie gehören das innere Glaubenssystem und die äußere Ausübung zusammen. Reifer Glaube bedeutet für sie die Vertiefung ihres Glaubens. Für Ursula aus Deutschland bedeutet „Spiritualität“ das persönliche Erleben von Religion und ist damit der Religion untergeordnet. Religion ist für sie etwas, das in dieser Welt ist, und darüber hinaus und über die Dauer des irdischen Lebens hinaus wirkt. Für beide übersteigt die Beziehung zu Gott das Leben auf der Erde und überdauert es. Diesen Blick nach oben betrachten wir als Merkmal vertikaler Transzendenz.

Spiritualität ist Glauben erleben

Zusammenfassung

Es ist wohl lange so gewesen, dass, Luther hat immer gesagt mit Herz und Hand, ne mit Herz und Verstand, so ist das und lange war eben der Verstand, denke ich, im Vordergrund und das Herz ist so ein bisschen außen vor geblieben und ich glaube, das ändert sich im Moment und ich glaube auch, dass, dass der Bedarf dafür da ist und zwar in allen Altersklassen, denn ja, so Meditatives und so was, die Konfirmanden machen das auch gerne. Also die trauen sich nicht immer und finden das zu Anfang ein bisschen lächerlich und müssen zu Anfang lachen, aber letzten Endes machen sie das dann alle mit

Orientierung

und ich weiß, wir haben mal einen sehr schönen Gottesdienst gefeiert auf einer Freizeit mit Abendmahl, mit so einer Sache, wir hatten also vorher Hände ausgeschnitten und drauf geschrieben, was so alles schief gelaufen ist

Komplikation

und die haben wir dann da draußen verbrannt und wieder, war also sehr lang, es ging über anderthalb Stunden

Evaluation/Lösungsversuch

und hinterher kam einer von den größten Chaoten und sagte, ach das war aber schön und das war ja auch viel kürzer als sonst der Gottesdienst.

Resolution

Der geht sonst Dreiviertelstunde. Also, es ist irgendwie ein Bedarf da, finde ich, für das Spirituelle

Coda

und ich finde es auch sehr schön und sehr wichtig.

Tradition, Gemeinschaft und die Suche nach erfahrungsbasierter Empfänglichkeit

Die so Beschriebenen verstehen sich als religiös im Sinne einer Tradition, gehören einer Gemeinschaft an, sehen sich auf der Suche nach Symbolisierungen für etwas, das nicht leicht zu fassen oder zu beschreiben ist. Ihren jeweiligen Traditionen verpflichtet, suchen sie nach einem Glauben, der sich nicht mit einfachen Antworten auf existenzielle Fragen zufrieden gibt. Wir finden hier Hans, einen älteren katholischen Priester und Missionar, der von sich sagt, dass er den Glauben gefunden habe, nachdem er loszog um ihn zu verkünden. Für ihn bedeutet „mehr spirituell„ zu sein, nach seinem eigenen Weg zu suchen. Hier finden wir auch Brian, einen amerikanischen Psychologiestudenten und Zen-Buddhisten, der sich als „religiös„ beschreibt, die Zusammenkünfte und Rituale dieser Tradition schätzt, jedoch darauf besteht, dass er als Buddhist keines Gottes bedarf. Zu dieser Gruppe gehört auch die deutsche Theologiestudierende Laura, die sich gerne mit anderen zum Singen trifft. An einen persönlichen Gott, der in die Angelegenheiten der Menschen eingreift, glaubt auch sie nicht. Der Glauben, von dem sie hofft, ihn eines Tages zu finden, hat für sie viel mit Prüfen und Fragen zu tun.

Gott, Glauben und Verantwortung

Zusammenfassung

Ich glaube nicht, dass es jetzt irgendwie einen konkreten personell gedachten Gott gibt, der seine Hand über uns hält und der irgendwie quasi eingreift.

Orientierung

Also was mich da irgendwie am meisten schockiert hat, ich habe, also grad auch zu Abizeiten bin ich mal mit einer Freundin mitgegangen, die in einer Freikirche ist und die war auch in einer freikirchlichen Jugendgruppe und ich habe mir das mal angeguckt und bin ja dann auch eigentlich sehr aufgeschlossen gegenüber solchen Sachen.

Komplikation

Und dann war diese Jugendgruppe und jeder erzählte dann von seiner Woche, im Kreis sozusagen, in dieser freikirchlichen Jugendgruppe und dann sagte einer dann, als er dran war, ja ich bin gerade zum zweiten Mal durch meine Führerscheinprüfung gefallen, aber das ist ok, Gott wollte das so.

Evaluation/Lösungsversuch

Und da habe ich, also das ist genau das Gegenteil von dem, was ich denke. Da habe ich echt, das fand ich schon, ja erschreckend.

Lösung

Also einerseits ist natürlich auch gut, wenn man sich da so reinfallen lassen kann in den Gedanken, dass Gott das dann so wollte. Aber das ist überhaupt nicht das, was ich denke. Also ich denke schon, man hat in erster Linie eine Eigenverantwortung und Gott ist nicht, ich denke mir Gott nicht so, dass er eingreift und das ist immer noch so.

Coda

Ja, ich bin jetzt nicht konkret verzweifelt auf der Suche nach meinem Glauben. Ich hoffe halt, dass ich ihn irgendwann finden werde. Aber ich denke auch wirklich, seinen Glauben zu finden ist ein langer Prozess und das kann man nicht von jetzt auf gleich und irgendwann finde ich ihn vielleicht dann auch, ja.

Brians „Religiosität“ hat keinen Bezug zu anderen Welten oder höheren Wesen und kann als horizontal transzendent bezeichnet werden. Laura und Hans könnte man in einem mittleren Bereich zwischen horizontaler und vertikaler Transzendenz verorten, denn sie suchen nicht nach einem personifizierten höheren Wesen, jedoch nach einem transzendenten „Du“.

Quilt-Spiritualität – „Spiritualität“ als andauerndes Projekt

Hier finden wir vor allem InterviewpartnerInnen, die sich in der Mitte des Lebens und nach einem eher konventionell begonnenen Lebenslauf auf eine Suche begaben, die noch andauert und die von dem Wunsch geleitet ist, dem Eigenen nachzuspüren. Die deutsche Angehörige der 68er Generation Marion hat verschiedene Traditionen kennengelernt, und daraus ihre „Spiritualität„ entwickelt. Die Amerikanerin Julia schätzt den Katholizismus ihrer Herkunft sowie neuheidnische Hexenrituale. Für das, was Menschen suchen und erschaffen, die nach einer konventionell- religiösen Sozialisation aufbrachen, anderes kennenlernten und in ihre Entwicklung integrierten, schlagen wir den Ausdruck „Quilt-Spiritualität„ vor und drücken damit aus, dass „Spiritualität„, wie ein aus unterschiedlichen Stoffen kunstvoll kreierter Quilt, ein sorgfältig zusammengesetztes Kunstwerk ist.

Being One with Everything

Orientation

But in meditation I was in a coven, I think it was the (…) witch and you spent a year and a day in training with a particular group coven –usually it is the priest and priestess lead the group, and you have to train with them for a year and a day, which is a year and a day of once a week discussions, there is assigned readings, they had to write papers; it is…it is hard to get in to, easy to get out of is what they, you know, that is our joke it's an anti-cult and so in a meditation during the outer court ritual I was again an initiate.

Complication

I had an experience where I was one with everything, I mean it just was so brief, it could not have lasted more than a split second but it was a divine,

Evaluation/Attempts to solve

I do not know what level of connection there was, I do not know which divine it was, I do not know if I just was in its presence or if it was inside of me, it does not matter, I am sure. But in that moment I knew everything, you know. And it just was – it was like a lightning bolt flash, but I can remember being in that moment still and I felt my whole being expanded and contracted at the same time – I do not even –

Resolution

it sounds crazy but it was deeply meaningful for me.

Coda

And I did not take anything away from it, it's not like I felt like I was (...), I felt the drive home, I felt the work that day – you know like nothing changed on the mundane level, but I just- it was moving.

Persönliche Gotteserfahrungen und mystische Erfahrungen ohne Gottesbezug

Hier haben wir Berichte über persönliche Begegnungen mit dem Heiligen und von alltagsüberschreitenden Erfahrungen zusammen gestellt. Für Ernestine, USA, 75 Jahre alt, ist Gott der Herrscher über das Universum. An ihrer Vorstellung von ihm hat sich im Verlauf ihres Lebens nichts geändert. Sie erinnert sich daran, wie Gott zu ihr sprach, als sie 16 Jahre alt war und an das „wunderbare“, das „gute“ Gefühl und den „erhebenden Geist„. Außeralltägliche „mystische„ Erfahrungen wurden auch von Menschen berichtet, die keiner Institution und keiner Tradition angehören, die ihre Kindheitsreligion verlassen haben und sich heute als „irgendwie spirituell„ beschreiben (Sarah, USA) oder die nie in der Religion ihrer familiären Umgebung heimisch wurden und sich heute als „atheistisch„ bezeichnen (Isabella, USA). Beide berichten von spontanen Erlebnissen, bei denen sie sich auf besondere Weise angerührt fühlten und spürten, dass diese eine besondere Bedeutung hatten.

Orientation

I think it was American Beauty where the kid is filming this bag floating through the air… I think I've had a lot of small moments like that…

Complication

…even like the bag floating through the air I've seen the same thing and thought, “That is beautiful.” Not ‘cause the bag is inherently beautiful, but just like the basic underlying physics of the universe and how it expresses itself in even everyday motion of bags through the air being a visible sign of air vectors and turbulency is beautiful.

Evaluation

…I kind of find that life-affirming to me because when you're an atheist you have this problem of, like, “Oh shit, what happens when you die?”

Resolution

Nothing has meaning. Well nothing has to have meaning. It can just be the universe is just inherently beautiful on its own.

Coda

And it [the universe] doesn't need to care a shit about humans ultimately, but if the universe is beautiful, we're part of that beauty.

Unerwartete Ergebnisse und kontraintuitive Funde

Einer der von uns Befragten aus Deutschland versteht seine „Religiosität„ als Naturverbundenheit, eine Beziehung zum Kosmos. Was er mit diesem eigenwilligen Religionsbegriff meint, nennen wir horizontale Transzendenz, eine das Alltägliche überschreitende Haltung, die jedoch weder ein Jenseits noch höhere Mächte voraussetzt.

Auf den ersten Blick erscheint es widersprüchlich, wenn Menschen sich sowohl als „spirituell„ oder „religiös„ und atheistisch bezeichnen. In den Interviews erfahren wir, was es bedeutet, atheistisch an Gott zu glauben, eine Spiritualität zu leben, die als „intellektuell redlich„ verstanden wird und beansprucht, im Einklang mit der Wissenschaft zu stehen. Dabei können „spirituelle„ Atheisten insbesondere in den USA mit dieser Selbstidentifikation darauf hinweisen, dass sie nicht ohne Sensibilität für transzendente Erfahrungen sind.

Die Vielfalt gelebter „Spiritualität“

„Spiritualität„ wird in unterschiedlichen Lebenszusammenhängen unterschiedlich verstanden und gelebt – und vielleicht macht gerade das den Begriff so attraktiv: Er bietet Gelegenheit zum Erkunden von Identität und Selbstverständnis hinsichtlich Religion und Weltanschauung: ein semantisches Angebot, das es Menschen ermöglicht, zur Sprache zu bringen, was sie bewegt und was sie erleben, ohne dass sie sich in Bezug auf „Religion„ verorten lassen müssen. In diesem „Spielraum der Möglichkeiten„ sehen wir den „Mehrwert„ von „Spiritualität„.

Publications / Articles

Cover

Streib, H. & Hood, R. W. (Eds.) (2016). Semantics and Psychology of "Spirituality". A Cross-cultural Analysis. Cham, Heidelberg, New York, Dordrecht, London: Springer International Publishing Switzerland.

Cover

Streib, H. & Keller, B. (2015). Was bedeutet Spiritualität? Befunde, Analysen und Fallstudien aus Deutschland. Research in Contemporary Religion (RCR) - Band 20, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Keller, B. & Streib, H. (2013) Faith Development, Religious Styles and Biographical Narratives: Methodological Perspectives. Journal of Empirical Theology 26, 1-21.

Keller, Barbara, Klein, Constantin, Anne, Swhajor, Christopher F., Silver, Ralph W., Hood, and Streib, Heinz. "The Semantics of 'Spirituality' and Related Self-identifications: A Comparative Study in Germany and the USA". Archive for the Psychology of Religion. (PDF)

Streib, Heinz & Hood, Ralph W. (2011). “"Spirituality" as Privatized Experience-Oriented Religion: Empirical and Conceptual Perspectives”. Implicit Religion 14.4: 433 - 453. (PDF)

Streib, H. (2008). More Spiritual than Religious: Changes in the Religious Field Require New Approaches (PDF)

Presentations