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Biographischer Kontext

"spiritueller" Selbstbezeichnungen in Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika

Biographische Kontexte der Selbstbezeichnung "spirituell" wurden mit dem Interview zur Glaubensentwicklung (Faith development interview , FDI) untersucht. Dieses halbstrukturierte Interview deckt mit 25 Fragen vier Themenbereiche ab: 1) Lebensrückblick, 2) Beziehungen, 3) Werte und Verpflichtungen und 4) Religion und Weltanschauung. Es regt Interview-PartnerInnen an, ihre aktuelle religiöse, spirituelle oder weltanschauliche Orientierung zu beschreiben, ausgehend von der rückblickenden Betrachtung des eigenen Lebens. Neben reflektierenden Äußerungen enthalten die Interviews auch viele narrative und autobiographische Abschnitte. Seiner Verankerung in einem umfassenden Glaubensbegriff (Fowler dt Übers) "In der formalsten und umfassendesten Weise, die mir möglich ist, läßt sich Glauben beschreiben als: Die entwickelten und sich entwickelnden Formen, in denen Menschen ihr Selbst, Andere und die Welt erfahren (wie sie sie konstruieren), als bezogen auf und beeinflußt von den letzten Bedingungen der Existenz (wie sie sie konstruieren), und in denen sie Zweck und Sinn sowie Vertrauen und Loyalitäten ihres Lebens gestalten im Licht des Charakters des Seins, des Wertes und der Macht, die die letzten Bedingungen der Existenz bestimmen (so wie sie in ihren operativen Bildern von ihnen - seien sie bewußt oder unbewußt - erfaßt sind)." "In der formalsten und umfassendesten Weise, die mir möglich ist, läßt sich Glauben beschreiben als: Die entwickelten und sich entwickelnden Formen, in denen Menschen ihr Selbst, Andere und die Welt erfahren (wie sie sie konstruieren), als bezogen auf und beeinflußt von den letzten Bedingungen der Existenz (wie sie sie konstruieren), und in denen sie Zweck und Sinn sowie Vertrauen und Loyalitäten ihres Lebens gestalten im Licht des Charakters des Seins, des Wertes und der Macht, die die letzten Bedingungen der Existenz bestimmen (so wie sie in ihren operativen Bildern von ihnen - seien sie bewußt oder unbewußt - erfaßt sind)." James W. Fowler: Stufen des Glaubens (1981), Gütersloh: Gütersloher Verlag 1991:112 entsprechend ist das FDI offen für alle Formen der Religiosität. Es spricht auch implizite und erfahrungsorientierte "patch work" Varianten subjektiv definierter Formen von Spiritualität sowie säkular e Orientatierungen oder Weltanschauungen.

Dies läßt sich an zwei Beispielen aus unseren Interviews zeigen:

Karin (54 Jahre, Deutschland) und Brian (30 Jahre, USA) identifizierten sich im Fragebogen als "mehr spirituell als religiös" und als "nicht-theistisch". Beide haben ihre Umwelt im Alter von 12 Jahren als "mehr religiös" eingeschätzt, daher können wir annehmen, dass sie eine "spirituelle Wende" erlebten.

Brian sagt in seinem FDI:
"Also, ich denke, daß ich ein religiöser Mensch bin, aber ich glaube, das heißt nicht dasselbe. Ich glaube, das heißt nicht das, was manche anderen Leute damit meinen. Ähm, das, was vielleicht andere damit meinen. Ich meine was anderes. Ich meine, dass es was gibt, ein, ein System von Handungsweisen, eine Art Orientierung für mein Leben. Und, wissen Sie, diese Orientierung - im - im Buddhismus betrachten wir Dinge, die wir tun, auf sehr religiöse Art. Wir versammeln uns zu bestimmten Zeiten. Und wir haben bestimmte Rituale, denen wir folge. Und, wissen Sie, dazu gehört auch, dass es Leute gibt, die sich dazu vielleicht merkwürdig kleiden, und, ähm, wissen Sie, was auch immer. Es sieht sehr religiös aus und es hat auch sowas Religiöses von Ritual, Tradition und so weiter. Ähm, wissen Sie, Ich, andererseits, wissen sie, ich glaube nicht an-[...] der Buddhism befasst sich nicht mit, - [...] der Buddhismus sagt, einen Gott gibt es nicht, okay?"

Karin sagt in ihrem FDI:
"... Das bedeutet das ich glaube dass es ein Mehr ist als das was wir sehen. Daß es mehr gibt, als das was wir direkt sehen können. Ich glaube dass es etwas gibt, was uns alle verbindet. Und ich glaube, dass wir Menschen mentale Kräfte in uns haben, mit denen wir vielleicht noch nicht richtig umgehen können. Vielleicht ist das eine Sache für die Zukunft"

Diese Zitate stammen von InterviewpartnerInnen, die zu der kleinen, aber hochinteressanten Fokusgruppe der "mehr spirituell als religiösen Atheisten und Nicht-Theisten" in unserer Stichprobe gehören. Die Auswertung ihrer Interviews folgte dem Manual for Faith Development Research (Fower, Streib & Keller 2004). Karin wiesen wir nach diesem Modell Stufe 3 zu (synthetisch konventioneller Glaube). Dieser ist charakterisiert durch Orientierung an der Gruppe, der man sich zugehörig fühlt und durch implizites Denken. In Brian's Interview fanden wir Stufe 4 (individuierend reflektierenden Glauben), dessen Kennzeichen explizites und systemisches Denken sind.

Um mehr über ihre Glaubensentwicklung aus ihrer Sicht zu erfahren, schauen wir genauer an, was sie uns erzählten, und beginnen mit einem Blick in Karins FDI:

Karin erzählt, wenn sie auf ihre Glaubensentwicklung zurück schaut, eine Geschichte, die dem entspricht, was Labov & Waletzky (1967) Wir vewenden diese Kriterien, um in den Interviews zur Glaubensentwicklung Narrative zu bestimmen und von anderen chronologischen Darstellungen oder von Passagen mit Erklärungen oder Argumentationen zu unterscheiden. Labov, W., & Waletzky, J. (1967). Narrative analysis: Oral versions of personal experience. In I. Helm (Ed. ), Essays on the verbal and visual arts. Proceedings of the 1966 Annual Spring Meeting of the American Ethnological Society (pp. 12-44). Seattle, WA: University of Washington Press. als Narrativ definierten:

Orientierung

Und wir hatten im Religionsunterricht in der Schule über Wunder gesprochen

Komplikation

und ich saß am Tisch und konnte in den Nebenraum reinschauen und irgendwie kreuzten sich da Lichtstrahlen und Staub in der Luft und ich sah für einen Moment eine leuchtende Gestalt, glaubte ich. Ich war völlig begeistert, ich war sicher ich hatte jetzt ein Wunder erlebt und glaubte fest ich habe jetzt Jesus gesehen und das habe ich dann auch dem Religionslehrer erzählt und es gab fürchterlich einen übergebraten. Ich habe es der Majorin bei der Heilsarmee erzählt, die drohte mit Ausschluss. Dann gab es halt diesen Bastelnachmittag in der Kirche, das war die Frau des Pfarrers die das verrichtete, die schmiss mich raus

Evaluation

und da war ich ganz sicher, die glauben nicht an das was sie da erzählen.

Resolution

Dann habe ich mich gefragt was passiert denn da, was machen die denn da, wenn die das nicht glauben.

Coda

Ich glaube das war so der erste Moment, wo ich wirklich anfing zu zweifeln, ob das was sie mir einbläuen wollen, dann auch wirklich so was mit der Wirklichkeit zu tun hat?


"Erste Zweifel" könnte man dieses Narrative einer ersten Bewegung weg von Religiosität überschreiben. In Karins Fall stimmen die Ergebniss der qualitativen und quantitativen Auswertungen überein und lassen das Bild einer Wende vom Religiösen zum Spirituellen entstehen, vielleicht zeigt sich hier bereits ein Hinweis auf einen kulturellen Trend oder ein kulturelles Modell, zumindest jedoch sehen wir einen Verlauf , der für das (europäisch-sekulare) Deutschland nicht ungewöhnlich ist.



Brian aus den Vereinigten Staaten von Amerika berichtet uns, wo er nun steht in seinem Leben. Er präsentiert dann einen chronologischen Überblick über sein Leben, bis dahin, als er mit seiner gegenwärtigen religiösen Gemeinschaft in Kontakt kam:

Nach Veränderungen seines Gottesbildes oder von Vorstellungen des Göttlichen gefragt, antwortet er:

"Gut, als Buddhist glaube ich nicht an Gott oder-oder irgend sowas, also weiß ich nicht, wie ich das beantworten soll. Ich denk mal, ich habe, als ich aufwuchs, gehört, dass es sowas gibt und ich hab mir sehr gewünscht, ich könnte daran glauben, aber ich denke nicht, dass ich das ganz tief drinnen wirklich jemals getan habe. Das hat sich nicht wirklich verändert"

Während die quantitativen Daten eine Wende von religiös zu spirituell nahlegen, spricht das Interview mit Brian für einen kontinuierlichen Verlauf: Seinem Verständnis nach war er immer religiös. In seinem Fall erzählen die Interview-Daten eine andere Geschichte, als wir aufgrund der quantitativen Daten erwarten würden. Was Brian sagt, könnte die Funktion haben, Kontinuität herzustellen zwischen seiner Glaubensbiographie graphie und dem kulturellen (mainstream) Diskurs in den U.S.A.

Diese Vorschläge für Interpretationen betrachten wir als Hypothesen. Wir werden weitere Interviewanalysen durchführen, qualitative und quantitative Data im Sinne der Triangulierung aufeinander beziehen und Fallstudien für weitere Vergleiche erarbeiten.

Die Interviews zeigen bereits, dass die "Spiritualitäten", die unsere InterviewpartnerInnen gegenwärtig zeigen, ihren Entwicklungsgeschichten entspringen - in jedem Fall: sie zeigen wie InterviewpartnerInnen ihre Präferenz für ihre gegenwärtige "spirituelle" Identität rekonstruieren, erklären, und narrativ gestalten.