


In der Bielefelder kulturvergleichenden Spiritualitäts-Studie bezeichnet sich jede zweite Versuchsperson als "mehr spirituell als religiös" (50.9% in den USA, 48.8% in Deutschland). Unsere Daten belegen ferner, dass "Spiritualität" auch für Menschen attraktiv ist, die nicht, oder nicht mehr, einer religiösen Tradition angehören: Jeder zweite ohne Religionsgemeinschaft bezeichnet sich als "mehr spirituell als religiös". Dies zeigt an und bestätigt Dies war eines der Ergebnisse der Bielefeld-based Cross-cultural Study of Deconversion und wurde beschrieben in einigen Publikationen (Streib, Hood, Keller, Silver, & Csoeff, 2009; Streib 2008). , dass Menschen ohne Religionsgemeinschaft, Dekonvertiten und selbst Atheisten, dem "was sie unbedingt angeht" und ihrer Symbolisierung von Transzendenz einen neuen Namen geben: "Spiritualität" - während sie sehr zurückhaltend sind, sich mit "Religion" zu identifizieren.
Die Über-Repräsentanz von "mehr spirituellen" Versuchspersonen in unseren Daten bietet einen großen Vorteil, wenn wir herausfinden wollen, was Menschen meinen, wenn sie sagen "Ich bin spirituell." Ein anderer Bericht über die Ergebnisse der Bielefelder kulturvergleichenden Studie über "Spiritualität" mit einem Fokus auf die Semantik ist im Frühjahr 2013 veröffentlicht: Keller, B., Klein, C., Swhajor, A., Silver, C. F., Hood, R. W., & Streib, H. (2013). The Semantics of "Spirituality" and Related Self-identifications: A Comparative Study in Germany and the USA. Archive for the Psychology of Religion/Archiv für Religionspsychologie, 35/1. Dies war eine unserer Schlüsselfragen. Antworten auf diese Frage erwarten wir von einem Vergleich der semantischen Konnotationen zu "Spiritualität" und "Religion". Neben anderen Methoden haben wir deshalb zwei semantische Differenziale sowohl für "Religion" als auch für "Spiritualität" eingesetzt. Osgoods (1962) Semantisches Differenzial biete 18 polare Adjektive an, um die semantischen Assoziationen in drei Dimensionen zu erfassen, evaluation, potency, und activity. Zusätzlich haben wir ein kontext-bezogenes semantisches Differenzial entworfen mit 30 polaren Adjektiven, um die Konnotationen zu "Religion" und "Spiritualität" zu erfassen. Beide semantischen Differenziale wurden sowohl für "Religion" als auch für "Spiritualität" eingesetzt. Einen Einblick in die Ergebnisse ist in folgender Graphik veranschaulicht Die Linien-Graphiken berichten die Mittelwerte der polaren Adjektive für "Religion" und "Spiritualität" in den semantischen Differenzialen. Diese Graphiken basieren auf paired t-tests (CI = .95) für das deutsche und U.S.-amerikanische Subsample. Mit wenigen Ausnahmen sind die Mittelwertdifferenzen zwischen "Religion" und "Spiritualität" signifikant auf dem p < .001 Niveau. .
Die positiven Pole der Adjektive sind auf der rechten Seite der Graphiken platziert. So ist leicht erkennbar, dass wir generell positive und fast keine negativen Assoziationen zu "Spiritualität" haben, weder im US noch im deutschen Sample. Dagegen sehen wir für "Religion" positive, aber auch negative Assoziationen. "Spiritualität" ist eindeutig assoziiert mit "nice", "fine", "heavenly", "smooth", "mild" und "clean", während "Religion" als neutral bewertet wird oder mit "harsh" und "rough" assoziiert wird (am deutlichsten im deutschen Subsample).
Ein noch stärkerer Kontrast ergibt sich aus dem kontext-bezogenen semantischen Differenzial, wie die nächste Graphik zeigt.
Auch hier liegt die "Spiritualitäts"-Line auf der rechten Seite. Dies bedeutet dass die TeilnehmerInnen in beiden Ländern ausschließlich positive Assoziationen zu "Spiritualität" notieren - mit der einzigen Ausnahme, das "Spiritualität" für die deutschen Versuchspersonen nicht "neu" und eher "irrational" ist. Es sind insbesondere die Adjektive "flexible", "liberating", "tolerant" "relaxing" "creative" "healing" und "fascinating", die als positive Assoziationen mit "Spiritualität" in beiden Kulturen im Vordergrund stehen, während "Religion" klar in Verbindung gebracht wird mit "inflexible", "intolerant", "rigorous" und "demanding".
Eine andere Weise, die Ergebnisse aus den semantischen Differenzialen zu visualisieren, sind Streugraphiken. Sie eröffnen detailliertere Perspektiven - auch auf kulturelle Differenzen. Die folgenden beiden Graphiken zeigen in diesem Sinne die Verteilung der (positiven Pole der) Adjektive des Osgood'schen semantischen Differenzials in einem Raum mit "Religion" und "Spiritualität" als x- und y-Achsen (der Schnittpunkt der Achsen bei einem Mittelwert von 3,0 markiert den "neutralen" Punkt auf einer 5-Punkte-Skala).
Die Graphiken zeigen wiederum, dass generell "Spiritualität" stark positive Konnotationen erhält sowohl im US-amerikanischen als auch im deutschen Sample. Dies wird dadurch angezeigt, dass fast alle Adjektive in der oberen Hälfte des Raums lokalisiert sind. Entsprechend gibt es weder im US-amerikanischen, noch im deutschen Sample exklusiv positive Assoziationen mit "Religion" - was dadurch sichtbar wird, dass keine Punkte im unteren rechten Segment lokalisiert sind.
Die Graphiken weisen auch auf kulturelle Unterschiede zwischen USA und Deutschland. Dies betrifft die drei Osgood'schen Faktoren, evaluation, potency und activity: Es gibt kaum einen Unterschied in den activity-Adjektiven ("light", "sharp", "hot" etc.). Auc haben "Spiritualität" und "Religion" Gemeinsamkeiten in potency ("powerful", "big", "strong", "long" etc.) sowohl im US-amerikanischen und deutschen Subsample. Positive Konnotationen im Faktor potency sind jedoch profilierter im US-amerikanischen Sample; dies wird angezeigt dadurch, dass die Punkte und darum die potency-Ellipse weiter in der oberen rechten Ecke zu liegen kommen. Auffällig sind schließlich die höheren exklusiven Werte für evaluation ("fine," "nice," "clean," "smooth," etc.) für "Spiritualität" und zugleich negativere Evaluation von "Religion" bei den deutschen Versuchspersonen - was dadurch angedeutet ist, dass die meisten evaluations-Adjektive und damit die evaluations-Ellipse im oberen linken Segment lokalisiert ist. Diese kulturellen Differenzen sind vor allem durch die sehr negative Evaluation von "Religion" im deutschen Sample bedingt.
Die soweit vorgestellten Analysen und Graphiken basieren auf den gesamten Samples für die USA und Deutschland. Wenn wir jedoch die Analysen der semantischen Differenziale auf die Fokusgruppen herunterbrechen (vgl. die Präsentation der Fokusgruppenkonstruktion), wird das Bild differenzierter, wie im der folgenden Graphik gezeigt wird. Diese Graphik gründet auf Varianzanalysen (ANOVAs), wobei die Mittelwerte der Hauptfaktoren des Osgood'schen semantischen Differenzials als abhängige Variable eingesetzt wurden.
Wie zu erwarten sehen die "gleichermaßen religiös und spirituellen" Personen (FG 2), aber auch die "mehr religiös als spirituellen" (FG 1) in beiden Ländern kaum einen Unterschied zwischen "Religion" und "Spiritualität", sondern bewerten "Religion" und "Spiritualität" eher positiv. Dagegen zeigen sich bei den "mehr spirituell als religiösen" Versuchspersonen (FG 3), besonders aber bei den "mehr spirituell als religiösen Atheisten/Non-theisten" (FG 4) in den USA die größten semantischen Differenzen zwischen "Religion" (für die evaluation sehr negativ ist) und "Spiritualität" (für die evaluation positiv ist). Doch interessanterweise gibt es keine großen Unterschiede zwischen "Religion" und "Spiritualität" bei den Faktoren potency und activity. Aber eines wird aus diesen Analysen, besonders aus der letzten Graphik, deutlich: Die Semantik von "Spiritualität" ist aufs engste verbunden mit der Semantik von "Religion". Und wie "Religion" und "Spiritualität" semantisch konnotiert werden, hängt sehr entscheidend davon ab, wer spricht: wer "Spiritualität" für sich in Anspruch nimmt und sich als "spirituell" bezeichnet, benutzt eine Semantik, die stärker zu "Religion" im Kontrast steht und "Spiritualität positiver bewertet; wer der "Spiritualität" distanziert oder negativ gegenübersteht, sieht entweder weniger Unterschiede zwischen "Spiritualität" und "Religion" oder bewertete beide negativer.
Das soweit Vorgestellte ist ein kleiner Einblick in unsere Ergebnisse zur Semantik von "Spiritualität". Selbstverständlich haben wir noch viele weitere Ergebnisse in Artikel- oder Buchform zu publizieren. Diese Website wird Sie auf dem Laufenden halten.
Keller, Barbara, Klein, Constantin, Anne, Swhajor, Christopher F., Silver, Ralph W., Hood, and Streib, Heinz. "The Semantics of 'Spirituality' and Related Self-identifications: A Comparative Study in Germany and the USA". Archive for the Psychology of Religion [Abstract; Pre-Print].
Streib, H. (2008). More Spiritual than Religious: Changes in the Religious Field Require New Approaches [pdf]
Streib, Heinz & Hood, Ralph W. (2011). “"Spirituality" as Privatized Experience-Oriented Religion: Empirical and Conceptual Perspectives”. Implicit Religion 14.4: 433 - 453. Pdf