Center for Interdisziplinary Research
 
 

Ereignis und Struktur: Definitionen – Methoden – Darstellungsweisen

Termin: 16. - 17. Oktober
Leitung: Etienne François (Berlin), Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld), Andreas Suter und Jakob Tanner (beide Zürich)

Die Wende von 1989 in Deutschland rief den Sozialwissenschaften die gewaltige strukturverändernde Kraft historischer Ereignisse in Erinnerung. Für die Sozialgeschichte, die das Ereignis in ihrer Theorie wie Praxis lange aus dem Kreis untersuchungswürdiger Forschungsgegenstände ausgeschlossen hat, stellt diese Erfahrung eine grosse Herausforderung dar. Die Frage, mit welchen theoretischen Konzepten, Methoden und Darstellungsweisen die Sozialgeschichte diese Herausforderung in fruchtbare empirische Arbeiten umsetzten könnte, stand im Mittelpunkt der Tagung, die rund 20 Wissenschaftler verschiedener Disziplinen und Länder zusammenführte. Im Ergebnis der Referate und Diskussionen wurde zuerst deutlich, daß die Sozialwissenschaften heute mit drei unterschiedlichen Definitionen des Ereignisbegriffs arbeiten, die wiederum unterschiedlichen wissenschaftlichen Untersuchungsweisen entsprechen: Erstens das Ereignis als Element langer Strukturen und struktureller Prozesse, das als Datengrundlage für die Generierung statistischer Zeitreihen benutzt wird; zweitens das Ereignis als ein von Strukturen determiniertes Geschehen, das einen guten Einstieg für Strukturbeschreibungen und -analysen im Rahmen von Fallstudien bietet; drittens das historische Ereignis im engeren Sinn als ein strukturtranszendierendes und überraschendes Geschehen, das nicht mehr reduktionistisch auf strukturelle Vorgegebenheiten allein zurückgeführt werden kann. Dann wurde man sich einig, daß nur die letztere Definition einen adäquaten Zugang zur Untersuchung von Ereignissen wie die Wende von 1989 bieten kann. Schließlich wurden unterschiedliche Theorieansätze und Methoden vorgestellt, welche die notwendige nichtreduktionistische Untersuchung historischer Ereignisse durch die Sozialgeschichte anleiten könnten: das kritische Ereignis von Pierre Bourdieu, die Mikroanalyse handlungstrukturierender Netzwerke, die sozialgeschichtliche Temporalität der "Zeitlupe", Theorien kollektiven Handelns, die sich am Ansatz der rational choice bzw. der bounded rationality orientieren.

Teilnehmende
Rod Aya (Amsterdam), Heinrich Bosse (Freiburg i. Br.), Jean Boutier (Marseille), Neithard Bulst (Bielefeld), Michael Dobry (Nanterre), Mustafa Emirbayer (New York, NY), Ivan Ermakoff (Oxford), Axel Flügel (Bielefeld), Heinz-Gerhard Haupt (Bielefeld), Lucian Hölscher (Bochum), Reinhart Koselleck (Bielefeld), Bernard Lacroix (Paris), Carola Lipp (Göttingen), Jean-Clement Martin (Nantes), Leopoldo Moscoso (Madrid), Rolf Reichardt (Mainz), Jacques Revel (Paris), Dieter Rucht (Canterbury), Daniel Schönpflug (Berlin), Kristina Schulz (Bielefeld)



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