Center for Interdisziplinary Research
 
 

Ausprägung, Wahrnehmung und Regulierung von Gewalt in der Vormoderne

Termin: 27. - 29. November
Leitung: Neithart Bulst und Peter Schuster (beide Bielefeld)

Internationaler und interdisziplinärer Dialog war das erklärte Ziel der von der Stiftung Volkswagen unterstützten Tagung. Über drei die Tagung strukturierende Themenblöcke: Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung von Gewalt in der europäischen Vormoderne, Beherrschbarkeit der Gewalt durch Recht – Gewaltcharakter des Rechts: Zu Anspruch und Realität der vormodernen Rechtsordnungen sowie Gewalt und Gesellschaftsstruktur diskutierten etwa vierzig Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus acht Nationen. Vertreten waren die Disziplinen Rechtswissenschaft, Rechtsgeschichte und Geschichtswissenschaft. Im Mittelpunkt standen Fragen nach der Wahrnehmung, der sozialen Bedeutung und rechtlichen Bewertung von Gewalt, wobei sehr schnell das Fehlen eines präzisen Gewaltbegriffs deutlich wurde – nicht zuletzt am Beispiel des scheinbaren Paradoxons ritualisierter Judenverfolgungen in der Karwoche im spätmittelalterlichen Spanien, die als Akt der Toleranz verstanden werden können. Der Ertragswert begriffsgeschichtlicher Präzisierungen wurde hier ebenso herausgearbeitet wie die Notwendigkeit einer Einbeziehung des kulturellen Kontextes in der Analyse rechtlichen Handelns. Daß polizeiliches Vollzugspersonal bei der Strafverfolgung nur bedingt seinen Aufgaben gerecht werden konnte, rückte erneut die noch unzureichend erforschte Frage nach dem Gewaltcharakter der Vormoderne und den Unterdrückungsmaßnahmen zur Eindämmung von Gewalt in den Blick. Die bisherigen Quantifizierungsversuche – etwa der Verhängung von Todesstrafen – bieten jedenfalls keine befriedigenden Erkenntnisse. Zwar herrschte über die Desiderada und die Fragestellungen zukünftiger Forschung, die vor allem durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Rechts- und Geschichtswissenschaft geprägt sein sollte, ein bemerkenswerter Konsens unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Ob ihre Ergebnisse aber dazu beitragen werden, geschichtswissenschaftliche Modelle wie etwa das von Norbert Elias entwickelte Konzept eines Prozesses der Zivilisation zu falsifizieren, wurde in der abschließenden Debatte lebhaft, aber auch kontrovers diskutiert.

Teilnehmende
Friedrich Battenberg (Darmstadt), Andrea Bentlage (Bielefeld), Eric Bousmar (Bruxelles), Susanna Burghartz (Basel), Arno Buschmann (Salzburg), Martin Dinges (Stuttgart), Joachim Eibach (Gießen), Axel Flügel (Bielefeld), Claude Gauvard (Paris), Hans-Werner Goetz (Hamburg), Klaus Graf (Winningen), Valentin Groebner (Basel), Patrick J. Gyger (Lausanne), Heinz-Gerhard Haupt (Bielefeld), Paul Joachim Heinig (Nierstein), Ulrich Henselmeyer (Bünde), Sven Herrmann (Göttingen), Heinz Holzhauer (Münster), Uwe Israel (Göttingen), Günter Jerouschek (Jena), Mirko A. Judernatz (Göttingen), Reinhold Kaiser (Zürich), Wolfgang Kaiser (Aix-en-Provence), Stefan Kleinschmidt (Bielefeld), Thomas Lüttenberg (Berlin), Wolfgang Mager (Bielefeld), Till Manning (Göttingen), Pierre Monnet (Göttingen), Ruth Mohrmann (Münster), Joseph Morsel (Paris), Robert Muchembled (Villetaneuse), David Nirenberg (Houston, TX), Jutta Nowosadtko (Essen), Susanne Pohl (Ithaca, NY), Rotraud Ries (Herford), Xavier Roussaeux (Wassenaar), Heinrich Rüthing (Bielefeld), Walter Rummel (Koblenz), Wolfgang Schild (Bielefeld), Gerd Schwerhoff (Bielefeld), James A. Sharpe (Heslington), Gabriela Signori (Bielefeld), Daniel Smail (Bronx, NY), P. C. Spierenburg (Rotterdam), Bettina Tschumi (Lausanne), Johannes Vossen (Bielefeld), Dietmar Willoweit (Würzburg), Heide Wunder (Kassel)



Print
ZiF - Center for Interdisciplinary Research - Homepage > List of ZiF Workshops > 1998 >