Center for Interdisziplinary Research
 
 

Widerstandsrecht und Gemeiner Mann zwischen Reformation und der "Krise des 17. Jahrhunderts"

Termin: 09. - 11. September
Leitung: Robert v. Friedeburg (Bielefeld)

In Widerstandsrecht und Tyrannenbegriff der beginnenden Neuzeit spiegelten sich die Spannung zwischen Norm und Verfahren und Selbst- und Fremdbeherrschung in theoretischer Reflexion und tätiger Praxis. In der Verbindung antiker und mittelalterlicher Traditionen ging es um die Verteidigung allgemeinverbindlicher Normen, denen alle zu dienen hatten, denen angesichts der Schlechtigkeit der Menschen aber nur wenige wirklich dienten. Weil das so war, bedurften diese Normen in der Praxis wie im reflektierenden Verständnis der Zeitgenossen der Verfahren zur Organisation guter Ordnung. Durch Menschen mißbrauchte Verfahren freilich, durch welche die gemeinsamen Normen vermeintlich verletzt wurden, war keine Unterordnung zu leisten. Um jedoch die Ordnung unter den menschlichen Sündern dieser Welt nicht zu gefährden, war auch solche Nichtbefolgung in Verfahren zu kleiden. Aus der immer reflektierteren Diskussion der Zeitgenossen zu diesem Problem ergab sich im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts ein Argumentationsgebäude, das den Zeitgenossen als Richtschnur für rechtmäßige Gewaltanwendung gegen ihre eigene Obrigkeit diente und das als Widerstandsrecht bis in unsere Zeit Gegenstand der historischen Reflektion und der politischen Aktualisierung ist – bis hin zum 20. Juli und der bundesrepublikanischen Diskussion nach 1949 um ihn.
Im 16. und 17. Jahrhundert wog Widerstandsrecht ab zwischen der Verteidigung überpositiver Normen und der Gefährdung menschlicher Ordnung durch eben diese Verteidigung. Denn für das Widerstandsrecht zu Beginn der Neuzeit gab es immer zwei Tyrannen – den durch Verfahren eingesetzten Herrscher, der Unrecht statt Recht in die Wege leitete und dem daher Widerstand entgegenzusetzen war, und das aufbegehrende Volk, das sich um seiner Begierden willen der notwendigen Ordnung aller menschlichen Verhältnisse entzog und dem kein Freibrief zur Auflehnung gegeben werden durfte, wohl aber ein Verfahren zur Verhinderung von Unrecht – eben ein Widerstandsrecht. In Verfahren und Recht gegossene Gewaltsamkeit sollten so wieder zum Schild für die Normen menschlichen Lebens werden, die gegen die Menschen und ihre Leidenschaften, ob Untertan oder Fürst, zu verteidigen waren. Widerstandsrecht spiegelte daher nicht das Aufeinanderprallen konkurrierender Machtansprüche, sondern das Abwägen zwischen der Bedrohung guter Ordnung durch den Tyrannen über uns und den Tyrannen in uns. Widerstand und Widerstandsrecht entstanden aus der Erfahrung des Aufeinanderpralls divergierender Auslegungen und Geltungsansprüche der gleichwohl von allen für verbindlich gehaltenen Normen, so des christlichen Glaubens und seiner seit der Reformation in Bekenntnissen gefaßten Deutung, und der Verfahren, die in den überwiegend monarchischen Gemeinwesen des mittelalterlichen Europa in die Neuzeit hinüberreichten und Ordnung im Gemeinwesen gewährleisten sollten, sei es die monarchische Erbfolge oder die ständische Repräsentation des Volkes.
Nachdem der englische Parlamentarier Sir John Eliot den Favoriten und leitenden Minister Charles I., den Herzog von Buckingham, 1629 der Korruption bezichtigt und seine Verurteilung gefordert hatte, sandte der König ihn in den Tower. Bis zu seinem Tod 1632 fand Eliot dort Zeit, seine Gedanken über den Staat und seine Ordnung niederzuschreiben. Sein erstes im Tower verfaßtes Manuskript, The Monarchy of Man, beleuchtet das Problem des inneren und äußeren Tyrannen aus dieser für die beginnende Neuzeit und ihr Verständnis von Widerstand und Tyrann charakteristischen Perspektive. Die Monarchy of Man konzentriert sich auf die Eigenschaften, die Fürsten und Fürstendiener besitzen müssen, um den Anforderungen ihrer Pflichten zu genügen. Sie ist keine Verfassungslehre, sondern Psychologie des Menschen als Analyse der Grundlagen politischer Mündigkeit. Die aber liegen für Eliot im Menschen selbst, in der Auseinandersetzung von guten und schlechten Leidenschaften, Tugenden und Begierden, selbstbestimmtem Zwang zugunsten des Guten und Fremdbestimmung durch den Tyrannen. Dem Tyrannen im Gemeinwesen wird nur begegnen können, wer der Tyrannei der eigenen Begierden nicht unterliegt. Seine Überlegungen konzentrieren sich daher auf den Kampf der Leidenschaften innerhalb des Menschen, den Eliot selbst als monarchische Herrschaftsordnung denkt. In dieser Monarchie des Menschen entdeckt Eliot den ständigen Kampf der Begierden – Angst, Hoffnung, Sorge und Freude – mit den Tugenden – Gerechtigkeit, Weisheit, Mäßigung, Festigkeit. Während die Begierden den Menschen den Unwägbarkeiten seiner Umgebung ausliefern – durch Angst vor, Sorge um, Hoffnung auf und Freude wegen äußerer, nicht lenkbarer Umstände – befreien die Tugenden den Menschen. Statt von der Tyrannei der Wechselfälle des Lebens mitgerissen zu werden, gewinne der Mensch erst durch die Herrschaft der Tugenden in ihm die Fähigkeit zur Beherrschung seiner selbst und damit zur Fähigkeit eigenständigen Handelns, der Voraussetzung zur Freiheit von der Kontrolle anderer. Innere Freiheit und äußere Handlungsfähigkeit als politisches Subjekt sind bei Eliot zwar auch ganz konkret miteinander verbunden. Erst der innerlich freie Mensch vermöge, als Ratgeber wie als Monarch, den Einflüsterungen von Günstlingen zu trotzen, die durch die Weckung von Angst, Hoffnung, Sorge und Freude die Macht über uns gewinnen wollen. Menschen, die von ihren Leidenschaften regiert würden, fallen den Einflüsterungen anderer, ebenfalls von ihren Leidenschaften beherrschter Menschen zum Opfer. Aber prägend für seine Überlegungen blieb doch die Parallelisierung des menschlichen mit dem politischen Körper. Selbstunterwerfung unter die geltenden Normen göttlichen und natürlichen Rechts ist die Vorbedingung der Freiheit von Fremdbeherrschung im Gemeinwesen, Zügellosigkeit im eigenen Leben Grundlage der Tyrannei im Gemeinwesen.
Niemand, der in unserer Zeit an den Fernsehschirmen die Gemetzel national inspirierter Freiheitskämpfer an ihren Nachbarn im Balkan oder an irgendeinem anderen Ort der Erde verfolgt, wird eine solche Perspektive leichthin als überholt bezeichnen können. Für Historiker und Politologen ist daher die frühe Neuzeit gerade seit der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts zu einem Experimentierfeld geworden. Die Tagung zu Widerstandsrecht und Gemeinem Mann nahm sich im britisch-deutschen Vergleich dem Problem an, wie die Zeitgenossen Ordnung zu verteidigen suchten, indem sie auch gegen ordentlich eingesetzte Magistrate kämpften. Dabei erwiesen sich erstaunliche Parallelen zwischen der britischen Insel und dem Alten Reich. Das Wort "Widerstand" kam den Zeitgenossen nicht in den Sinn – erst das Auseinandertreten von bürgerlicher Privatrechtsgesellschaft und öffentlichem – monarchischem – Anstaltsstaat seit dem frühen 19. Jahrhundert ließ für die Verfassungsbewegung im Vormärz legitimen Widerstand gegen die bloß legale Monarchie zu. Indem sie ihr Vorgehen aber nicht zuletzt historisch zu rechtfertigen suchte, wurde die frühe Neuzeit mit anachronistischen Begrifflichkeiten verkannt. Für das 16. und 17. Jahrhundert stellte sich dagegen die Zuordnung von Amt, Pflichten und Eigentum als analytischer Kern des Widerstandsrechts dar. Wer ein vermeintliches Amt und damit die Pflicht besaß, ein vermeintliches Eigentum – die Religion, Freiheiten, Privilegien – zu schützen, der war auch zu Gegen- und Notwehr berechtigt und verpflichtet, natürlich auch gegenüber dem rechtsbrecherischen Magistrat. Daher verfolgten die Beiträge und Diskussionen der Tagung die Entwicklung und Nutzung dieser Konzepte – Amt, Pflicht, Eigentum – zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert, und auch die schrittweise Veränderung der Bedeutung dieser Kategorien, welche durch die Krisen der Zeitläufte und deren theoretische Reflexion im Widerstandsrecht vorangetrieben wurde.

Teilnehmende
Martin Brecht (Münster), Glenn Burgess (Hull), Horst Carl (Tübingen), Conal Condren (Sydney), Gabriele Haug-Moritz (Tübingen), Clare Jackson (Cambridge, UK), Roger Mason (St. Andrews), Dieter Metzger (Darmstadt), Christian Peters (Münster), Regina Pörtner (London), Georg Schmidt (Jena), Luise Schorn-Schütte (Potsdam), Wolfgang Sommer (Neuendettelsau), Barbara Staudinger (Wien), Barbara Stollberg-Rilinger (Münster), Arno Strohmeyer (Leipzig)



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