Center for Interdisziplinary Research
 
 

Das deutsche Kolonialrecht als Vorstufe einer globalen "Kolonialisierung" von Recht und Verwaltung

Termin: 14. - 16. Oktober
Leitung: Rüdiger Voigt (München) und Peter Sack (Canberra)

Deutschland hat seine Kolonien mit dem Versailler Vertrag des Jahres 1919 endgültig verloren. Seine Kolonialherrschaft in Afrika, China und im Pazifik dauerte insgesamt nur drei Jahrzehnte. Dennoch sind Spuren deutschen Kolonialrechts und deutscher Kolonialverwaltung an vielen Stellen immer noch zu erkennen. Zur Diskussion der Frage, inwieweit der Kolonialismus ganz allgemein und besonders die deutsche Variante als Vorstufe zu einer Globalisierung des Rechts angesehen werden kann, waren Forscherinnen und Forscher aus den Disziplinen Rechts-, Geschichts-, Politik- und Verwaltungswissenschaft zusammengekommen. Dabei ging es zum einen um die Wirkung des Kolonialrechts im Kontext des Verhaltens der Kolonisierten, zum anderen um die Rückwirkung der kolonialen Rechtspraxis auf Recht und Verhalten der (deutschen) Kolonisatoren bzw. auf das Recht des "Mutterlandes".
Der erste Tag galt einer Einführung in staatsrechtliche, rechtspolitologische, -soziologische und –ethnologische Zugänge zur Thematik und einem Überblick über Verwaltung und Recht in den deutschen Kolonien. Dazu wurden Fallstudien zur kolonialen Praxis vorgestellt, bei denen zwischen den Kolonien im Pazifik und den Kolonien in Afrika unterschieden wurde. Vor allem zwischen diesen beiden Regionen, aber auch zwischen den einzelnen Kolonien innerhalb einer Region zeigten sich deutliche Differenzen.
Am zweiten Tag ging es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede kolonialer Rechts- und Verwaltungssysteme, wobei die Frage im Vordergrund stand, ob es ein "typisch deutsches" Kolonialrecht gab. Die deutschen Kolonien waren – anders als z. B. die französischen Überseedepartements – nicht Bestandteil des Mutterlandes; die Reichsverfassung hatte für sie keine Geltung. Die Deutschen in den Kolonien waren rechtlich schlechter gestellt als ihre Landsleute im Reichsgebiet.
Ein Vergleich des deutschen mit britischem, französischem, australischem oder neuseeländischem Kolonialrecht und schließlich mit dem postkolonialen Recht ergab am dritten Tag, daß die Rechtsordnung in den unabhängig gewordenen Kolonien von verschiedenen Faktoren geprägt ist: Zum einen hängt sie vom Zeitpunkt der Selbständigkeit ab, zum anderen von dem eigenen Entwicklungsstand. Letztlich hat sich aber überall die Praxis eines legal shopping durchgesetzt, d. h. es wurden Elemente aus verschiedenen Rechtssystemen als Bausteine für eine eigene Rechtsordnung zusammengefügt. Allerdings ließ sich die Ausgangsthese, daß das Kolonialrecht eine Vorstufe zur Globalisierung des Rechts sei, zumindest am Beispiel des deutschen Kolonialrechts weder verifizieren noch falsifizieren. Dazu bedarf es offensichtlich weiterer empirischer Studien, die das Kolonialrecht anderer, erfolgreicherer Kolonialmächte, nicht zuletzt der USA, mit einbeziehen muß.
Es ist vorgesehen, die Ergebnisse der Tagung in einem Sammelband der Reihe Schriften zur Rechtspolitologie zu veröffentlichen.

Teilnehmende
Andreas Eckert (Berlin), Robert von Friedeburg (Bielefeld), Horst Hammen (Gießen), Gerd Hardach (Marburg), Hagen Hof (Hannover), Hansjörg Huber (Görlitz), Stefan Johag (Ueckermünde), Thomas Kopp (Halle an der Saale), Gertrude Lübbe-Wolff (Bielefeld), Klaus Mühlhahn (Berlin), Peter Sebald (Berlin), Harald Sippel (Bayreuth), Jürgen Zimmerer (Freiburg i. Br.)



Print
ZiF - Center for Interdisciplinary Research - Homepage > List of ZiF Workshops > 1999 >