Center for Interdisziplinary Research
 
 

Demokratisches Denken in der Weimarer Republik

Termin: 22. - 24. März
Leitung: Christoph Gusy (Bielefeld) / Hans Boldt (Düsseldorf) / Christoph Schönberger (Frankfurt am Main)

Während sich die wissenschaftliche Debatte weitgehend um das antidemokratische Denken in der Weimarer Republik dreht, diskutierten ca. 40 Historiker, Philosophen, Politik- und Rechtswissenschaftler während dieser Tagung über die bislang eher wenig behandelten vielfältigen Demokratievorstellungen in der Weimarer Zeit. War demokratisches Denken im 19. Jh. lediglich in den Jahren 1848 / 49 erkennbar, bildeten sich um die Jahrhundertwende schließlich demokratische Denkrichtungen und Denkmuster. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Hans Boldt (Düsseldorf), Christoph Gusy (Bielefeld) und Christoph Schönberger (Frankfurt am Main) debattierten die Teilnehmer über die Demokratievorstellungen vor Weimar, über die damaligen Ansätze zu einer modernen Demokratieauffassung, über die seinerzeitigen Hauptprobleme demokratischen Denkens sowie über die sozialistische Alternative.
Die Vorträge und Diskussionen kreisten zentral um die Frage, wie demokratisches Denken zu bestimmen sei. Diese Fragestellung ist erst nach 1945 entstanden. Stritt man sich vor 1933 um die Republik, so begriffen sich praktisch alle maßgeblichen Staatstheoretiker in irgendeinem Sinne als Demokraten. Das gilt auch für solche Autoren, welche später als Antidemokraten qualifiziert worden sind. Die Frage nach den Abgrenzungskriterien dominierte die Tagung: Zu fließend waren die Übergänge, zu fein strukturiert die Diskussion, zu changierend manche Positionen. Die Problematik wurde diskutiert am Beispiel zahlreicher Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen aus der Republik. Wie komplex sich die Fragestellungen im Einzelfall gestalteten, zeigte ein Beitrag über das Werk von Thomas Mann.
Einig waren sich die Tagungsteilnehmer darüber, daß das semantische Umfeld, in dem der Demokratiebegriff in der Weimarer Republik auftrat, noch eingehend zu untersuchen sei. Der Terminus taucht in der Weimarer Reichsverfassung selbst nicht auf. Doch gebe diese mit ihrer Präambel ("Das deutsche Volk, einig in seinen Stämmen"), der Volkssouveränität (Art. 1 Abs. 2 WRV: "Die Staatsgewalt geht vom Volke aus.") sowie dem Verhältniswahlrecht (Art. 17, 22 WRV) mindestens drei Anknüpfungspunkte für die Bestimmung eines eigenständigen Demokratiekonzepts.
Die Debatten warfen auch neue Fragen auf: Schon der Begriff demokratisch erwies sich als problematisch: Reichen formale Kriterien wie die bloße Zugänglichkeit von Texten für die Qualifikation als demokratisch aus oder müssen inhaltliche Kriterien hinzukommen? Anhand welcher Kriterien kann ein Staatsrechtler als Demokratietheoretiker bezeichnet werden? Wie sind demokratische im Verhältnis zu anderen Gedanken zu definieren? Reicht hier insbesondere die Offenheit gegenüber anderen, neuen Gedanken aus? Im Ergebnis ermöglichte die Tagung, die Debatte zum demokratischen Denken in der Weimarer Republik nun mit konkreteren Fragestellungen fortzuführen. Die Tagung wandte sich einer neuen wissenschaftlichen Fragestellung zu und brachte nach Ansicht aller Teilnehmer einen reichen Ertrag.

Teilnehmende
Lothar Albertin (Horn-Bad Meinberg), Hubertus Buchstein (Greifswald), Horst Dreier (Würzburg), Dieter Grimm (Berlin), Hans Markus Heimann (Greifswald), Stefan Korioth (Greifswald), Skadi Krause (Berlin), Jörg-Detlef Kühne (Hannover), Detlef Lehnert (Berlin), Oliver Lepsius (München), Roland Lhotta (Bremen), Marcus Llanque (Berlin), Gertrude Lübbe-Wolff (Bielefeld), Karsten Malowitz (Berlin), Reinhard Mehring (Berlin), Christoph Möllers (Dresden), Wolfgang Mommsen (Berlin), Gerhard Nitz (Bielefeld), Stanley L. Paulson (Kiel), Tina Pohl (Bielefeld), Ralf Poscher (Berlin), Wolfram Pyta (Stuttgart), Peter Reichenbach (Bielefeld), Ulli Rühl (Bremen), Dian Schefold (Bremen), Ulrich Steinvorth (Hamburg), Manfred H. Wiegandt (Warcham, MA), Andreas Wirsching (Augsburg), Rainer Wolf (Freiberg), Katja Ziegler (Bielefeld), Sabrina Zucca (Bremen)



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