Center for Interdisziplinary Research
 
 

Hohe Kunst im Zeitalter des schönen Stils

Das Bielefelder Retabel im Kontext spätmittelalterlicher Geschichte, Frömmigkeit und Kunst

Termin: 22. - 24. Juni
Leitung: Hartmut Krohm (Berlin)

Die Tagung war den Anfängen der spätgotischen Tafelmalerei in Westfalen gewidmet, die seit dem ausgehenden 14. Jahrhundert eine Blüte erlebt hatte. Im Mittelpunkt stand das vor 600 Jahren im Chor der Neustädter Pfarr- und Stiftskirche St. Marien in Bielefeld aufgerichtete Retabel des Berswordt-Meisters, das zwar allgemein zu den Hauptwerken altdeutscher Kunst zählt, jedoch bisher kaum die seiner Bedeutung entsprechende Würdigung gefunden hat. Zudem wartet es mit einem umfangreichen, von der Forschung nur unzureichend interpretierten Bildprogramm auf, das auf ein hohes intellektuelles Niveau zugeschnitten scheint. Ungeklärt waren die historischen Umstände, die zur Stiftung des aufwendigen Werkes geführt hatten, ferner eine Vielzahl von Fragen, die mit dem Tätigkeitsort des anonymen Meisters, der Datierung der wenigen ihm zugeschriebenen Arbeiten, seinen künstlerischen Voraussetzungen und seinem Auftraggeberkreis zusammenhängen. Ohne daß dies auch nur annähernd gesichert wäre, wird vermutet, daß der Berswordt-Meister in Dortmund ansässig gewesen ist: In der Dortmunder Marienkirche befindet sich das für den Meister namengebende Werk, ein von einem Mitglied der angesehenen Patrizier- und Kaufmannsfamilie gestiftete Kreuzigungsretabel, dessen Entstehungsdatum umstritten ist (wobei die Vorschläge um Jahrzehnte differieren).
Die Tagung, an der ca. 100 Kunsthistoriker, Historiker, Theologen und Restauratoren aus Deutschland, Tschechien, Polen, England und den USA teilnahmen, stellte sich zunächst die Aufgabe, die Bedeutung des Bielefelder Retabels und des Berswordt-Meisters herauszuarbeiten. Hinsichtlich seines Ranges trifft man bis in die jüngste Literatur auf völlig unterschiedliche Bewertungen, die auch in Bielefeld kontrovers diskutiert worden sind. Während auf der einen Seite dem Künstler Eigenständigkeit abgesprochen und auf eine Abhängigkeit von dem in etwa gleichzeitigen Conrad von Soest gepocht wurde, betonten die meisten Teilnehmer die Unabhängigkeit von jenem Meister sowie seine Ebenbürtigkeit. Insbesondere die Erörterungen vor den Originalen in Bielefeld, Dortmund und Soest während dieser Tagung führten zu wesentlichen Erkenntnissen; so darf die Nikolaustafel in Soest nun definitiv aus dem Œvre sowohl des Berswordt-Meisters als auch des Conrad von Soest gestrichen werden.
Die meisten der insgesamt gründlich erarbeiteten Beiträge von kunsthistorischer Seite, zum größten Teil von jüngeren Fachkolleginnen und –kollegen, beschäftigten sich mit den unterschiedlichen Kunstregionen Mitteleuropas, Italiens, Frankreichs und den Niederlanden. Gefragt wurde nach der Position des Berswordt-Meisters innerhalb des internationalen Schönen Stils um 1400, geprägt von den Zentren Prag und Paris sowie Entwicklungen in Italien. Wegen der beim Berswordt-Meister evidenten Berührung mit westeuropäischer Kunst standen Fragen nach entsprechenden Kontakten etwa in bezug auf Böhmen und das Deutschordensland im Blickpunkt. Die einzelnen Forschungsberichte der Tagung machten deutlich, welche Schwierigkeiten es bereitet, den Künstler genauer einzuordnen. Soweit war jedoch ersichtlich, daß es sich bei dem Berswordt-Meister um einen Maler handelt, der weitreichende Kenntnisse besessen haben muß, selbst in einer der Metropolen damaliger Kunst vorstellbar wäre und in gedanklicher Hinsicht anspruchsvoller als ein Conrad von Soest gestaltete.
Die bisher berücksichtigten Fakten, die im Hinblick auf die Entstehung des Bielefelder Retabels Relevanz besitzen könnten, wurden erneut dargelegt und erörtert. In jedoch viel stärkerem Maße als bisher kam die Sprache auf die Bedeutung des Chores der Neustädter Kirche als Grablege Ottos III. von Ravensberg und der damit verknüpften Pflege und möglichen Erweiterung der Memoria. Damit rückte erstmals auch der Gedanke einer Stiftung durch Wilhelm I. von Jülich, Herzog von Berg und zugleich Nachfolger der Grafen zu Ravensberg, in den Blick. Die bisher apostrophierte angebliche Alleinverantwortung der Kanoniker des Stiftes ist damit in Zweifel gezogen. Es wurden folglich im Laufe der Tagung wichtige neue Fragestellungen zur Auftragssituation formuliert, die Ausgangspunkt weiterer Forschung sein müßten.
Auch wenn der Frage nach dem Retabelprogramm und der in ihm verdeutlichten Inhalte nicht in dem gewünschten Umfang nachgegangen werden konnte, so waren dennoch zwei wichtige Beiträge zu verzeichnen, der eine von Alfred Menzel, Pfarrer der Neustädter Kirche, der sich auch die Erforschung des Retabels zur Aufgabe gemacht hat, der andere von einer jüngeren Kunsthistorikerin, Ulrike Heinrichs-Schreiber, die ihren Beitrag als öffentlichen Abendvortrag hielt und hier hinsichtlich der Interpretation spätmittelalterlicher Bildprogramme grundlegend neue Wege wies. Verdeutlicht wurde damit gleichzeitig, daß sich die Forderung nach interdisziplinärer Ausweitung nicht nur an eine "gemischte" Arbeitsgruppe, sondern auch an die individuelle Arbeitsweise jeden einzelnen Wissenschaftlers gleich welcher fachlichen Orientierung richtet.

Teilnehmende
Gertrud Angermann (Bielefeld), Sabine Arend (Berlin), Thomas Beck (Berlin), Mechthild Beilmann-Schöner (Rheine), Anette Berg (Hannover), Horst von Berhuth (Bielefeld), Evelyn Bertram-Neunzig (Köln), Wolfgang Beyrodt (Berlin), Katja Brunnenkamp (Hannover), Julien Chapuis (New York, NY), Brigitte Corley (London), Maria Deiters (Berlin), Georg Erb (Osnabrück), Jiri Fajt (Prag), Eva Fitz (Potsdam), Uwe Gast (Mainz), Ewa Gilun (Hamburg), Gisela Goldberg (München), Heide Grape-Albers (Hannover), Iris Grötecke (Bochum), Erika Grothaus (Bielefeld), Georg Habenicht (Göttingen), Babette Hartwieg (Hannover), Ulrike Heinrichs-Schreiber (Bochum), Karl Hengst (Paderborn), Iris Herpers (Gelsenkirchen), Daniel Hess (Nürnberg), Thomas Hirthe (Hannover), Annette Hörig (Leipzig), Ludwig Hoffmann (Bielefeld), Andreas Hornemann (Dresden), Inge Janssen (Dortmund), Géza Jászai (Münster), Archimandtrit Johannes (Buchhagen), Frank Matthias Kammel (Nürnberg), Reinhard Karrenbrock (Münster), Ties Karstens (Gelsenkirchen), Stephan Kemperdick (Frankfurt am Main), Holger Kempgens (Köln), Irmgard Kerber (Bielefeld), Christine Kitzlinger (Göttingen), Charlotte Klack-Eitzen (Hamburg), Peter Klein (Hamburg), Tatjana Klinger-Roggenhofer (Bielefeld), Martina Klug (Dortmund), Ralph Knickmeier (Hamburg), Antje-Fee Köllermann (München), Bernd Konrad (Potsdam), Annegret Laabs (Dresden), Adam Labuda (Berlin), Karin Leopold (Hannover), Susanne Leydag (Senden), Thomas Lüttenberg (Bielefeld), Jochen Luckhardt (Braunschweig), Gerhard Lutz (Hildesheim), Alexander Markschies (Aachen), Alfred Menzel (Bielefeld), Katja Mieth (Dresden), Anna Moraht-Fromm (Berlin), Martin Müller (Bielefeld), Joachim Myssok (Münster), Ulrike Nürnberger (Berlin), Eike Oellermann (Heroldsberg), Götz Pfeiffer (Berlin), Eva Pieper-Rapp-Frick (Hagen), Herbert Pötter (Hannover), Andreas Priever (Bielefeld), Ursula Pütz (Paderborn), Holger Quandt (Berlin), Hierodiakon Raffael (Buchhagen), Wolfgang Rinke (Dortmund), Christine Rödling (Braunschweig), Barbara Rommé (Münster), Heinrich Rüthing (Bielefeld), Annette Rubin (Münster), Annette Scherer (Nürnberg), Marita Schlüter (Everswinkel), Klaus Schreiner (Bielefeld), Brigitte Schröder (Hannover), Klaus-Peter Schumann (Bielefeld), Gabriela Signori (Bielefeld), Ulrich Söding (München), Milada Studniková (Prag), Georg Syamken (Hamburg), Candida Syndikus (Münster), Friedhelm Theiling (Bielefeld), Tamara Thiesen (Berlin), Arnulf von Ulmann (Nürnberg), Brigitte Vöhringer (Münster), Reinhard Vogelsang (Steinhagen), Ludmila Vopravilova (Porta Westfalica), Gerhard Weilandt (Berlin), Matthias Weniger (Berlin), Evelin Wetter (Leipzig), Hildegard Wiewelhove (Bielefeld), Carolin Wilhelm (Gelsenkirchen), Moritz Woelk (Berlin), Andrea Zupancic (Dortmund)



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