Center for Interdisziplinary Research
 
 

Johann Sebastian Bach

Musik, Kunst und Wissenschaft in der Zeit des Rationalismus

Termin: 27. - 29. September
Leitung: Christoph Wolff (Cambridge, MA)

Anläßlich des Bach-Gedenkjahres (250. Todestag des Komponisten) lud das ZiF vom 27. bis 29. September 2000 zu einer Tagung mit dem Thema "Johann Sebastian Bach, Musik, Kunst und Wissenschaft in der Zeit des Rationalismus" ein. Der aktive Teilnehmerkreis umfaßte 15 Vertreterinnen und Vertreter der historischen Musikwissenschaft, Musiktheorie, Geschichte, Philosophie, Theologie, Germanistik, Altphilologie, Kunst- und Wissenschaftsgeschichte, die sich in Vorträgen und ausgiebigen Diskussionen mit den vielfältigen Verflechtungen befaßten, in die sich Bachs Musik und ihre unmittelbare Wirkungsgeschichte eingebettet findet. In unmittelbarem Zusammenhang mit der Tagung fand am Donnerstag, dem 28. September, im Plenarsaal des ZiF ein Gesprächskonzert statt, das von Elfriede Stahmer (Violine) und Martin Rieker (Cembalo) organisiert worden war. Christoph Wolff, wissenschaftlicher Leiter der Tagung, führte in das Programm ein und erläuterte, wie die dargebotenen Werke aus der Zeit um 1740 in besonderer Weise das Selbstverständnis des Komponisten und seine Rolle in einem breiteren Kontext widerspiegeln. Eingerahmt von Teilen des Musikalischen Opfers und der Kunst der Fuge fanden sich das dreisätzige Lautenwerk in Es-Dur BWV 998, die Flötensonate E-Dur BWV 1035 und die Triosonate A-Dur BWV 1025 samt ihrer Vorlage, einer Lautensuite von Silvius Leopold Weiß.
Bach verstand seine Arbeit als Komponist als "musicalische Wissenschaft". In diesem Sinne widmete er 1733 dem Dresdner Hof seine Missa in h-Moll (Kyrie und Gloria der nachmaligen h-Moll-Messe) und apostrophierte in dem zugehörigen Widmungsschreiben das Werk als Beispiel "derjenigen Wißenschafft", die er "in der Musique erlanget". Fünf Jahre später wurde in Leipzig von dem Magister Christoph Mizler eine "Correspondierende Sozietät der Musicalischen Wissenschaften" gegründet. Bach trat später dieser ersten akademie-ähnlichen Vereinigung auf dem Gebiet der Musik bei.
Wie kein anderer unter den bedeutenden Musikern seiner Zeit bemühte sich Bach um die rationalen Grundlagen seiner Kunst. Dazu gehören seine Bemühungen um die Physiologie des Clavier-Fingersatzes ebenso wie seine Beteiligung an der Entwicklung der Technologie gewisser Musikinstrumente. Vor allem definierte er im Wohltemperierten Clavier als erster das durch die Entwicklung der gleichschwebenden Temperatur ermöglichte erweiterte Tonartenspektrum, fixierte in der Kunst der Fuge die Gattung "Fuge" und schuf mit diesen und ähnlichen Kompositionen praktische Werke mit wissenschaftlichem Anspruch. Nicht ohne Grund wird bereits in Bachs Todesjahr 1750 eine Verbindung zu Isaac Newton geschlagen, und 1784 heißt es schließlich bei C.D.F. Schubart: "Was Newton als Weltweiser gewesen, war Sebastian Bach als Tonkünstler." Aus kompositionsgeschichtlicher Perspektive gesehen, legte Bach in der Tat ein neues Fundament für die Musik, ohne das etwa die Wiener Klassik und spätere Entwicklungen in der Musik schlechterdings nicht denkbar erscheinen.
Für 27 Jahre im unmittelbaren Umfeld der Universität Leipzig lebend und wirkend, konnte die Atmosphäre einer der Weltweisheit gewidmeten Lehr- und Forschungsanstalt nicht ohne Einfluß auf ihn bleiben. Der Philosoph und Literaturwissenschaftler Johann Christoph Gottsched, der Philologe Johann Matthias Gesner oder der Physiker Johann Heinrich Winckler (Bachs Collega quartus an der Thomasschule und Verfasser eines Kantatentextes) waren seinerzeit besonders prominente Exponenten moderner Universitätswissenschaft. Speziell mit ihnen befaßten sich die Referate von Hans Joachim Kreutzer, Ulrich Schindel und Myles Jackson. Dem Schulhumanismus der Zeit und den besonderen Verhältnissen der Leipziger Thomana widmeten sich Peter Lundgren und Stefan Altner. Zu Architektur und Kunst der Bach-Zeit sprachen Christian Otto und Wolfgang Hocquél, philosophische Aspekte betrachteten Rüdiger Bittner und Michael Wolff; Elke Axmacher brachte die Theologie ins Spiel. Thomas Christensen und Wilhelm Seidel diskutierten Bachs Stellung innerhalb der zeitgenössischen Musiktheorie und Musikästhetik, während Ulrich Leisinger und Hans-Joachim Schulze als Vertreter der Bach-Forschung im engeren Sinne Bachs "Drahtzieher"-Rolle im Gelehrtenstreit um den Freiberger Rektor Biedermann sowie Bachs Empirikertum erörterten.
Die von intensiven Diskussionen gefolgten Vorträge der Vertreter verschiedener Disziplinen verhalfen dazu, den Kontext für Bachs Musik und insbesondere ihren ideengeschichtlichen Ort zu erhellen sowie Aspekte der Kunst in dem weiter gefaßten Wissenschaftsbegriff des 18. Jahrhunderts bewußter in unser Verständnis von Johann Sebastian Bach einzubeziehen.

Teilnehmende
Stefan Altner (Leipzig), Elke Axmacher (Bielefeld), Rüdiger Bittner (Bielefeld), Philippe Blanchard (Bielefeld), Thomas S. Christensen (Chicago, IL), Wolfgang Hocquél (Leipzig), Myles W. Jackson (Salem, OR), Hans Joachim Kreutzer (Regensburg), Ulrich Leisinger (Leipzig), Peter Lundgreen (Bielefeld), Christoph Ogawa-Müller (Enger), Christian F. Otto (Ithaca, NY), Martin Rieker (Halle in Westfalen), Ulrich Schindel (Göttingen), Burghard Schloemann (Herford), Hans-Joachim Schulze (Leipzig), Wilhelm Seidel (Leipzig), Adelheid van der Kooi-Wolf (Paderborn), Michael Wolff (Bielefeld)



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